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Vom «Panettone» aus von Piste zu Piste

Der 2275 Meter hohe Kronplatz in den Dolomiten ist der ideale Ausgangspunkt für Wintersportler, denen bisher kein Skigebiet gross genug war.

Spektakuläre Architektur: Das von Zaha Hadid entworfene Messner Mountain Museum Corones fügt sich perfekt in die Bergwelt ein. Foto: IDM Südtirol
Spektakuläre Architektur: Das von Zaha Hadid entworfene Messner Mountain Museum Corones fügt sich perfekt in die Bergwelt ein. Foto: IDM Südtirol

Stockdunkle Nacht. Weisse Flocken tanzen in den Lichtkegeln der Schneekatze. Neun Kilometer klettert und rumpelt das Gefährt von Pederü auf die Hochfläche von Fanes. In der warmen, urigen Gaststube der Faneshütte die Belohnung: Hüttenwart Max Mutsch­lechner spielt zu Knödeltris – dreierlei Knödel – und Krautsalat mit seiner Ziehharmonika auf und setzt sich zu den Gästen: «Das ist ein magischer Ort, um den sich Sagen über das ladinische Reich der Fanes winden.» Ungläubiges Staunen weckt er auch mit einer anderen Erzählung: «Hier oben tauchte einst gar eine Apachen-Delegation auf und suchte Adlerfedern für ihren Kopfschmuck.»

Der Abend auf Fanes, einer abgeschiedenen Dolomiten-Welt auf gut 2000 Meter über Meer, will nicht mehr aus dem Kopf. Im Ersten Weltkrieg verliefen hier die Fronten eines erbitterten Stellungskrieges. Heute ein Nationalpark, werden im Sommer Wanderer und Kletterer auf dem Gebirgsweg Via Della Pace daran erinnert. Im Winter machen am Fusse des Heiligkreuzkofels ruhesuchende Schneeschuhwanderer und Tourengänger den Kopf frei. Eine entrückte Oase mitten in einer Region des Süd­tirols, wo sonst der Puls des Tourismus um einiges höher schlägt.

Wie ein Panettone erhebt sich der Kronplatz über dem Pustertal bei Bruneck. Oben ist der Berg frisch überzuckert mit Neuschnee. Steil abfallende Waldstreifen markieren die behäbige Rundform. Über 30 moderne Anlagen erschliessen ihn wie ein Spinnennetz von drei Seiten. Auf 2275 Meter über Meer ein erhabener Rundblick von den schroffen Zinnen der Dolomiten bis zur Wetterscheide der Zillertaler Alpen. «Den Schnee bringt in der Regel das Genua-Tief», sagt Artur Costabiei, unser einheimischer Begleiter, und zeigt südwestwärts.

Und los gehts: Auf dem tadellos präparierten, endlos breiten Hang Richtung St. Vigil zieht das Tempo rasch an. Ein leichtes Strecken des Bergbeins, Beugen des Talbeins und Eindrehen des Körpers lösen den Schwung aus. «Die Kippbewegung nicht abbrechen lassen, die Ski umkanten und mit gleichmässigem Druck über die Falllinie ablenken.» Im Bruchteil einer Sekunde blitzt einst Gelerntes auf. Herrlich, wie die Taillierung des Skis im Schnee greift und den geschnittenen Carve­schwung wie Gleise in den Hang zeichnet.

Auf dem Gipfel ist Kultur angesagt

Nicht nur Carver, auch Anfänger und gemütlichere Skiläufer geniessen oberhalb der Waldgrenze die weiten roten und blauen Pisten des Kronplatzes. Wer kräftezehrendere Herausforderungen sucht, stürzt sich die anspruchsvollen schwarzen Talabfahrten hinunter. «Eine davon, die Hernegg, wurde von eurem Bernhard Russi angelegt», sagt Artur und weist auf Schweizer Know-how hin. Über insgesamt 1300 Höhenmeter und fünf happige Kilometer führt sie den bewaldeten Nordhang des «Panettone» zur Talstation bei Reischach hinunter. Kaum geeignet ist der Kronplatz jedoch für Freerider: Topografie, Bewaldung und Höhenlage bieten sich kaum dazu an. Dafür sorgen 500 Schneekanonen für stets gut unterhaltene Pisten.

Scheinbar endlose Hänge: Nicht nur Carver kommen am Kronplatz voll auf ihre Kosten. Foto: Skirama Kronplatz
Scheinbar endlose Hänge: Nicht nur Carver kommen am Kronplatz voll auf ihre Kosten. Foto: Skirama Kronplatz

Mittagsrast auf dem «Gipfel», und der Kronplatz zeigt sich noch von einer ganz anderen, unerwarteten Seite: Nicht extrovertierter Rummel, sondern Kultur wird hier in Szene gesetzt. Spektakulär in die Natur integriert lässt das von Zaha Hadid entworfene, 2015 eröffnete Messner Mountain Museum Corones den traditionellen Alpinismus hochleben. Und erst in der letzten Saison eröffnet wurde das ebenso beeindruckende Lumen: Die einstige Bergstation präsentiert sich heute als ein spannendes Museum der Bergfotografie. Mit dem angegliederten Restaurant ­Alpinn des Sternekochs Norbert Niederkofler vom renommierten St. Hubertus in Alta Badia hat zudem die Spitzengastronomie auf dem Kronplatz Einzug gehalten.

Eine Entdeckung reiht sichan die andere

Genuss und Südtirol gehören seit der Erfindung des Schüttelbrotes (knuspriges Fladenbrot) zusammen. Das beweisen nicht nur hervorragende Restaurants im Tal wie das Schöneck in Pfalzen/Mühlen oder der Gasthof Oberraut in ­Bruneck, sondern auch die 30 Hütten am Berg. Auf dem Einkehrschwung zur Graziani Lodge eine weitere Überraschung: Der Hüttenchef ist unter seinem Künstlernamen Alexander Dal Plan als ladinischer Liedermacher eine regionale Berühmtheit. Er lässt sich nicht zweimal bitten und spielt spontan auf.

Die nächste Entdeckung geht in die Beine: Per Ski und Skibus geht es vom Kronplatz via Piculin zügig nach Alta Badia, dem Einstieg in die berühmte Sellaronda. Wie eine Achterbahn führen Lifte und rund 40 Pistenkilometer über vier Pässe und Täler rund um den markanten Stock des Piz Boè. Unterwegs sorgt in Gröden die Abfahrt auf der Weltcuppiste Saslong für brennende Oberschenkel, dasselbe provoziert zum Abschluss die Gran Risa in La Villa. Zum Glück lädt die grossartige Szenerie von den steilen Felszinnen bis zur schillernden Gletscherflanke der Marmolada immer wieder zu einer Atempause ein.

Ein ähnliches Bild tags darauf in der Skiregion Drei Zinnen: Rasch und bequem ist Vierschach von Bruneck aus mit dem Ski-Pustertal-Express erreichbar. Ski anschnallen, dann vor der imposanten Kulisse der Sextner Dolomiten auf dem Grande Giro delle Cime lustvoll über Berg und Tal bis ins Val Cornelico und retour.

Als «Erdäpfel mit Heiligenschein» bezeichnet ein populärer Song die Pustertaler. Ski total und moderner Tourismus mögen ­heute zwar den Ton angeben. Doch hinter dieser Fassade sind nach wie vor das traditionelle Wesen und die Skurrilität einer abgeschiedenen Bergwelt auszumachen. Insbesondere auf der mystischen Fanes, wo ein waschechter Totempfahl an den Besuch der Apachen erinnern soll.

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