Das Leben liegt in den Details

In der Miniaturwelt Smilestones reicht ein Sonntagsausflug, um einmal durch die Schweiz zu reisen.

Je länger man hinschaut, desto mehr sieht man: Das Berner Oberland. Foto: PD

Je länger man hinschaut, desto mehr sieht man: Das Berner Oberland. Foto: PD

Verwundert bleibt das junge Paar stehen. Die beiden haben auf einem Felsen eine nackte Frau entdeckt. «Schau mal», staunt er. «Die Loreley!» «Unsinn!» Sie schüttelt den Kopf. «Die Loreley ist nicht so schamlos; ausserdem sitzt sie 400 Kilometer flussabwärts auf einem Felsen am Ufer und singt. Aber die hier, die sitzt nicht, die liegt mitten im Rheinfall auf dem Stein.» «Siehst du die beiden Polizisten?» «Sie legen am Felsen eine Leiter an.» «Jetzt kommt sie dran – wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.»«Erregung? Na ja … Aber ärgerlich find ich das nicht, höchstens erstaunlich. Ich frag mich, wie die da raufgekommen ist.»

Fantasieanregend ist die kleine Szene alleweil – auch wenn man schon sehr genau hinschauen muss, um sie überhaupt zu entdecken. Reduziert auf den Massstab 1:87, ist die winzige Nudistin auf dem Rhein-Stein eine von vielen kleinen Episoden, die den Besuchern ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Smilestones heisst denn auch die Miniaturschweiz, die seit einem Jahr neues Leben in die verwaisten Räumlichkeiten des Multi-Konzerns SIG in Neuhausen bringt.

Allerlei kleine Schmunzel-Ideen

Vor Jahresfrist eröffnete die Mini-Schweiz ihre erste Themenwelt – eine präzise, wenn auch nicht ganz verhältnisgerechte Nachbildung der Ostschweiz; von der Luftseilbahn, die auf den Säntisgipfel schwebt, über Appenzell, wo gerade die Landsgemeinde abgehalten wird, bis nach Neuhausen, wo Ausflugsboote ihre Passagiere an den tosenden Wassermassen vorbei ans andere Ufer schippern. Dazwischen stösst der Besucher auf allerlei kleine Schmunzel-Ideen, das Hochzeitsdrama etwa: In der Kirche steht die Braut, in Tränen aufgelöst, allein vor dem Altar, während ihr Fast-Gemahl sich durch Flucht dem Ja-Wort entzieht.

Am Anfang war es eine «hirnrissige Idee»: Smilestones in Neuhausen. Foto: PD

Vor einem guten Monat wurde die zweite Ausbau-Phase vorgestellt – und auch diese, eine Nachbildung des Berner Oberlandes, versetzt den aufmerksamen Betrachter mit überraschenden Effekten abwechslungsweise in entrücktes Staunen und verzücktes Schmunzeln. Sechs Meter hoch ragt das Dreigestirn bis unter die Hallendecke, am Rand einer Schlucht wird ein verunglückter Wanderer auf den Abtransport mit dem Rega-Heli vorbereitet, während ein Krake bei Unterseen unter dem See einen Diamanten bewacht.

«Zuerst dachte ich, der sei zu lange der Sonne ausgesetzt gewesen», erinnert sich Betriebsleiter René Rüedi an den Tag, als die «hirnrissige Idee» geboren wurde. Damals hatte sich Creative Director Raphael Meyer von der grössten Modelleisenbahn-Anlage der Welt inspirieren lassen. Das Miniaturwunderland in Hamburg habe der Schweiz eine Abteilung gewidmet, erzählte er begeistert, das Matterhorn sei allerdings «nicht wirklich» zu erkennen. «Das bringen wir besser hin!»

Geschickte Hände und viel Geduld

Trotz seiner Zweifel reiste Rüedi nach Hamburg, besuchte in der Speicherstadt nahe dem Hafen das «Miwula» – und konnte sofort Meyers Enthusiasmus nachvollziehen. Er arbeitete einen Business-Plan aus und lancierte das ehrgeizige Projekt Smilestones. Heute ist Rüedi für den Betrieb, Meyer für die künstlerische Gestaltung der Ausstellung verantwortlich. Mit Sponsoren, deren Logos diskret, aber unverhohlen in die Anlage integriert sind, haben sie das Startkapital zusammengebracht und ein gutes Dutzend handwerklich geschickter Mitarbeitende einstellen können. «Es braucht enorm viel Fingerspitzengefühl, um etwa das Blätterkleid eines Waldes in Miniaturform zu basteln», erklärt Rüedi. «Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, dass Menschen mit einer Beeinträchtigung genau solche Aufgaben mit viel Geduld und äusserster Präzision meistern.»

Das imposanteste Argument für einen Besuch der Smilestones-Miniaturwelt donnert keine 100 Meter entfernt in die Tiefe: Europas grösster Wasserfall wurde vor 120'000 Jahren von den Gletschern in die Landschaft gefräst – und gilt heute als eines der schönsten Naturspektakel unseres Landes.

Eines der Touristenboote hat die beiden Smilstones-Besucher, die sich eben noch über eine nackte Frau auf dem Felsen wunderten, durch das gischtumsprühte Becken zum mittleren Felsen gebracht. Über 92 Stufen sind sie zur Schweizer Fahne hinaufgestiegen, vom kleineren Felsen trennen sie nur noch wenige Meter. Und die tobenden Wassermassen. «Schade», bedauert er, «die Loreley ist nicht mehr da.»«Hast ja gesehen, wie sie von der Polizei abgeholt wurde», lacht sie, während ihr Blick sich im weissschäumenden Getöse verliert. «Mich nimmt ja wunder, wie lange diese Felsen noch dem Wasser standhalten.»

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