Von Wettern, Walen und Vulkanen

Die Azoren haben mehr zu bieten als die legendären Hochs – auch die Tiefe wartet mit Überraschungen auf.

Capelinhos: Er ist der jüngste Spross der Azoren-Vulkane, geboren 1957. Aus seiner Lava ragt der Leuchtturm heraus. Foto: PD

Capelinhos: Er ist der jüngste Spross der Azoren-Vulkane, geboren 1957. Aus seiner Lava ragt der Leuchtturm heraus. Foto: PD

«Beeilt euch!», ruft der Mann. «Zuden Booten. Zum Leuchtturm!» Sein Name ist nicht überliefert, aber die Fakten sind verbürgt: Er ist ein Spotter, einer, der in seiner Vigia sitzt, einem Unterstand, und von hier aus, an der südwestlichen Flanke der Azoren-Insel Faial, nach Walen Ausschau hält; seit Sonnenaufgang hat er mit dem Feldstecher die Weite des Ozeans gescannt, jetzt schlägt er Alarm: «Knapp eine Meile vor der Küste – da ist was . . .»

Das, was er ausgemacht hat, diese seltsame Bewegung im brodelnden Meer – war es eine Fontäne? Der Blas eines Wals? Wenn das zutrifft, muss es ein Gigant sein – einer, der noch nie zuvor zwischen den Inseln aufgetaucht ist.

Unten, im Fischerdorf Capelo, eilen die Walfänger zu den Ca­noes, zu den Booten mit schussbereiten Harpunen im Bug. Sie nehmen Kurs auf das Westkap, da knackt es erneut im Funkgerät: «Das sind keine Wale.» Diesmal ist es die fassungslose Stimme des Leuchtturmwärters. «Das ist viel grösser.»

Am Morgen dieses denkwürdigen Tages – es ist der 27. September 1957 – werden die Walfänger Zeugen eines Spektakels, das sich seit Wochen angekündigt hat. Die Seebeben der vergangenen Wochen erweisen sich als eine Reihe tektonischer Geburtswehen, die jetzt in eine gewaltige Explosion münden: Kurz nach sieben Uhr öffnet sich der Boden unter dem Meer – und Mutter Erde gebiert, in 100 Meter Tiefe, den jüngsten Vulkan des Archipels: Capelinhos.

Bucheli geniesst nicht nur die Wetterküche

1600 Kilometer vor der portugiesischen Küste sind die Azoren Europas westlicher Vorposten. Und ein geologischer Hotspot: Wenn sich tief unten die tektonischen Platten des afrikanischen, amerikanischen und eurasischen Kontinents übereinanderschieben, bringen die Erschütterungen des Erdmantels auch die gigantischen Schlote ins Wanken, die wie Türme vom Meeresgrund emporwachsen. Bis sie die Oberfläche durchbrechen und als Inseln enden, übersät von grossen und kleinen Vulkankratern, die in der Regel friedlich vor sich hin schlummern. Niemand weiss, ob und wann sie erwachen.

Während Geologen die Unterwelt erforschen, kümmern sich die Meteorologen um höhere Sphären. «Es gibt dieses geflügelte Wort von allen vier Jahreszeiten, die man das ganze Jahr hindurch an einem einzelnen Tag erleben kann», erläutert Thomas Bucheli. «Das hat tatsächlich was!»

Mit etwas Glück kann man dem populären Schweizer TV-Wetterfrosch am Stammtisch des Alcides begegnen, ein Restaurant, das derzeit in Ponta Delgada, dem Hauptort der Insel San Miguel, besonders angesagt ist. Diesmal berät und begleitet Bucheli eine Reisegruppe, die sich die Wetter-Phänomenologie auf die Vereinsfahne geschrieben hat.

Was es denn mit dem legendären Azorenhoch auf sich habe, wird er immer wieder gefragt. Das sei «vielleicht wirklich nur eine Legende», grinst Bucheli dann. «Druckunterschiede, die sich über dem Atlantik aufbauen, wirken sich erst auf dem Kontinent aufs Wetter aus – bei uns!»

Touristen statt Harpunen an Bord

Das wechselhafte Azoren-Wetter ist ein guter, aber noch lange nicht der beste Grund, dem mitteleuropäischen Wintergrau zu entfliehen. Ein anderes, besonders delikates Argument ist das breite Angebot der Azoren-Küche – es reicht von fangfrischen Fischspezialitäten über herzhafte Fleischplatten bis hin zur deftigen Spezialität der Bauern auf Faial: Kabeljau, mit Spinat und Kartoffeln vermanscht und mit Käse überbacken. Auch die Vielfalt der Landschaften ist ein guter Grund.

Weil die Distanzen zwischen den Inseln oft so gross sind, dass die Reise auf dem Seeweg Tage dauert, bietet die Air Acores relativ günstige Island-Hopping- Flüge an. So kann man bequem die idyllischen Kraterseen auf der Insel San Miguel erwandern, die abenteuerlichen Höhlensysteme Algar do Carvao auf der Insel Terceira erkunden, in atlantischen Poolanlagen schwimmen, die ins schwarze Lavagestein geschlagen wurden. Und man kann auf Faial den Leuchtturm besteigen, der einst sein Feuer übers Meer schickte und heute in einer düsteren, ausserirdisch anmutenden Landschaft steht – wie ein Fels in der Lavabrandung.

Die Nachfahren jener Walfänger, die vor sechzig Jahren Kurs auf den Leuchtturm nahmen und der Geburt des jüngsten Azoren-Vulkans beiwohnten, fahren noch heute aufs Meer hinaus. Und der Späher in seiner Vigia dirigiert sie noch immer dorthin, wo er den Blas der Pottwale ausgemacht hat.

Aus den Walschlächtern sind Whalewatcher geworden, statt Harpunen haben sie Touristen an Bord. «Vor dreissig Jahren haben wir den letzten Wal erlegt», sagt Capitano Norberto. «Jetzt verdienen wir mit lebenden Walen besseres Geld: Die kommen immer wieder zurück!»


Die Reportage wurde unterstützt von Amin-Travel, Zürich, www.amin-travel.ch. Allg. Infos: www.visitazores.com

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