Zum Hauptinhalt springen

Vor lauter Strommasten sieht man den (Energie-)Wald nicht mehr

AtomausstiegSteigt die Schweiz aus der Atomenergie aus, fehlen 40 Prozent Strom. Aber nur 10 Prozent Energie insgesamt. Was zeigt: Der

Die Herausforderung erscheint gewaltig, wenn man die Stromperspektiven des Bundes betrachtet: Die Nachfrage nach Strom steigt bis 2050 gemäss Trend auf über 90 Milliarden Kilowattstunden (kWh). Denn die Energiepropheten rechnen mit weiter stark wachsender Bevölkerung und Wirtschaft in der Schweiz. Auf der andern Seite schrumpft das Angebot im Inland auf knapp 40 Milliarden kWh, falls die heutigen Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Dazwischen öffnet sich eine Versorgungslücke im Umfang von rund 50 Milliarden kWh. Wenn Wirtschaft und Haushalte ihre Stromeffizienz stark erhöhen, lässt sich der Stromverbrauch gemäss Ausstiegs-Szenario des Bundes zwar stabilisieren. Selbst dann bleibt aber eine Versorgungslücke von 25 Milliarden kWh oder 40 Prozent des heutigen Stromverbrauchs. Auf diese Lücke fokussiert die Stromlobby: Der Entscheid zum Ausstieg aus der Atomenergie, so schrieb ihr Dachverband VSE am Mittwoch, «gefährdet langfristig die Versorgungssicherheit der Schweiz». Oder es werden, so ergänzte der Stromkonzern Axpo, «die Klimaziele des Bundes weit verfehlt». Die Umweltlobby hingegen behauptet, es sei kein Problem, 25 Milliarden kWh Atomstrom durch erneuerbare Energie zu ersetzen. «Ein Umstieg auf eine hundertprozentige Stromversorgung mit erneuerbaren Energien ist bereits bis 2030 möglich», schrieb etwa der Branchenverband «Swissolar», nachdem Doris Leuthard den Ausstiegswillen des Bundesrates bekundet hatte. Politik sollte den Blick auf die Gesamtenergie ausrichten AKW-Befürworter werden der Stromlobby glauben, Atomkraft-Gegner der Umweltlobby. Dabei unterliegen beide Seiten der gleichen Gefahr: Vor lauter Bäumen oder Strommasten sehen sie den (Energie-)Wald nicht mehr. So beträgt der Anteil der Elektrizität am gesamten Schweizer Endenergieverbrauch lediglich 25 Prozent. Der Anteil des Atomstroms, der bei der Elektrizität 40 Prozent beträgt, sinkt damit auf 10 Prozent des gesamten Energieverbrauchs. Die Politik sollte deshalb den Blick auf die Gesamtenergie ausrichten. Denn es ist bedeutend einfacher, zehn Prozent Energie zu ersetzen als 40 Prozent innerhalb des Strombereichs. Dazu zwei Beispiele: Rund 40 Prozent des Schweizer Energieverbrauchs entfallen heute auf den Einsatz von hochwertigem Erdöl, Erdgas oder Strom, um simple Raumwärme oder Warmwasser herzustellen. Die Hälfte dieser Energie lässt sich locker einsparen oder durch niederwertige Solarwärme ersetzen. Denn solare Wärmeproduktion ist vier- bis fünfmal effizienter als solare Stromerzeugung. Rund 25 Prozent des Energieverbrauchs verschlingt der Strassenverkehr. Hier liesse sich der Verbrauch pro hundert Kilometer bequem auf drei Liter halbieren. Erstens müsste die Automobilindustrie gehindert werden, 1,5 Tonnen schwere Karossen herzustellen, um durchschnittlich ein bis zwei Personen zu befördern. Zweitens sollten überdimensionierte und damit ineffiziente Motoren verboten werden, welche die Autos weit über die erlaubten 120 Stundenkilometer hinaus beschleunigen. Ausstieg ohne klimapolitische Ziele zu verwässern Diese Beispiele zeigen: Ein Drittel der fossilen Energie – und mithin des CO2-Ausstosses – könnte die Schweiz allein im Wärmebereich und Verkehr bequem einsparen oder ersetzen. Ein Bruchteil dieser fossilen Energie liesse sich verwenden, um neben Solar- und Windkraftwerken auch einige Gaskombikraftwerke oder WKK-Anlagen zu betreiben, die mithelfen, die viel zitierte «Stromlücke» zu stopfen. Fazit: Eine ganzheitliche Energiepolitik erlaubt es der Schweiz schon mit heutiger Technik, mittelfristig aus der Atomenergie auszusteigen, ohne ihre klimapolitischen Ziele zu verwässern. Hanspeter Guggenbühl>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch