Im Wald der geheimnisvollen Gewässer

Sonntagsausflug nach Flims GR, wo Kühe, Könige und Kinder in den Bergseen baden und Wanderer erstaunt innehalten.

Mystische Umgebung, bizarre Unterwasserwelt: Crestasee, der See am Waldgrat. Foto: Gaudenz Danuser

Mystische Umgebung, bizarre Unterwasserwelt: Crestasee, der See am Waldgrat. Foto: Gaudenz Danuser

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Sie seien, so hört und liest man immer wieder, die schönsten im ganzen Land, wenn nicht gar, wie viele meinen, im gesamten Alpenbogen. Verborgen im dichten Tannenwald, verbunden durch schattige Wanderwege, funkeln die Flimser Bergseen wie Smaragde in der Nachmittagssonne.

Wir haben die Badehose eingepackt, uns vier Stunden Zeit genommen und die Schritte vom Ortsteil Waldhaus zunächst nordwärts gelenkt, zum kleinen Lag Prau Pulté, der kreisrund und unspektakulär in einer Lichtung auftaucht. Der Lag Prau Tuleritg, eine Viertelstunde weiter südöstlich, könnte sein grosser Bruder sein, zwischen den Bäumen lächelt er herüber und ladet, frei nach Schiller, zum Bade …

Über den Wipfeln quellen weisse Wolken. Drückend schwül ist die Luft, erfrischend kühl das Wasser. Sommer pur. Bedrohlich grollts im Gewölk, schon rumpelt der erste Donner, und der eben noch heitere Himmel öffnet seine Schleusen.

Der Bergsturzkatastrophe sei Dank

Wir fliehen aus dem See, suchen Schutz unter dem ausladenden Geäst einer Tanne und fragen uns, wie wohl der ganz grosse Krach über dieses Tal hereingebrochen ist – damals, als die Geburtsstunde des Flimser Seen-Paradieses schlug: Vor knapp zehntausend Jahren lösten sich hoch oben am Flimserstein zehntausend Millionen Kubikmeter Kalkstein; der halbe Berg donnerte in die Tiefe und staute das Bett des jungen Rheins. Es war eine der grössten Bergsturzkatastrophen der Erdgeschichte, die einst die Grundlage für eine der schönsten Bündner Berglandschaften geschaffen hat.

So plötzlich, wie es sich über uns aufgebaut hat, hat sich das Gewitter bald wieder in Wohlgefallen aufgelöst; nur das tropfende Geäst und der Dampf, der aus dem dichten Farnteppich steigt, erinnert an den Wolkenbruch.

Vor dem Selbstbedienungs­restaurant am Nordufer des Caumasees spannen sie schon wieder die Sonnenschirme auf. Der grösste und berühmteste ist zugleich der geheimnisvollste und widersprüchlichste der vier Flimser Seen. Geheimnisvoll, weil er weder über einen Zu- noch einen Abfluss verfügt und doch seinen Wasserstand im Winter sinken und von April bis Juli um nahezu zwei Meter steigen lassen kann. Ein mit Bäumen locker bewachsener Hügel präsentiert sich im Frühling als Landzunge, die man trockenen Fusses erreicht; im Hochsommer aber verwandelt er sich in eine hübsche kleine Insel mitten im See: Man muss hinüberschwimmen.

See der Mittagsruhe zum Rummelplatz verkommen

Allerlei Gerüchte ranken sich auch um die Heilkraft des Caumasees. Hirten sollen einst das kranke Vieh ins Wasser getrieben haben, gesund seien die Tiere alsbald wieder ans Ufer gestiegen; selbst eine niederländische Königin sei hergereist, um im Caumasee von ihren Gebrechen geheilt zu werden.

Ah ja? Wann war das? Wie hiess sie? Was hatte sie? Achselzucken. Genaues weiss man nicht.

Und widersprüchlich, weil schon der romanische Name des Caumasees die Realität verhöhnt: Der See der Mittagsruhe ist zum Rummelplatz verkommen, schreiende Kinder und plärrende Lautsprecher übertönen das Idyll; am nördlichen Ufer trennt ein kilometerlanger, mannshoher Zaun den Waldweg vom See und den Wanderer vom zahlenden Badegast. Und neben der Kasse führt eine Standseilbahn hinauf zu den Parkplätzen.

Der schönste Bergsee der Schweiz? Schon lange nicht mehr, bloss weg von hier!

Als erblicke man eine andere Welt in einer anderen Zeit.

Eine Wanderstunde weiter östlich und 150 Meter weiter unten liegt verträumt der Crestasee, der See am Waldgrat, auf der Grenze zwischen Flims und Trin. Eine Badegebühr wird auch hier erhoben, doch statt des Zehnernötlis, das drüben beim Caumasee das Drehkreuz öffnet, genügt hier ein Fünfliber, den man am Kiosk abgibt. Gut beraten ist, wer Schnorchel und Taucherbrille mitgebracht hat: Ihm öffnet sich die Aussicht auf eine archaische Unterwasser­landschaft, bizarr ineinander verkeilte Baumstämme erinnern an schlafende Krokodile, und wer geduldig im Wasser schwebt, wird bald die grauen Schatten der Fische erkennen, die zwischen den modernden Echsen herauf­­äu­gen – es ist, als erblicke man eine andere Welt in einer anderen Zeit.

So gesehen, erinnert diese Aussicht an das spektakuläre Panorama, das uns zuvor, auf halbem Weg zwischen dem See der Mittags­ruhe und dem See am Waldgrat, schier den Atem geraubt hat. Beim Rastplatz Conn überblickt man, während die Cervelats überm Feuer ­zischen, die Ruinaulta, die Rheinschlucht. Tief unten lassen sich Riverrafter im Wildwasser von Ilanz nach Reichenau treiben, und hier oben wird deutlich, warum das neue Bett, das sich der Rhein durch den Schuttkegel des Felssturzes gefräst hat, den Übernamen Grand ­Canyon der Schweiz trägt.

Das schönste Gewässer im Paradies der Bergseen ist dieser Fluss.


Weitere Infos: www.flims.com (SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.07.2017, 13:51 Uhr

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