Was sich hinter Zuozer Fassaden tut

Zwei Architekten sorgen dafür, dass ihr Dorf das schönste im Engadin bleibt.

«Ich nehme, was sie mir geben»: Der Architekt Christian Klainguti aus Zuoz macht historische Bauernhäuser fit für die Zukunft. Video: Markus Schlumpf (Travelcontent)

Zuoz, sagen jene, die vom Gastgewerbe leben, sei das schönste Dorf im ganzen Tal. «In der Tat weist unsere Gemeinde eine der besterhaltenen Bausubstanzen auf», bestätigt einer, der es wissen muss: Als Architekt und Mitglied der Baukommission setzt sich Christian Klainguti dafür ein, das bauhistorische Erbe zu bewahren und zu pflegen.

Die Brücke über den Inn verbindet das Dorf, in dem die Menschen leben, mit einem kleinen Industriequartier, in dem sie arbeiten. In ihrem Atelier, zwischen einem Malergeschäft, einem Kaffeemuseum und einer Autowerkstatt, hecken der 63-jährige Klainguti und sein 18 Jahre jüngerer Partner Gian-Reto Rainalter jene Konzepte aus, die auf der anderen Seite des Flusses, hinter den Fassaden der historischen Engadiner Häuser, Gestalt annehmen.

Gian-Reto Rainalter sagt, man habe früher wesentlich nachhaltiger gebaut als heute. Foto: Nicola Pitaro

Dabei geht es im Wesentlichen immer um dasselbe: konservieren, renovieren, optimieren – und das alles möglichst achtsam und nachhaltig. «Nachhaltigkeit», erklärt Klainguti, «heisst nicht, dass wir Fenster auswechseln, Wände wärmedämmen und Solarpanels auf die Dächer setzen.» Derlei Eingriffe sind für den Architekten «kultureller Frevel». Denn die Solarpanels machen im Engadin wenig Sinn: «Die verschwinden bei uns im Schnee!»

Gemäss Gian-Reto Rainalter hat man früher sogar wesentlich nachhaltiger gebaut als heute: «Man muss auch die graue Energie einkalkulieren. Damals hat man nur mit Körperkraft gearbeitet – ohne Energieaufwand für Strom und Treibstoff für den Transport.»

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Am Beispiel von zwei Gebäuden wird deutlich, auf welch unterschiedliche Weise verblüffende ­Effekte erzielt werden können. Mierta Casty, die Tochter des vor 40 Jahren verstorbenen Glasmalers Gian Casty, hat das Haus des Vaters komplett renovieren lassen – vom feucht-kühlen Weinkeller bis zum wohltemperierten Schlafgemach im Dachstock.

Das Resultat überzeugt: Von aussen ist kaum ein Unterschied zu erkennen. Die massiven Mauern und schmalen Fensternischen bewähren sich seit 500 Jahren als Wärmespeicher und Kälteisolatoren. Der Torbogen, der den Bauern einst als Scheunentor für ein- und ausfahrende Heufuder diente, präsentiert sich heute als Eingang zu einem grosszügigen Vestibül.

Historische Villa mit einem modernen Anbau ergänzt

Auch im Innern wurden nur dort, wo der Zahn der Zeit oder die Lust am Luxus es erforderlich machte, harmonische Kontraste gesetzt – etwa mit einer Treppe aus Stahl statt Holz. Gleich daneben haben Klainguti und Rainalter zwei Gebäude, die historische Villa Marguerita und die Chesa Bellaval, durch einen modernen Anbau ergänzt, in dem drei Gästezimmer mit einer Sauna so kombiniert werden, dass sich Alt und Neu vereinen und die B&B-Gastronomie zur Komfort-Hotellerie erhoben wird.

Wer sich mit den alten Engadiner Häusern und ihrer Geschichte auseinandersetzt, wird feststellen, dass diese gebaut wurden, lange bevor Graubünden zur Eidgenossenschaft stiess, aber nur sehr wenige Gebäude deutlich älter sind als ein halbes Jahrtausend. «Das hat einen guten Grund», weiss ­Gian-Reto Rainalter, der sich mit der Geschichte Rätiens auskennt. «Einen blutigen Grund.»

Die Bewohner von Zuoz und S-chanf hatten 1499 die Taktik der verbrannten Erde angewandt.

Und er erzählt, wie das Engadin als Teil der Handelsstrasse zwischen Mailand und Innsbruck zum Zankapfel von Bischöfen und habsburgischen Kaisern wurde und in die Wirren des Schwabenkriegs geriet. Die Talenge Chalavaina zwischen dem Münstertal und Südtirol wurde 1499 zum Schlachtfeld, auf dem die Bündner das Heer von Kaiser Maximilian I. vernichtend schlugen.

Dieser blies zwei Wochen später zum Rachefeldzug und schickte ein zweites Heer über den Chaschaunapass ins Oberengadin. Doch statt der Siedlungen, die sie plündern wollten, fanden die Soldaten nur noch rauchende Trümmer vor: Die Bewohner von Zuoz und S-chanf hatten die Taktik der verbrannten Erde angewandt, ihre Häuser in Brand gesteckt und sich in den Wäldern versteckt.

Trotz Neubauten verfügt die Gemeinde Zuoz immer noch über viel historische Bausubstanz. Foto: Nicola Pitaro

«Darum», schliesst der Architekt, «gibt es hier nur wenig Bausubstanz, die älter ist als 500 Jahre. Und weil die Menschen nach ihrer Rückkehr die Dörfer so kunstfertig wieder aufbauten und seither keine Kriege mehr im Engadin geführt wurden, sind viele Häuser mehrere Hundert Jahre alt.»

Eines der grössten, schönsten und ältesten Patrizierhäuser steht nahe beim Dorfplatz. Hier lebte die legendäre Zuozer Gemeindeschwester Sidonja Salzgeber-Nold bis zu ihrem hundertsten Geburtstag, danach zog sie ins Heim, wo sie vier Jahre später starb. Ihre Erben verkauften das Haus an Christian Klainguti. «Es war ein Glücksfall», erinnert sich der Architekt. «Als Kind wohnte ich im Nachbarhaus, und von einem solchen Haus hatte ich immer geträumt.»

An den Wänden hängen Jagdgewehre und Tierfelle

Er öffnet die Tür und tritt ein in eine Vergangenheit, die aus drei Etagen und acht Zimmern besteht. «Ich glaube, Sidonja würde sich freuen, wenn sie ihr Haus noch einmal sehen könnte», sagt Klainguti, der viel Zeit und Herzblut investiert hat, um das Gebäude wieder bewohnbar zu machen. «Vieles von dem, was sie hinterlassen hat, Bücher, Fotos, Zeitungen und Dokumente, macht die Seele des Hauses aus.» Deshalb hat er alles säuberlich geordnet und in Schubladen und Regalen archiviert.

An den Wänden hängen antike Schwarzpulverpistolen und Jagdgewehre, historische Landkarten, Tierfelle. Es ist offensichtlich: Dieser Architekt renoviert nicht nur alte Häuser, er liebt alles, was alt ist und schön – und davon hat er ­gerne möglichst viel. «Man könnte schon sagen, dass mir das Sammeln zur Sucht geworden ist», räumt er ein und lächelt entwaffnend: «Dafür spiele ich kein Golf!»

Christian Klainguti behandelt alte Häuser wie alte Autos: «Man muss sie sorgfältig und liebevoll pflegen.» Foto: Andrea Klainguti

Und, nach einer kleinen Pause: «Ihr habt ja die Cuort noch gar nicht gesehen, den Vorstall.» Er öffnet die Tür neben dem Eingang, wo einst die Vier­beiner standen. Heute haben sie vier Räder, aber es wäre wohl vermessen, sie als Autos zu bezeichnen – es sind rare Oldtimer, die Klainguti im Laufe seines Lebens zusammengekauft hat.

Hinten an der Wand stehen zwei Porsche aus den 70er-Jahren, in einer Ecke ein Alfa Romeo, ausserdem ein Brabham, zwei Austin Healeys – und ein Dallara-Sportwagen. «Und sie sind alle noch fahrtüchtig. Der blaue Bolide da vorn, das ist ein 90 Jahre alter Riley-Rennwagen. Mit dem fahre ich noch regelmässig über den Albulapass.» Mit alten Autos, fährt er fort, sei es wie mit alten Häusern: «Man muss sie sorgfältig und liebevoll pflegen. Aber wenn man sie überrestauriert, vergewaltigt man sie.»

Gian-Reto Rainalter kommentiert die Sammelleidenschaft seines Geschäftspartners mit einem Lächeln. «Ich hab auch einen Wagen», grinst er, «einen ganz neuen! Und im Cockpit sitzt Norina Urezza.» Seine Tochter ist vor wenigen Wochen zur Welt gekommen. Wenn Gian-Reto und seine Frau, die Industriedesignerin Aita Bott, durchs Dorf spazieren, kommt es schon mal vor, dass ein Riley-Oldtimer um die Ecke biegt – und dem Kinderwagen den Vortritt gewährt.



Dieser Beitrag ist Teil einer Serie, die von Engadin St. Moritz Tourismus finanziert wurde. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei der SonntagsZeitung. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

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