Pro-kontra-Duell: Meere oder Berge?

Das Meer liefert Energie bis in den tiefsten Winter, finden die einen. Für die anderen zählt der Blick nach Innen statt der Aussicht.

Weite Horizonte: Ob sich aber am Meer oder in den Bergen besser Ferien machen lassen, darüber lässt sich streiten.

Weite Horizonte: Ob sich aber am Meer oder in den Bergen besser Ferien machen lassen, darüber lässt sich streiten.

(Bild: Montage BZ / iStock)

Annic Berset
Jürg Steiner@Guegi

Redaktorin Annic Berset liebt den Blick in die Ferne

Ja, Gewässer haben wir bei uns viele und viele schöne noch dazu. Die Aare etwa, die sich um die Stadt Bern herumschlängelt. An ihrem Ufer lässt es sich gut verweilen und aufs Wasser schauen. Der Blick in die Weite hingegen fehlt. Und er fehlt hierzulande auch bei den meisten unserer zahlreichen Seen, wo das Auge früher oder später am anderen Ufer hängen bleibt.

Ein ganz anderes Gefühl habe ich, wenn ich am Ufer des Meeres – am liebsten irgendwo auf Sardinien – ankomme, mich auf den feinen Sand setze und meinen Blick in die Ferne schweifen lasse. Dass bis zum Horizont nichts anderes zu sehen ist als der Ozean, auch keine Bergkette, die das Panorama einengt, das heisst für mich die Seele baumeln lassen.

Und es heisst nicht im Geringsten, dass ich mich durch diese Weite gezwungen fühle, meinen eigenen Horizont zu er­weitern, Ideen zu entwickeln, Aktivitäten auszuprobieren. Nein, Ferien am Meer heisst abschalten, wie es sonst nirgends möglich ist.

Ferien am Meer bedeuten auch, eine andere Landschaft geniessen zu können, eine, die nicht – wie etwa die Berge – stets um mich herum ist. So wie wenn ich auf meinem Balkon stehe zum Beispiel. Vor der Nase befindet sich die zugegebenermassen kleine Erhöhung des Berner Hausbergs und nur ein kleines bisschen weiter links die Berge im Oberland. Ans Meer zu fahren, heisst für mich, dorthin zu fahren, wonach ich mich schon im Winter gesehnt habe.

Es sind aber nicht nur die andere Landschaft, die andere Natur, der andere Geruch, auf die ich mich jeweils schon weit im Voraus freue. Auch der Gaumen will von Zeit zu Zeit weg von der Schweizer Hausmannskost und sich die Geschmäcker des Meeres auf der Zunge zergehen lassen. Denn was gibt es Besseres, als bei Spaghetti alle vongole oder einem Fisch vom Grill im Ristorante am Strand den Wellen zu­zusehen, die mit ihrem unverkennbaren Geräusch über den Sand rollen?

Und sitze ich dann in diesem grossen Sandkasten, füllen sich meine Energiespeicher in Rekordgeschwindigkeit.Wenn ich die salzige Luft rieche, die ich so in der Schweiz nirgendwo riechen kann, passiert das fast von allein.

Und dieser aufgeladene Meeres-Akku entlädt sich langsam. Noch wenn es draussen wieder dunkler und kälter wird, kann man davon zehren. Doch auch dieser Energiespeicher ist irgendwann mal aufgebraucht. Dann hilft nur eines: die nächsten Ferien am Meer zu planen. Annic Berset

Redaktorin Annic Berset

Redaktor Jürg Steiner ist ein Fan von Bergferien

Vor wenigen Wochen sass ich mit gekreuzten Beinen wie ein Buddha am Ufer der Maggia im Tessin auf einem mächtigen warmen Gneisblock. Ich blickte abwechslungsweise ins knietief dahinperlende kristallklare Wasser und dann wieder in das undurchdringbare grüne Blättermosaik am Hang gegenüber, das sich wie ein Urwaldvorhang vor meinen Augen in die Höhe zog, bis es irgendwo ganz weit oben in den azurblauen Himmel überging, über den ab und zu ein paar weisse Wolken zogen.

Ich sah nicht mehr als das, ich tat nicht mehr als das, doch plötzlich war ein Nachmittag vergangen. Ich wollte nicht auf­brechen, nichts unternehmen, nichts er­leben. Bergferien! Ich war da und zufrieden. Ferien in den Bergen bedeuten auch: Sich auf einen eingeschränkten Horizont einlassen. Stehen bleiben. Sich dem Fortschritt verweigern. Sich besinnen. Normalerweise sieht man in den Bergen einfach an den nächsten Berg und nicht weiter. Was für eine Erlösung! Aber: Darf man das im Zeitalter des ständigen Rufs nach Horizonterweiterung?

Man darf. Ich finde sogar: Man muss! Und man kann es nur in den Bergen. Klar, die entfesselte Werbe-, Event- und Spass­industrie positioniert die Berge anders. Als immer spektakulärer ausgebaute Abenteuerlandschaft zum Beispiel, in die man sich per Seilbahn bequem hieven lassen kann, um dann – wie etwa am Birg – beim tubelsicher inszenierten Blick in die Tiefe die Knie schlottern oder auf dem Schilthorn Gipfelgefühle vibrieren zu lassen. Berge werden auch immer ausgefuchster als Trainingsgeräte verstanden, an denen man sich als Wanderer, Biker, Kletterer oder Trailrunner in Form überwundener Höhenmeter abarbeiten kann.

Scho guet! Ich habe gar nichts dagegen, und ab und zu befällt mich dieser Virus auch.Aber eigentlich suche ich in bergigen Auszeiten etwas anderes. Kürzlich ging ich nach anstrengendem Aufstieg über den schmalen Grat, von dem aus der Hang steil über 1500 Meter hinunter zum Brienzersee stürzt. Einige Minuten lang zählte nur der nächste, sichere Schritt. Ein unvergessliches Erlebnis, aber die Zufriedenheit breitete sich erst so richtig aus, als ich wieder heruntergestiegen war in den schützenden Kessel von Habkern mit dem Horizont, der nur bis zum nächsten Berg reicht.

Was ich damit sagen will: Aussicht ist eine tolle Sache, aber eigentlich richtet sich in Ferien in den Bergen der Blick nach innen. Das Tolle ist, wie glücklich einem die ei­genen kleinen Schritte plötzlich machen. Die grossen Pläne sind eher etwas für die nächsten Ferien am Meer. Jürg Steiner

Redaktor Jürg Steiner

Berner Zeitung

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