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Vorsprechen ist eine Kunst

InterlakenEinen Theaterabend der humorvollen Art

Diffuses grünes Licht auf der ansonsten dunklen Theaterbühne und immer lauter werdende Technomusik bildeten den Rahmen für die Komödie, die am Freitagabend im Interlakner Kunsthaus aufgeführt wurde. Etwa 40 Zuschauer waren gekommen, um das Theaterstück «Gretchen 89 ff.» des deutschen Dramatikers Lutz Hübner unter der Regie von Daniel Ludwig zu erleben. Dabei ging es um die berühmte Kästchenszene aus Johann Wolfgang von Goethes «Faust», ein Stück Weltliteratur. Der Satz «Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles» wurde zum geflügelten Wort. Jungfer findet Kästchen In dieser Szene kehrt die Jungfer Gretchen nach einer ersten Begegnung mit Faust aufgewühlt von der Strasse zurück in ihre «dumpfige» und «schwüle» Kammer zurück. Dort singt sie ein Lied vom König von Thule, findet im Schrank ein Schmuckkästchen und sagt: «Wie kommt das schöne Kästchen hier herein? Ich schloss doch ganz gewiss den Schrein. Wie wunderbar, was mag wohl drinnen sein?» Um das Vorsprechen für diese Szene dreht sich die ganze Komödie. Dabei werden Gretchens Worte: «Es ist so schwül, so dumpfig hie Es ist mir so ich weiss nicht wie Ich glaub, die Mutter kommt nach Haus», immer neu wiederholt. Eine junge Schauspielerin (Karin Wirthner) müht sich ab, beim Vorsprechen dem Regisseur (Frank Demenga) alles recht zu machen. In jeder Szene verkörpern die beiden Schauspieler andere Archetypen eines bestimmten Regiestils oder weiblicher Schauspielkunst. So mimt die Frau etwa die übereifrige Anfängerin, die überlegene Diva, die Dramaturgin oder die kühle Intellektuelle, unterstrichen mit der jeweils passenden Kleidung. Der Mann verkörpert Typen wie einen Regisseur mit schmeichelndem Wiener Charme und den autoritären Haudegen, der ständig von früher erzählt und die Schauspielerin kaum zu Wort kommen lässt. Oder aber den Freudianer, der die Welt nur durch die Pornobrille sieht und sagt: «Die heutige Welt ist nicht der grosse Klassiker, sie ist versaut bis auf die Knochen. In dieser Szene geht es nur um Sex, Sex, Sex.» Leiden einer Schauspielerin Gretchen verrenkt sich nach Kräften, um allen Ansprüchen zu genügen, um fröhlich, aufreizend, innig, aggressiv oder doch mehr leidenschaftlich zu sprechen, bis sie nahezu weinend auf den Knien liegt. Der Blick hinter die Kulissen der Theaterwelt zeigte eindrücklich, wie schwierig sich deren Alltag gestalten kann. Die Zuschauer amüsierten sich köstlich über die witzigen, pointierten Dialoge zwischen den jeweiligen Typen von Schauspielerinnen und Regisseuren und kamen aus dem Lachen kaum mehr heraus. Karin Wirthner und Frank Demenga präsentierten sich als sehr wandelbar und überzeugten mit vielseitiger Schauspielkunst. Das zufriedene Publikum spendete dafür lang anhaltenden Applaus. Monika Hartig >

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