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Zum Abschied ein Evergreen der Chormusik

Kultur-CasinoDirigent Josef Zaugg brachte mit dem Opus-Orchester, dem Kirchenchor Thun-Strättligen und dem Berner Jubilate-Chor das Requiem von Brahms gravitätisch zur Aufführung.

Katholische Form mit protestantischem Inhalt, lebensbejahende Grübeleien in kolossaler Musik: Das deutsche Requiem von Johannes Brahms ist bei Chören und Zuhörern gleichermassen beliebt. Nach dem Tod seiner Mutter 1865 hat der 32-jährige Brahms das genrelose Werk fertig komponiert und schaffte damit wenig später seinen Durchbruch. Diesen Evergreen der orchestralen Chormusik wählt Josef Zaugg, um sich nach jahrzehntelanger Zusammenarbeit von den Sängerinnen und Sängern des Kirchenchor Thun-Strättligen und des Berner Jubilate-Chors zu verabschieden. Dass der Mann Erfahrung hat, zeigt sein Dirigat: Als engagierter Taktgeber überträgt er den Puls des Werkes in den 150-köpfigen Chor und ins Orchester. Die Chormasse erzeugt einen vielschichtigen Klang und pointiert mit differenzierter Dynamik die Gegensätze im Werk. Dort, wo die Stimmpartien einzeln gefordert sind, gehen jedoch Plastizität und Inbrunst verloren. Auch wenn sich Brahms’ Höhen für die Soprane als Herausforderung zeigen, schaukelt sich das Stimmgeflecht in den dramatischen Passagen zu einer Endzeitstimmung hoch. Fatalistisch gedeutet Der Gesang ist dabei von einer Schwerkraft geprägt, die das Werk auf eine fatalistische Weise deutet: Erdenschwer klebt der Mensch in all seiner Vergänglichkeit am eigenen Schicksal. Zaugg spürt dieser Gravität nach und betont das Memento mori. Komplex wird die Empfindung, wenn das Orchester Ewigkeitshoffnung ins Spiel bringt. Mit den romantischen Instrumentaleffekten trifft das Opus-Orchester den richtigen Ton zwischen sinfonischer Energie und kammermusikalischer Sensibilität. Sakrale Stimmung mag im Kultur-Casino nicht so recht aufkommen – muss auch nicht. Denn Brahms war ein religiöser Freigeist, der sich von der Form des Requiems nicht zuletzt dadurch entfernt hat, dass Christus in den eigenhändig zusammengestellten Bibeltexten gar nicht vorkommt. Bei Brahms stehen zudem nicht wie in der katholisch-lateinischen Totenmesse die Verstorbenen im Mittelpunkt, sondern die Lebenden. Dieses Bekenntnis manifestiert sich musikalisch auch in den Baritonsoli. Christian Immler singt erschüttert und doch kraftvoll, verkörpert ganz den leidenden Menschen. Trost findet er im warmen Ton mit dem perfekten Vibrato der Sopranistin Anne-Florence Marbot. Im brahmschen Requiem ist der Chor selbst der Prophet. So hinterlässt er ein mystisches Loch, wenn seine Stimmen verklingen – denn der Rest ist Schweigen. Und dieses Schweigen zieht Zaugg bis zum Ansetzen des Beifalls weit genug in die Länge, damit sich ganz heimlich Versöhnung entfalten kann: So, wie der Tod zum Leben gehört, ist auch die Stille Klang.Theresa Beyer;Weitere Auftritte: Sa, 28.1., 17 Uhr, und So, 29.1., 16Uhr, Stadtkirche Thun. www.choere.ch>

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