Schlemmen und staunen

Der Glacier Express wird noch luxuriöser. Die kräftigen Investitionen sollen Touristen anlocken.

Der langsamste Schnellzug der Welt: In der Excellence Class des Glacier Express durch die tief verschneite Berglandschaft. Foto: Glacier Express

Der langsamste Schnellzug der Welt: In der Excellence Class des Glacier Express durch die tief verschneite Berglandschaft. Foto: Glacier Express

Wer ein Ticket für die Excellence Class besitzt, wird bereits am Bahnsteig von einem Concierge in Empfang genommen – und betritt einen der zwei exklusivsten Eisenbahnwagen der Welt. Der Zugbegleiter kredenzt dem in einem feudalen Sessel mit elektrischer Sitzverstellung ruhenden Gast einen Apéro und schliesslich ein 5-Gang-Menü inklusive Weinbegleitung. Seit Anfang des Monats bietet der Glacier Express dieses neue Zugerlebnis. Zentral bleibt aber nach wie vor der legendäre Ausblick.

«Früher fuhr der Glacier Express zwischen Visp und Zermatt an sieben Gletschern vorbei. Heute sind sie weiter weg», sagt der Walliser Zugchef Kurt Leuenberger, der in Disentis zusteigt. Hier übernimmt die Matterhorn Gotthard Bahn (MGBahn) den Zug Richtung Wallis. Die Luxus-Waggons hängen dann hinter einer HGe 4/4 II. Die schmalspurige gemischte Zahnrad- und Adhäsionslokomotive zieht den Zug mühelos auf den 2033 Meter hohen Oberalppass und befördert ihn sicher wieder ins Tal. «Die Reisenden sollen wenigstens noch eine Ahnung davon haben, wie Gletscher aussehen», sagt Leuenberger mit einem Lächeln und dem Verweis auf die Klimaerwärmung.

Durch 91 Tunnel undüber 291 Brücken

Immer wieder hat sich der Glacier Express in seiner bald 90-jährigen Geschichte anders entwickelt als die Zugbranche. «Heute sind wir das einzige Bahnunternehmen der Schweiz, das ohne Subventionen auskommen muss», sagt Annemarie Meyer, die Geschäftsführerin der Glacier Express AG. Das Unternehmen gehört neben der Matterhorn Gotthard Bahn zur anderen Hälfte der Rhätischen Bahn.

1930 wurde die Strecke zwischen Zermatt und St. Moritz in Betrieb genommen. Das ganze Jahr befahrbar ist sie aber erst seit der Fertigstellung des Furka-Basistunnels 1982. Ein weiterer Meilenstein erfolgte elf Jahre später, als erstmals Panoramawagen den Blick hoch zu den Berggipfeln ermöglichten.

Gemächlich, mit 60 oder sogar nur 45 Stundenkilometern, fährt der Zug jeweils durch die Rheinschlucht oder über das Landwasserviadukt. Auf seiner 291 Kilometer langen Reise taucht er ein in imposante Bergwelten und fährt vorbei an idyllischen Bergdörfern. Dann wieder rollt der langsamste Schnellzug der Welt durch tiefe Schluchten, entlang schroffer Felswände, passiert 91 Tunnel und rollt über 291 Brücken.

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Wohl kein touristisches Angebot fasst das Bild einer heilen und behüteten Schweiz so perfekt zusammen wie der Glacier Express. Als in der wechselvollen Geschichte der Bahn einmal seine Still­legung erwogen wurde, soll der damalige Chef von Schweiz Tourismus in den USA damit gedroht haben, sein Büro in New York zu schliessen, weil in diesem Fall kein Amerikaner mehr die Schweiz besuchen werde.

Weil aber vier von fünf Gästen den Zug nur einmal im Leben benützen, muss sich der Glacier Express immer wieder neu erfinden. Lag die Zahl der Fahrgäste in den Neunzigerjahren noch bei einer Viertelmillion, schrumpfte sie 2016 auf 187000. «Damit ist ein profitabler Betrieb langfristig nicht möglich», erinnert sich Meyer. «Stagnierende Frequenzen machten eine Repositionierung dringlich», ergänzt David Wiegratz. Als Projektleiter Rollmaterial Engineering bei der Rhätischen Bahn erhielt er zusammen mit seinem Pendant bei der Matterhorn Gotthard Bahn den Auftrag, den Glacier Express noch einzigartiger zu machen. Für 20 Millionen Franken wird unter seiner Führung bis 2021 nun das gesamte Rollmaterial erneuert.

Die Eisenbahnwagen der Excellence Class mit dem handgetufteten Teppich auf dem Flur, den Tischlampen, die wie aus Gletschereis gefräst erscheinen, und dem Seitenfries, das mit scherenartigen Berglandschaften vergoldet ist, sind erst ein Anfang. Auch das Infotainment fehlt nicht, das Wissenswertes über die Fahrstrecke preisgibt und Zugang zum Internet bietet.

Mit dem Glacier Express in die Innerschweiz

Selbst die Toilette könnte in einem Luxushotel stehen. Prunkstück der Excellence Class ist eine Bar (alkoholische Getränke kostenpflichtig) mit einer Kompasskuppel, die mit Blattgold ausgekleidet ist. Noch zeigt aber die Kompassrose «unter anderem auch wegen störender magnetischer Felder» nicht immer Richtung Norden, wie Wiegratz einräumt. Kinderkrankheiten, wie sie bei Prototypen gerne mal vorkommen.

Zwar haben sich seit dem Investitionsentscheid die Auslastungszahlen massiv verbessert. Im letzten Jahr wurden wieder über 233'000 Fahrgäste gezählt. Trotzdem wird der Glacier Express in den nächsten zwei Jahren rundum erneuert. «Die ganze Flotte soll mehr Swissness und Alpin Chic erhalten», sagt Wiegratz. Meyer spricht von einem «grosszügigen Upgrade», das sich durch ein neues Innendesign auszeichne und sich jenem der Excellence Class anpasse.

Und wenn es nach Zugführer Kurt Leuenberger ginge, wird der Glacier Express irgendwann nicht nur viel schöner und luxuriöser sein als heute, sondern auch die Innerschweiz anfahren. «Luzern wäre mein Traum», sagt er. Er setzt deshalb seine ganze Hoffnung auf den Bau eines Grimsel-Tunnels. Dieser würde die Schmalspurnetze der Schweiz tatsächlich zu einem einzigen zusammenhängenden, 850 Kilometer langen Bahnnetz im Alpenraum erweitern – und die Lok HGe 4/4 II endgültig zur Heldin der Zahnradbahnen machen.

Diese Reise wurde unterstützt von Glacier Express, Zürich; Fahrpreis in der Excellence Class: 420 Fr. zusätzlich zum 1.-Klasse-Ticket, www.glacierexpress.ch

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