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In sieben Tagen quer durch Iowa

Immer in der letzten Juliwoche findet der wohl weltgrösste Plausch-Veloanlass statt: Tausende machen beim Ragbrai mit, der traditionellen Fahrt durch den US-amerikanischen Bundesstaat Iowa.

Weitgehend flache Landschaft: Unterwegs auf der dritten Etappe zwischen Algona und Clear Lake.
Weitgehend flache Landschaft: Unterwegs auf der dritten Etappe zwischen Algona und Clear Lake.
Rudolf Burger

Angenommen, Sie waren schon in den USA, Sie kennen New York, waren im Südwesten, Grand Canyon, Bryce Canyon, auch schon im Yellowstone-Nationalpark. Aber Sie waren noch nie in Iowa. Wieso auch, dieser Bundesstaat im mittleren Nordwesten ist hierzulande eigentlich nur deshalb bekannt, weil dort alle vier Jahre mit den sogenannten Iowa Caucuses das Rennen um die amerikanische Präsidentschaft beginnt. Aber wieso sonst gerade Iowa?

Angenommen, Sie fahren gerne Velo, dann gibt es einen guten Grund: Ragbrai. Die Abkürzung steht für den vermutlich grössten Veloanlass der Welt, das «Register’s Annual Great Bicycle Ride Across Iowa». Tausende Velofahrerinnen und Velofahrer durchqueren in einer Woche Iowa, immer von West nach Ost, vom Missouri zum Mississippi.

Es war im Jahr 1973

Tönt nicht verlockend? Ist es aber, wenn man die Umstände kennt. Es war im Jahr 1973, als zwei Journalisten des «Des Moines Register», der grössten Zeitung des Staates, beschlossen, im August eine Velofahrt quer durch Iowa zu machen und darüber zu schreiben. Sie luden Freunde und Leserinnen und Leser ein, sie zu begleiten. Es kamen etwa 130 Leute, die mit ihnen die rund 663 Kilometer absolvierten.

Ein Jahr später wurde der Anlass auf einer anderen Route wiederholt. 2000 Leute fuhren mit. Wieder ein Jahr später waren es 3000, dann 4000, und bald einmal musste die Teilnehmerzahl beschränkt werden, zunächst auf 6000, dann auf 10 000. Weil aber kein Mensch effektiv weiss, wie viele Leute mitfahren, weil auch Unangemeldete und Tagesausflügler dabei sind, wird geschätzt, dass 2017, beim Ragbrai Nummer 45 (geschrieben immer in römischen Ziffern, also XLV), jeden Tag etwa 15 000 Velofans unterwegs waren.

Die Route führt quer durch Iowa von Onawa nach Davenport.
Die Route führt quer durch Iowa von Onawa nach Davenport.

Ragbrai XLV, von dem hier berichtet wird, war mit einer Länge von 661 Kilometern eines der kürzeren in der langen Geschichte (das längste war 1985 Ragbrai XIII mit 869 Kilometern). Gestartet wurde am Sonntag, 22. Juli, im Nordwesten Iowas, in Orange City, Ankunft in Lansing im Nordosten am Samstag, 29. Juli. Es sind dies Orte, die nicht so leicht auf der Karte zu finden sind. Charakteristisch für diese Velotour ist nämlich, dass sie durch kleine Ortschaften, durch das ländliche, unbekannte Amerika führt. Ja, es ist zur grossen Mehrheit Trump-Gebiet, und bibelfest sind die Leute meistens auch, an Kirchen jedweden Glaubens herrscht kein Mangel.

Rauschendes Sommerfest

Wer aber meint, mit einer solchen Kulisse seine Vorurteile über das ungebildete, rückständige ländliche Amerika festigen zu können, liegt falsch. Die Einheimischen sind freundlich, zuvorkommend, winken und machen alles, damit es den Tausenden ­Velofahrern gefällt. Ragbrai ist nämlich für Iowa so etwas wie ein rauschendes Sommerfest; wo die Karawane durchzieht, sitzen Menschen am Strassenrand, freuen sich, offerieren Getränke, stellen ihre Weiher zum Baden zur Verfügung, haben nichts dagegen, wenn Velofahrer für gewisse Geschäfte in ihren Mais­feldern verschwinden. Lokale Firmen verkaufen ihre Produkte. Und in den Dörfern spielen Bands, wird an vielen Ständen Essen verkauft, sind Biergärten in Betrieb und kann man sich an allerlei Spielen beteiligen.

Klar, mit all dem, was angeboten wird, soll auch Geld verdient werden. Die Tausenden unterwegs müssen essen und trinken, ihnen, einem eher gut gebildeten städtischen Publikum, sitzen die Dollars locker in den Taschen. Manch ein Verein, eine Schule, eine Kirche, verdient sich mit der Verköstigung ein hübsches Sümmchen, meistens wohl für einen guten Zweck.

Zeltstädte und Toi-Toi-WCs

Wo kommen denn die Abertausenden am zum voraus definierten Etappenort unter? Falls es Motels oder Hotels gibt, sind sie natürlich schon längst ausgebucht. Camping ist die Lösung. Rund um Schulen, um Parkanlagen, um Badeanstalten entstehen in den Übernachtungsorten riesige Zeltstädte. Hunderte von Toi-Toi-WCs sorgen für die nötige sanitäre Infrastruktur, häufig kann in Schulanlagen geduscht werden oder aber auch in mobilen Duschanlagen. Das Zelt und persönliche Sachen werden transportiert, man ist also nur mit dem Allernötigsten, zum Beispiel einem kleinen Velorucksack, unterwegs.

Iowa ist ziemlich flach, das heisst, die Kondition reicht auch für längere Strecken. Die erste Etappe des Ragbrai XLV führte von Orange City nach Spencer. Mit einer Zusatzschlaufe von 30 Kilometern über Naturstrassen waren 131 Kilometer zu bewältigen. Im Endeffekt waren es noch ein bisschen mehr, weil der Schreibende auf dem Naturstrassenteil eine Abzweigung verfehlt hatte und nur dank einem freundlichen Ragbrai-Helfer, der das Malheur aus der Ferne beobachtet hatte, per Quad eingeholt und auf den richtigen Weg gewiesen worden war.

Am nächsten Tag folgte gleich die Königsetappe: Es ist dem Ehrgeiz der Teilnehmer geschuldet, dass es eine 100-Meilen-Etappe gibt. Sie führte von Spencer nach Algona und war 163 Kilometer lang. Allerdings nur mit freiwilliger Zusatzschlaufe von 48 Kilometern, die zu fahren unter der gleissenden Sonne mühsam war, sich aber lohnte: Unterwegs in Plover konnte man dem heute über 80-jährigen John Karras die Hände schütteln, einem der beiden Journalisten, die das Ragbrai 1973 ins Leben gerufen hatten. Für die beiden, Don Kaul heisst der andere, soll ein Denkmal errichtet werden.

Jede Menge Getreidesilos

Es sollen hier keine falschen Erwartungen geweckt werden: Besonders aufregend ist die Landschaft nicht. Links der Strasse ein Maisfeld, rechts ein Feld mit Soja, häufig auch umgekehrt. Mal ein Zuchtbetrieb mit Schweinen, dann mit Rindern, ganz selten ein paar Milchkühe, aber jede Menge Getreidesilos. Die Hitze kann einem ganz schön zu schaffen machen, und noch schlimmer ist der Gegenwind, der manchmal heftig über die flache Landschaft bläst. Aber der Weg ist das Ziel: Unterwegs zu sein mit Tausenden, sich immer wieder mit andern zu unterhalten, den Fans am Strassenrand zuzuwinken – da schlägt das Herz höher.

Zeitig auf die Strecke

Um der Hitze zu entgehen, wird zeitig aufgebrochen, in der Regel zwischen 6 und 8 Uhr. Aus den verschiedenen Zeltplätzen ergiesst sich ein ständiger Strom von Velofahrern auf die festgelegte Route. Es werden in der Regel Nebenstrassen befahren, die in beiden Richtungen abgesperrt sind. Die Strasse gehört ganz allein dem Velo. Dafür sorgen Sheriffs und State Troopers mit Blaulicht. Manchmal haben sie ihre Fahrzeuge mit Lautsprechern versehen und beschallen die Biker mit Musik. Einer spielte ­sogar den Conférencier, unterhielt die Männer und Frauen, die ausnahmsweise einmal warten mussten, bis ihnen an einer Kreuzung der Weg freigegeben wurde. Man hat Mühe, sich Ähnliches in der Schweiz vorzustellen.

Mit dem «Hunderter» auf der zweiten Etappe war das Husarenstück bewältigt. Die dritte Etappe führte von Algona nach Clear Lake (83 km), wo, wie der Name vermuten lässt, ein See zum Bade lud. Von Clear Lake, einer sichtlich reichen Gemeinde, ging es weiter nach Charles City (93 km) einer sichtlich ärmeren Gemeinde. An diesem Tag regnete es ­zeitweise so heftig, dass es ratsam war, in Bauernhausschuppen unterwegs Zuflucht zu suchen. Es folgten Etappen nach Cresco (88 km) und Waukon (97 km).

Ein Platten zum Schluss

Die letzte Etappe, von Waukon nach Lansing (72 km) brachte landschaftlich Neues: Wälder und Sumpflandschaften rund um den Mississippi und drei nennenswerte Steigungen, insgesamt mussten immerhin rund 1000 Höhenmeter bewältigt werden. Etwa 5 Kilometer vor dem Ziel fing das Hinterrad des Schreibenden einen Platten ein. Kaum eine Minute verstrich, bis ein Velofahrer im Trikot des US-Air-Force-Teams auftauchte und die Panne im Nu behob. Es sei ungefähr sein zwanzigster Einsatz als Pannenhelfer in dieser Woche, sagte er, bevor er sich wieder seinem Team anschloss. In Lansing standen dann die rund 100 Leute des Teams der Air Force Spalier und beklatschten die Ankommenden. Auch Einheimische applaudierten – ein grossartiges Gefühl. Wie am Ziel üblich, wurde das Vorderrad in den Mississippi getaucht, und dann war Ragbrai XLV Geschichte.

Übrigens: Ragbrai macht süchtig. Für den Schreibenden war es bereits die vierte Tour quer durch Iowa. Die fünfte, Ragbrai XLVI Ende Juli dieses Jahres (siehe Kasten), ist in Planung.

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