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Überleben in den Trümmern

In Haitis Hauptstadt

«Ich gehe überall hin, Hauptsache weg aus dieser Stadt.» Mit ihrem Mann und ihren vier Kindern steht Talulum Saint Fils auf einem Platz im vom verheerenden Erdbeben zerstörten Port-au-Prince. In den Strassen stapeln sich Leichen, seit Tagen hausen die Menschen in Haitis Hauptstadt im Freien – aus Angst vor Nachbeben oder weil ihr Zuhause zerstört ist. «Es gibt überhaupt keine Unterstützung, und unsere Kinder können einfach nicht weiter wie Tiere leben», sagt Talulum. Wer Verwandte auf dem Land hat, kommt bei denen unter, andere fahren einfach los, falls sie einen Platz in den überfüllten Bussen ergattern. Ein Ticket nach Fodernberg, eine drei Stunden von Port-au-Prince entfernte Kleinstadt, kostet umgerechnet zehn Dollar – doppelt so viel wie sonst. Talulums Familie hat ihren Schmuck verkauft, um das Billett zu bezahlen. Als der Bus kommt, ist er schon überfüllt, und trotzdem versuchen die Wartenden, sich irgendwie noch hineinzuquetschen. Immer neue Leichen Für Aanoz Richard, einen 40-jährigen Bäcker, war der Preis zu hoch. «Hier – das ist jetzt mein Haus und mein Bett», sagt er und zeigt auf die Strasse. Die Zurückgebliebenen sind verletzt, traumatisiert – und fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen. «Die haitianischen Regierungen haben nie etwas für ihr Volk getan», sagt Braubrin, eine Lehrerin. «Wir sind vollkommen abhängig von anderen Ländern. Aber wir können nicht einfach hier rumsitzen, inmitten von all diesen Leichen, und warten, bis uns jemand hilft.» Wer in Port-au-Prince bleibt, kämpft oft völlig allein ums nackte Überleben. Folglich steigt die Gewalt- und Kriminalitätsbereitschaft, die Menschen plündern und stehlen, was sie in die Finger bekommen. Im Armenviertel Marché en Fer graben die Menschen in den Trümmern nach Gütern und Lebensmitteln. Aus den Ruinen einer Apotheke klettern einige mit Seife und Kosmetikartikeln in den Händen. Die herumliegenden Leichen stören sie nicht. Mehrere Jugendliche stehen Wache. «Polizei!», rufen sie, als zwei bewaffnete Beamte kommen. Einer von ihnen ist Hernsony Orjeat. Beim Beben verlor der 36-Jährige seine Frau und ist nun einer der wenigen Polizisten, die versuchen, das Chaos zu bändigen. Orjeat schlägt einen der Plünderer zu Boden, der einen Karton Seife gestohlen hat. «Dafür willst du sterben?», fragte er den Mann, der für seine Beute in einsturzgefährdeten Gebäuden gewühlt hat. Die Stunde der Plünderer Die meisten sind nur auf der Suche nach Essen, doch auch Elektroartikel, Schirme oder Ventilatoren werden mitgenommen. Wer Lebensmittel stiehlt, wird laufen gelassen. Auch die Gewalt unter rivalisierenden Plünderern nimmt zu. Einige haben sich schon Äxte aus Holz gebaut, um für den Kampf ums Überleben besser gerüstet zu sein. Die Hoffnungslosigkeit steht Orjeat ins Gesicht geschrieben. «Wir müssten gerade jetzt eigentlich zusammenhalten», sagt er. «Doch es gibt einfach keine Solidarität in diesem Land.» Beatriz Lecumberri undJacqueline Pietsch, sda>

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