Warst du da schon? Nein!

184 aparte Schweizer Ausflugsziele stellt der Wanderkolumnist im Buch «Schweizer Wunder» vor.

  • loading indicator
Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Zum Vergrössern

Die Arche Noah von Vicques
Pont de Cran heisst der Ort wenige Kilometer ausserhalb von Delsberg, an dem die Strasse zur «Arche de Noé» abzweigt. Wer kein Auto hat, legt von der Bushaltestelle Pont de Cran den letzten Kilo­meter zu Fuss zurück. Das Anwesen, dem Dorf Vicques zugehörig, liegt einsam, hinter ihm heben sich bewaldete Jurahügel aus dem Boden als Horizont der Geborgenheit. Zwei Giraffen bewachen den Eingang, auf dem Dach steht ein Nashorn.

Dies ist das Reich des Christian Schneiter, eines Genieruf geniessenden Tierpräparators, der ein Museum aufgebaut hat: 2500 ausgestopfte Tiere von allen fünf Kontinenten, gruppiert in Ensembles und Tableaus. Man sieht Bären, Löwen, Luchse, Kängurus, Hyänen, Wiesel, Füchse, Murmeltiere, Rotwild und immer wieder Vögel: Kakadus, Eulen, Geier, Adler; auch den ausgestorbenen Dodo von Mauritius trifft man an in seiner plumpen Drolligkeit. Und in einer Ecke steht Harry Potter mit der Schnee-Eule Hedwig.

Der Gang durch Schneiters zweistöckige Arche ist ein Fest der Farben und Formen. Eine Feier der Natur. Ein ziemlich überzeugender Versuch, tote Tiere am Leben zu erhalten mit allen Mitteln der Taxidermistkunst; der leichte Chemiegeruch parfümiert die Visite aufregend. Und übrigens verpasse man beim Besuch nicht den kurzen Einführungsfilm im Hauskino: Man sieht, wie Schneiter mit einem Gehilfen eine Kuh sozusagen entkleidet, das Fleisch entfernt, schliesslich die Haut wieder überstreift und vernäht. Dieser jurassische Noah ist ein grosser Künstler. Seine Arche würdigen kann man jeweils mittwochs, samstags und sonntags von 14 bis 17.30 Uhr.

Hatschepsut in der Schweiz: Das Paxmal
Der Ort ist abgelegen. Man geht von der Bushaltestelle beim Rehazentrum Walenstadtberg eine Stunde auf dem Strässchen bergan. Die letzten Meter führen wieder abwärts, eine Mauer entlang. Auf der anderen Seite könnte ein Friedhof liegen.

Stattdessen erscheint ein Monument. Das Paxmal. Die nach oben sich verjüngenden Säulen aus Kalkstein wirken plump. Klobig. Vorantik. Das Stierwesen Minotaurus könnte in ihrem Schatten hausen. Das altgriechische Wort «temenos» passt, abgeleitet von «temnein» gleich schneiden. Temenos, das ist der abgeschnittene, der umgrenzte Bereich des Heiligen. Die Mosaiken des modernen, des weltlichen Tempels auf 1290 Meter über Meer zeigen Mann und Frau in Werden und Sein, in Schwärmerei und Reife; ein friedliches Menschenzeitalter wird beschworen.

Der Künstler Karl Bickel kam 1913 in die Höhenklinik in Walenstadtberg, weil er Tuberkulose hatte. Er erholte sich und schuf zwischen 1924 und 1949 das Paxmal, das vor der Wand der Churfirsten anmutet wie der Totentempel der Hatschepsut nah Luxor.

Magdalena-Einsiedelei nah Düdingen
Man stelle sich die Herren Johann Dupré und Johann Liecht vor, wie sie eines frühen Morgens im Jahr, sagen wir, 1688 über ihrem Habermus die übliche Arbeitsbesprechung abhalten. Dupré ist der Chef, das ist ebenso bezeugt wie Liechts Gehilfenstatus.

Und also spricht Dupré zu Liecht: «Johann, heute schachten Sie weiter am grossen Saal. Ich für mein Teil will draussen auf der Gartenterrasse mit dem Jäten vorwärtsmachen.» Liecht denkt: «O nein! Wie gestern und vorgestern schon. Ich muss bei dem schönen Wetter im Dunkeln arbeiten, und der Dupré hat draussen die Sonne und den Blick auf die Saane.»

So weit das Spiel der Fantasie. Gesichert ist, dass Dupré und Liecht in den 28 Jahren von 1680 bis 1708 aus der unscheinbaren Felsklause St. Magdalena südwestlich von Düdingen eine grossartige ­Anlage schufen. Dupré sei dann in der Saane ertrunken, als er einige ihn besuchende Studierende begleitete, heisst es.

Die Landschaft ist gewaltig. Nah der Stadt Freiburg fliesst die Saane in einem tiefen Graben, den senkrechte Sandsteinwände begrenzen. Es ist dies die Voraussetzung für die Aufstauung des Flusses in den 1960er-Jahren, die den Schiffenensee erzeugte, über dem die Einsiedelei heute liegt. Ebenfalls unserer Moderne entstammt natürlich die A 12, die just an dieser Stelle den See quert und mit ihm den Röstigraben: Granges-Paccot auf der Westseite, Düdingen samt dem zur Einsiedelei vorgeschobenen Weiler Räsch auf der Ostseite.

Schon für das Jahr 1609 ist zu St. Magdalena ein «Waldbruder» bezeugt. Durch Dupré und Liecht mutierte die simple Behausung zur 120 Meter langen Kavernenflucht, die man zwischen Frühling und Herbst besichtigen kann. Stören wird man nicht, denn der letzte Eremit ist längst entschwunden.

Es reihen sich Stall, Sakristei, Kapelle, Haupt­altar­raum, Heizraum, Küche, Grosser Saal, Werkstatt, Stube, Kammer, Keller und vieles mehr aneinander. An einigen Stellen gibt es Treppen, die weichen Sandsteinwände sind voller Ritzgraffiti, von der paradiesisch grünen Gartenterrasse geht der Blick Richtung Freiburg und auf den Schiffenensee, die Autobahn stört mässig.

Den aparten Boden der Anlage bildet wellenartig geformter Sandstein. Es handelt sich um 20 Millionen Jahre alte fossile Sanddünen eines einstigen Meeres.

Wie hinkommen? Auf der Website von Düdingen-Tourismus findet man einen Prospekt. Der Weg zu Fuss ist vom Bahnhof Düdingen aus beschildert, Gehzeit zur Einsiedelei knapp anderthalb Stunden. Auf der Wanderkarte 242 T «Avenches» (1:50'000) ist sie eingezeichnet. Im April ist die Anlage offen von 9 bis 18 Uhr.

Mittelerde in Jenins
Jenins, das Weindörflein in der Bündner Herrschaft. Der Weg des Besuchers führt zu einem grossen Anwesen an einer Strasse namens «Verduonig». Ein Garten mit Blick auf Reben und Rhein, eine runde Tür aus grünen, senkrecht laufenden Holzplanken.

Die Führerin erscheint, begrüsst alle Anwesenden im Greisinger Museum, öffnet die Tür. Da­hinter liegt Mittelerde, jene fiktive Welt, die der britische Philologe J. R. R. Tolkien, 1892 bis 1973, ersann samt allem Drum und Dran von Sprachen über Völker bis Geografie. Das Museum rühmt sich, weltweit das einzige Mittelerdemuseum zu sein.

Die Sammlung, ausgestellt in einer Folge zum Teil unterirdischer Räume, hält die Gruppe von gut zehn Leuten mehr als zwei Stunden in Bewegung. Gründer Bernd Greisinger, ein ausgestiegener Fondsmanager aus Deutschland, verwendete sein Geld dafür, in wenigen Jahren überall auf der Welt Tolkien-Objekte zu kaufen. In Bad Ragaz stapelten sich in einer Lagerhalle bald einmal 400 Kisten. 2008 begann Greisinger in seinem neuen Lebensort Jenins mit dem Bau einer Villa am Hang mit integriertem Museum, fünf Jahre später wurde dieses eröffnet.

Im Museum in Jenins ist Raum um Raum voll mit Tolkien-Objekten aller Art. Foto: Thomas Widmer

Zur Kollektion gehören um die 600 Gemälde und Zeichnungen. Karten, Filmrollen, Kostüme, Requisiten und überlebensgrosse Reproduktionen aller möglicher Fabelwesen. Sowie 3500 Bücher, darunter signierte Erstausgaben Tolkiens, der Erzählungen wie «Der Herr der Ringe» und «Der Hobbit» schrieb und praktisch im Alleingang das moderne Fantasy-Genre erfunden hat. Nein, lang­weilig wird einem auf dieser Führung nicht!

Am Ende tritt Greisinger selber auf in einer fellbesetzten Winterkriegermontur. Von der Leinwand des hauseigenen Kinos grüsst er, erzählt von der Entstehung des Museums und stellt die beteiligten Künstler vor. Nach einem Umtrunk an der Be­sucher­bar heisst es «Adieu Mittelerde», es geht retour in die sogenannte Realität.

Apropos: Tickets bucht man auf der Internetsite www.greisinger.museum, die Führung kostet 50 Franken. Sie langweilt garantiert nicht.


Buchvernissage am 27. 4.
«Schweizer Wunder» heisst das neue Buch von TA-Journalist und Wanderkolumnist Thomas Widmer (Echtzeit, www.echtzeit.ch, 27 Fr.). Es stellt 184 kuriose und staunenswerte Dinge im Land vor – vom prähistorischen Stein mit Lächelgesicht über eine Kugelkirche bis zu Dinosaurierspuren. Das Gros der Ausflüge eignet sich für die ganze Familie, viele sind schlechtwettertauglich.

Buchvernissage: Mittwoch, 27. April, im Miller’s, Tiefenbrunnen, Zürich, 19.30 Uhr. Der Autor liest und zeigt Fotos, Edgar Schuler, Ressortleiter Hintergrund, befragt ihn.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt