Filmreife Landschaft

Das Val d’Orcia ist das ursprünglichste und womöglich schönste Tal der Toskana. Dank einem Wegnetz von 250 Kilometern ist es ein Paradies für Wanderer.

Diese Weite: Das zum Unesco-Weltkulturerbe gehörende Val d’Orcia bei Pienza, im Hintergrund der Monte Amiata. Foto: Laif

Diese Weite: Das zum Unesco-Weltkulturerbe gehörende Val d’Orcia bei Pienza, im Hintergrund der Monte Amiata. Foto: Laif

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Die Italiener lieben es, Auto zu fahren, mit dem Mofa rumzukurven oder auch einmal ein Rennrad zu besteigen. Aber wandern? Das gehört nicht zum Fortbewegungsrepertoire – zumindest nicht, wenn es nach dem Klischee geht.

In einem Tal südlich von Siena ändert sich das gerade: Wer sich hier, im wunderschönen Val d’Orcia, mit Christina Mairhofer auf Wanderung begibt, wird schnell eines Besseren belehrt. Schon bald kommen zwei sardische Ehepaare in hautengen, neonfarbenen Laufklamotten der kleinen Wandergruppe entgegen. Sie gehen zügig voran, plaudernd und lachend. Mit ihnen zusammen befinden wir uns auf einem Netz von 250 Kilometer Wanderwegen. Es überzieht das gesamte Tal. Die Wege sind schön instand gesetzt, gepflegt und ausgeschildert.

Vom malerischen Pienza, einer «Perle der Renaissance», wie es in Reiseführern heisst, dem Geburtsort von Papst Pius II., geht die Wanderung den Hügel hinunter, durch Getreidefelder zu weiteren Hügeln, auf deren Kuppen Zypressen stehen. Der Horizont ist weit, wenn auch mit Wolken überzogen, einzelne toskanische Villen heben sich dramatisch gegen den Himmel ab. Die Szenerie wirkt, als wäre sie einem Gemälde der grossen Meister entsprungen – tatsächlich soll die Landschaft bereits in der Renaissance unzählige Künstler inspiriert haben.

16 Oscars für das Tal

Und sie tut es bis heute. Ridley Scotts «Gladiator» (2000, mit 5 Oscars ausgezeichnet) wurde teilweise hier, in der Nähe von Pienza, gedreht; in der Schlussszene ist eines der Anwesen zu sehen, das mitten im Tal steht. Die Kloster­anlage St. Anna in Camprena diente als Kulisse für Anthony Minghellas «Der englische Patient» (1992, 9 Oscars); Chris Weitz’ «The Twilight Saga: New Moon» (2009) spielt auch in Montepulciano – das ganz in der Nähe liegt. Die Liste lässt sich ohne Weiteres verlängern mit Franco Zeffirellis «Romeo und Julia» (1968, 2 Oscars), Bernardo Bertoluccis «Gefühl und Verführung» (1996), Gary Winicks «Briefe an Julia» (2010), Michael Hoffmans «Ein Sommernachtstraum» (1999), Audrey Wells’ «Unter der Sonne der Toskana» (2003) und Andrei Tarkowskis «Nostalghia» (1983). Unzählige Tränen und Sehnsuchtsmomente also – und 16 gewonnene Oscars.

Alle Filmteams waren wohl auf der Suche nach dem ursprünglichen, dem wahren Toskanischen – und haben es gefunden. Denn das Val d’Orcia hat etwas, was kein anderes Tal in der Toskana vorweisen kann: Die bezaubernde Landschaft steht unter dem Schutz der UNO – als Unesco-Weltkulturerbe.

Schlussszene von «Gladiator» im Val d'Orcia. Quelle: Youtube

Das zeigt sich auch auf dieser Wanderung. Man kann die Schönheit geniessen, in idealem Tempo all die typisch toskanischen Eigenheiten betrachten, aufsaugen, riechen. Die Zypressen, die Olivenbäume, die Reben, das malerische Städtchen Monticchiello. Die Steigungen sind moderat, die Temperaturen auch – im Frühling und im Herbst bis in den Winter hinein sind sie geradezu ideal zum Wandern.

Christina Mairhofer macht eine ausladende Geste. «Ich liebe diese Weite, das Lichtspiel, die Stimmung, die sich immer wieder ändert.» Die Österreicherin kennt hier jeden Hügel, jede Pflanze und jede Legende. Vor 15 Jahren kam sie her – und ist der Liebe wegen geblieben.

Sie zeigt auf ein Städtchen auf einem Hügel: Montalcino, die Heimat des berühmten Brunello, mit zahlreichen Weingütern, die man besichtigen kann. Zum Beispiel das legendäre Tenuta Castelgiocondo, eines der sechs Güter der Familie Frescobaldi, die hier bereits in der 30. Generation, seit dem Jahr 1300, ihre Weine herstellt. Oder das Casato Prime Donne, ein junges Weingut, das ausschliesslich von Frauen geführt wird.

Tal des Pecorinos

Doch das Gourmet-Ziel der heutigen Wanderung ist ein anderes: die Mulina Val d’Orcia, eine alte Mühle, die vom jungen Agronomen Amedeo Grappi wieder instand gestellt wurde und nun betrieben wird, während sein Vater Luchino Grappi Getreide anbaut. Hier kann man sehen, riechen und kosten, wie aus traditionellen Mehlsorten Pasta gemacht wird. Die leckeren Teigwaren, die vor Ort gekauft werden können, sind im ganzen Umland bekannt. «Alles biologisch, alles von hier und gut bekömmlich», sagt Amedeo Grappi. Die kleine Wandergruppe bleibt zum Essen, zu einer Pasta mit Tomatensauce, gekocht von Mutter Palmina Grappi. Und was für eine Sauce! Und was für ein Wein! Und was für ein Käse! Pecorino, Schafskäse, wie er für das Tal typisch ist.

Die vier sardischen Wanderer singen, Männer und Frauen wechseln sich ab, der ganze Raum klatscht. Warum sie hierherkommen, wo sie doch zu Hause das Meer haben? «Nirgendwo ist Italien schöner, nirgendwo gefällt es uns so gut wie hier», sagt einer der Männer, Marcello – und stimmt ein neues Lied an.

Christina Mairhofer kennt das: «Die kommen seit Jahren immer wieder.» Wie viele der Hotelgäste. Man kann sie gut verstehen.

Die Reise wurde unterstützt vom Hotel Adler Thermae.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2018, 19:05 Uhr

Tipps und Infos

Wandern und geniessen

Anreise: Flüge täglich von Zürich nach Florenz, Rom oder Pisa. Mit dem Zug bis nach Chiusi-Chianciano Terme.

Unterkunft: Eine Woche im Hotel Adler Thermae in Bagno Vignoni kostet ab 1460 Euro p. P., inkl. Vollpension, www.adler-thermae.com

Wandern: Das Wanderwegnetz geht auf die Initiative von Hoteldirektor Anton Pichler zurück. Mit seiner Crew, zu der auch Christina Mairhofer gehört, brachte er Landbesitzer und Kommunen dazu, sich am Projekt zu beteiligen. Mittlerweile ist das Wegnetz 250 Kilometer lang. Das Hotel Adler Thermae bietet Gästen fast täglich Genusswanderungen an, die je nach Saison mit einem kulinarischen Extra verbunden werden: Trüffel­ suchen, Safran ernten, Wein degustieren, Schweine füttern und vieles mehr. Alljährlich organisiert das Hotel zudem einen langen Wandermarathon über 42 Kilometer, bei dem selbst der Direktor mitwandert.

Ausflüge: Mühle: www.mulinovaldorcia.it, Weingüter: www.frescobaldi.com (Castelgiocondo); www.cinellicolombini.it (Casato Prime Donne)

Allgemeine Infos www.terresiena.it; www.valdorcia.net (Red)

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