Der Pakt mit dem Stahlseil

Klettersteige boomen, es kommt aber immer wieder zu Unfällen – Warth im Bregenzerwald bietet darum den Gästen Camps zur Sicherheit an.

Nervenkitzel mit wenig Ausrüstung: Klettersteige wie derjenige am Karhorn ermöglichen auch Menschen mit limitierten bergsteigerischen Fähigkeiten spektakuläre Gipfelerlebnisse. Fotos: Sebastian Stiphout

Nervenkitzel mit wenig Ausrüstung: Klettersteige wie derjenige am Karhorn ermöglichen auch Menschen mit limitierten bergsteigerischen Fähigkeiten spektakuläre Gipfelerlebnisse. Fotos: Sebastian Stiphout

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Der Gipfel des Karhorns entzieht sich immer wieder. Zum Greifen nah sieht er aus, doch dann blockieren Felsbrocken den Weg oder die nächste Steilstufe. Rechts geht es Hunderte Meter steil hinab Richtung Warth, links liegen tückische Geröllfelder. Wir sind im österreichischen Vorarlberg, schreiten über einen scharfen Grat in hochalpinem Gelände. Ein Ort, den wir mit unseren limitierten bergsteigerischen Fähigkeiten nie betreten dürften.

Aber hier oben gibt es einen Klettersteig, der ein Stück ­Sicherheit garantiert. An einem Stahlseil klinken wir die Karabiner ein. Der Gurt um den Bauch würde im Notfall den Sturz ins Bodenlose auffangen. Wir müssen keine Achterknoten und komplizierten Sicherungstechniken beherrschen, wie das beim Klettern der Fall ist. Trotzdem können wir im Fels Nervenkitzel und Herausforderung erleben. Klettersteige sind eine perfekte Alternative für diejenigen, denen Bergwandern zu langweilig, das freie Klettern aber zu gefährlich ist.

«Viele sind körperlich und mit den Nerven am Ende»

Der Klettersteig-Boom hält seit Jahren an. Experten sprechen von über 1000 Eisenwegen in den Alpen. Jedes Jahr kommen 50 bis 100 neue hinzu. Fachportale im Internet weisen für die Schweiz 200 Klettersteige aus, Spitzenreiter ist Österreich mit rund 700.

Der Karhorn-Klettersteig bei Warth-Schröcken existiert seit 2001. «Er hat für enormes Aufsehen gesorgt», sagt Bergführer Christian Fritz, dessen Vater den Weg initiiert hat. Der Junior, der uns begleitet, hat den Steig vor ein paar Jahren erweitert. An schönen Sommertagen zählt Fritz hier oben bis zu 200 Klettersteig-Begeher, darunter viele Anfänger. Genau diese bereiten dem Bergführer immer wieder Sorge. Wenn verzweifelte Leute nicht mehr weiterkommen, muss er ausrücken, um sie in Sicherheit zu bringen. «Viele sind körperlich und mit den Nerven am Ende, wenn sie auf dem Gipfel ankommen.» Verletzungen kommen vor, sind in den Klettersteigen aber nicht das Hauptproblem.

Um Unerfahrene gut auf die Herausforderungen am Klettersteig vorzubereiten, kamen die Verantwortlichen auf die Idee, mehrtägige Camps anzubieten. Auf einen Tag Theorie mit Tourenplanung, Wetter- und Materialkunde folgen die ersten Schritte am Übungssteig. Zum Finale geht es aufs Karhorn. «Die Leute sind froh, dass wir sie an die Hand nehmen», sagt Fritz.

Klettersteige sind eine perfekte Alternative für diejenigen, denen Bergwandern zu langweilig, das freie Klettern aber zu gefährlich ist.

Mit den Klettersteigkursen gehört Warth zu den Vorreitern in den Alpen. Zahlreiche Regionen ziehen nach: In Engelberg werden zweimal jährlich die «Rock & Safety Days» angeboten. Ramsau am Dachstein in Österreich bietet dreimal pro Woche Blitzkurse an. Bergsportausrüster Salewa hat im bayerischen Berchtesgaden eine Klettersteigschule gegründet, wohl die einzige im Alpenraum.

Ein Blick auf die Zahl der Unglücksfälle zeigt, wie nötig das ist. Der Deutsche Alpenverein meldet, dass sich die Zahl der Personen, die in Klettersteigen nicht mehr weiterkommen und die Bergrettung rufen, in den letzten zehn Jahren verzehnfacht hat. Das Kuratorium für Alpine Sicherheit zählt rund 150 Unfälle in Österreichs Klettersteigen pro Jahr, darunter regelmässig auch Todesfälle.

Ein Selfie mit dem Säntisim Hintergrund

Die Gruppe, mit der wir unterwegs sind, ist bunt gemischt. Männer, Frauen, Schweizer, Deutsche. Die zwölfjährige Lilli aus Herisau ist mit ihrem Vater in Vorarlberg. Noch nie hat sie sich durch einen Klettersteig bewegt. Das Kind klettert wie eine Gämse und jubelt: «Das macht Spass.» Das Karhorn eignet sich in der Tat gut für Anfänger. Man sollte schwindelfrei, an Bergtouren gewöhnt und zumindest von mittelprächtiger Kondition sein. Der Steig ist in zwei Stunden zu meistern, der Zustieg dauert keine Stunde, weil man ordentlich Höhenmeter mit der Bergbahn zurücklegen kann. Lilli erreicht den Gipfel als Erste und erhält Glückwünsche. Ein Säntis-Selfie muss her, schliesslich hat man einen guten Blick in die Schweiz.

Die Region ist beliebt bei Schweizern: die Heimat nah, die Preise auch im Sommer auf niedrigem Niveau. Und: Warth-Schröcken hat sich zu einem Alpen-Abenteuerspielplatz gemausert. Der Fluss Lech ist hier ein wilder Gesell. Er zwängt sich durch hundert Meter hohe Felswände und spült Canyoning-Touristen im Rekordtempo durch. Wer es lieber trocken mag, hängt sich ans Drahtseil und fliegt bei Schröcken mit dem Flying Fox über die Schlucht. Was als Familienspass ausgeschrieben ist, hat schon manch Erwachsenen an seine Grenzen gebracht: Man fliegt im Sitzgurt durch die Luft, 100 Meter über dem Boden, Füsse, Arme und Beine baumeln im Nichts. Lilli hat sich das für die restlichen Tage in Warth-Schröcken vorgenommen.

Schnell trägt sie sich noch ins Gipfelbuch ein: «Lilli grüsst alle Karhorn-Bergsteiger.» Dann beginnt der Abstieg. Bergführer Fritz nimmt die junge Schweizerin und ein paar andere Berggänger ans kurze Seil, denn es geht über Geröll und scharfkantigen Fels steil hinab. Zum Abschied schenkt er uns eine Weisheit, die nicht nur für die Alpen taugt: «Man muss sich seine Kräfte einteilen, damit man es auch wieder ins Tal schafft.»

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Warth-Schröcken (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.09.2018, 17:55 Uhr

Tipps und Infos

Anreise über Dornbirn, Bregenzerwald und Hochtannbergpass nach Warth. Alternative: über St. Anton, Arlbergpass und Lech.

Unterkunft Warther Hof: grosses Wellness- und Aktivprogramm, DZ ab 131 Euro. www.wartherhof.at. Sporthotel Steffisalp: zentrale Lage am Berg, DZ ab 208 Euro. www.steffisalp.at

Wandern und Klettern in Warth Klettersteigcamp: Theorie, Praxis, Sicherheit, Touren. Buchbar mit Übernachtungen unter www.warth-schroecken.com; Karhorn-Klettersteig: ab Bergstation mit Steffisalp-Express zum Sattel Wartherhorn. Dauer (Ostgrat): 2 bis 2,5 Std. Schwierigkeit B und C. Westgrat: 600 Meter Verlängerung ab Gipfel Karhorn. Zusätzlich ca. 1,5 Std. Mit C und D deutlich schwieriger; Klettergarten Schrofenwies in Lechleiten: 30 Routen von 4b bis 7c; Bergführer, Canyoning, Klettersteig-Guide oder Ausrüstung: www.alpinschulewidderstein.com, www.holzschopf.com

Klettersteig-Seminare im Alpenraum «Rock and Safety Days» in Engelberg: Klettersteigkurse im September, ab 150 Fr. pro Person und Tag. www.engelberg.ch; Klettersteig-Führerschein in Ramsau am Dachstein: Tageskurse für Einsteiger, 35 Euro, www.ramsau.com; in Klettersteigschule in Berchtesgaden: spezielle Klettersteig-Wochenenden / 3-Tages-Kurse für Einsteiger, www.klettersteigschule.de

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