«Wir werden auch in ein paar Jahrzehnten noch Ski fahren»

Martin Nydegger, Direktor von Schweiz Tourismus, über den Klimawandel und die Zukunft des Wintertourismus.

«Es ist nicht mehr alles so gemütlich und beschaulich wie einst», sagt Martin Nydegger. Foto: Michele Limina

«Es ist nicht mehr alles so gemütlich und beschaulich wie einst», sagt Martin Nydegger. Foto: Michele Limina

Karl Wild

Den Berggebieten wird eine historische Wende vorausgesagt, es wird gar eine Zukunft ohne Ski prophezeit.
Das ist Schwarzmalerei. Natürlich sind wir vom Klimawandel betroffen. Aber der Winter mit Schnee wird auch in Zukunft stattfinden. Er wird nur kürzer.

Beruht Ihre Zuversicht auf den beiden vergangenen Jahren, die dem Wintertourismus Rekordzahlen an Gästen und Übernachtungen brachten?
Nach zwei guten Wintern ist Optimismus durchaus angebracht. Das Vertrauen ist ganz offensichtlich wieder da. Die Freude am Wintersport ist ungebrochen oder flammt sogar wieder auf, wenn die Verhältnisse einigermassen stimmen. Die Anzahl der Skifahrer ist übrigens auch wieder gestiegen. Sie machen bloss weniger lang Ferien.

Skigebiete in tieferen Lagen haben zunehmend Probleme. Eigentlich müsste es die Schweiz freuen, dass Österreich, Deutschland und Italien im Zug der Klimaerwärmung Verluste vorausgesagt werden.
Der Skisport ist gesamteuropäisch. Sich zu freuen, wenn es anderen schlecht geht, ist keine Strategie.

«Wir haben die höchsten Berge – und diese auch sehr gut erschlossen.»

Trotzdem: Regionen wie Graubünden oder das Wallis müssten profitieren.
Es ist schon so, dass wir gegenüber den direkten Konkurrenten einen topografischen Vorteil haben. 29 unserer Skigebiete übersteigen 2800 Meter über Meer. Das ist Europarekord. Aber wir haben nicht nur die höchsten Berge, wir haben sie auch sehr gut erschlossen. Über fünfzig Prozent der Pisten lassen sich bei Bedarf künstlich beschneien. Ich bin überzeugt, dass wir auch in ein paar Jahrzehnten noch Ski fahren werden.

In den Sechzigern und Siebzigern stand fast die ganze Schweiz auf den Brettern. Heute hören wir, der Skisport habe seine Seele verloren.
Ich wüsste nicht wie. Natürlich gab es Veränderungen, es ist nicht mehr alles so gemütlich und beschaulich wie einst. Dafür ist das Wintersportangebot heute um Welten breiter und attraktiver. Ski alpin und nordisch, Snowboarden, Winterwandern, Schlittenfahren, Tourengehen, Schneeschuhlaufen, aber auch Bildung, Kultur und Erlebnisgastronomie: In der Schweiz kann man alles, die Vielzahl der Möglichkeiten ist einzigartig. Als Reaktion auf den brutalen Gästeschwund zwischen 2008 und 2016 hat die Branche grosse Arbeit geleistet. Hoteliers, Touristiker und Destinationen kooperierten, investierten und sorgten für Innovationen. Das gilt auch für die Bahnen, die allein auf diesen Winter hin erneut über 300 Millionen Franken investiert haben.

Derzeit liefern sich die Bahnen eine schon fast brutale Preisschlacht. Wohin soll dieser nie da gewesene Aktionismus führen?
Dass man von fixen Preisen wegkommt und dynamische Preismodelle einführt, ist richtig. Aber eine Jahreskarte zum Preis von einem Wochenabo – das freut zwar den Gast, kann aber finanziell kaum aufgehen. Jetzt muss man schauen, welches Modell das ideale ist. Da sind Erfindungsreichtum und Innovationskraft gefragt.

Den Hoteliers und Destinationen in den Bergen wird empfohlen, auf Gesundheitstourismus und Wellness zu setzen – ein Megatrend, der eigentlich schon gar keiner mehr ist?
Wellnessangebote bewerben wir seit 15 Jahren. Der Gesundheits- und Medizintourismus aber ist ein gewaltiger Wachstumsmarkt. In diesem Bereich ist die Schweiz dank Fachkompetenz, medizinischer Infrastruktur und intakter Natur äusserst attraktiv. Wir haben deshalb eine eigene Abteilung gegründet, die sich vorerst auf Gesundheitsgäste aus den vielversprechenden Märkten China, Russland und den Golfstaaten konzentriert. Ziel ist es, die Schweiz zu einem weltweit führenden Land im Bereich Gesundheitstourismus zu machen.

Kann man im Wintertourismus überhaupt noch mit Innovationen trumpfen?
Etwas noch nie Dagewesenes aus dem Boden zu stampfen, ist sehr schwierig. Aber der Remix, das neue Zusammensetzen von bestehenden Angeboten, ist durchaus möglich. Wir haben zum Beispiel immer wieder festgestellt, dass Gäste aus Asien und anderen Teilen der Welt gerne einmal das Skifahren erleben möchten. Ihnen bieten wir mit dem Projekt «First Ski Experience» ein Ticket, eine Ausrüstung und einen Betreuer an, der sie einen halben Tag lang auf der Piste begleitet. Das läuft super. Zum zweiten Mal verlosen wir in diesem Winter auch 12'000 Gratis-Wochenskipässe an Kinder bis zwölf Jahre. Eine Umfrage nach der ersten Durchführung hat ergeben, dass zwanzig Prozent der Gewinnerfamilien sonst keine Skiferien in der Schweiz geplant hätten.

Und was ist ganz neu im kommenden Winter?
Der kostenlose Tür-zu-Tür-Gepäckservice in Zusammenarbeit mit den SBB. Diese holen das Gepäck des Gastes vor dessen Haustür ab und bringen es gratis ins gebuchte Hotel. Das hat es noch nie gegeben.

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