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Tschetscheniens explosives Gedächtnis ruht in einem Berner Banksafe

Die tschetschenische Menschenrechtlerin Zajnap Gaschajewa riskierte und riskiert ihr Leben für ihr einzigartiges Video- und Fotoarchiv der russischen Kriegsverbrechen in ihrer Heimat. Nun arbeitet sie ihr Material in Bern nach UNO-Standards auf. Damit es dereinst hilft, die Kriegsverbrechen zu ahnden.

Eine Frau geht unauffällig durch Bern. Plötzlich rennt sie los, eine ungewöhnliche Energie treibt sie an, und sie erreicht ihr Ziel – im letzten Moment steigt sie in den Bus in Richtung Ostermundigen ein. Diese Frau ist die 58-jährige tschetschenische Menschenrechtlerin Zainap Gaschajewa. Ihr Ziel sind die Büros der Schweizer Sektion der «Gesellschaft für bedrohte Völker» (GfbV) in Ostermundigen.

Unerschrockene Archivarin

So rannte sie auch im Krieg in Tschetschenien. Sie rannte nicht weg vor Bomben und Raketen, sondern stets voran, vorbei an den zahlreichen Kontrollposten. Unerschrocken schaute sie den russischen Soldaten in die Augen, und unter dem Rock trug sie eine Kamera. Zu den Zivilopfern in den Trümmern rannte sie hin, um ihre Aussagen auf Ton und Bild festzuhalten. Für ihr einzigartiges Archiv, das nun in Bern lagert und in Ostermundigen mit Unterstützung der GfbV aufgearbeitet wird (siehe Box).

Ihr Lauf ist nicht zu Ende. Sie hat zu viel gesehen. «In diesem Archiv ist das Gedächtnis meines Volkes. Wir sind es den Kriegsopfern schuldig, nicht zu vergessen, und die Täter dürfen nicht auf Straflosigkeit vertrauen. Wir müssen unser Wissen offenlegen und die zerstörte Werteachse wieder aufrichten.» Das sagt sie in ihrer Wohnung in Bern, wo sie seit einiger Zeit wohnt.

Der Widerstand der Frauen

Zainap Gaschajewa ist zwar eine Kämpferin – stark, mutig, charismatisch –, aber sie ist als Mensch auch humorvoll, weich, zweifelnd. Erst das macht ihre wahre Stärke aus. Der Widerstand gegen die zwei grausamen Kolonialkriege des sogenannt demokratischen Russlands (1994– 1996 und 1999–2006) war nicht nur männlich und bewaffnet. Es gab auch eine tschetschenische Friedensbewegung, die vor allem als eine spontane Frauenbewegung entstand. Die Wucht des Krieges hat die Frauen aus den patriarchalen Strukturen und der sowjetisch geprägten Bevormundung hinausgeschleudert.

Sie organisierten Friedensmärsche, zusammen mit dem Gewissens Russlands – mit Menschenrechtlern und Soldatenmüttern – sowie mit ausländischen Friedensaktivisten. Sie waren ungeübt im zivilen Ungehorsam, aber im Gedröhne der Waffen lernten sie schnell. «Als ich im Dezember 1994 zu der ersten Demonstration vor dem Moskauer Kulturpark kam und sah, wie da ausländische Friedensaktivisten, ehemalige russische Dissidenten und demokratische Politiker gegen Präsident Jelzins Tschetschenien-Feldzug protestierten, hat sich mein Leben verändert. Wenn diesen Menschen unser Leid nicht gleichgültig ist, wie kann ich da abseitsstehen?»

Deportiert von Stalin

Dabei hatte nichts darauf hingedeutet, dass sich diese apolitische Sowjetbürgerin und vierfache Mutter eines Tages den Menschenrechten zuwenden würde. Geboren wurde Zainap Gaschajewa 1953 in der Verbannung, in Kasachstan, wie alle Tschetschenen ihrer Generation. Auf Stalins Geheiss war das gesamte Volk am 23.Februar 1944 in Viehwaggons zusammengepfercht und nach Zentralasien deportiert worden. Die Gaschajews waren in Tschetschenien vermögende Bauern mit grossen Schaf- und Rinderherden gewesen.

Das Dorf Chaibach, woher Zainap Gaschajewas Vater stammt, ist für die Tschetschenen zum Symbol der sowjetischen Unmenschlichkeit geworden. Weil es schwierig war, alle Bewohner des Bergdorfes in die Ebene zu treiben, wo die Züge in die Verbannung warteten, wurden Alte, Kranke und Kinder – insgesamt 740 Menschen – in einen Pferdestall eingesperrt und verbrannt. Als die Eltern davon im Flüsterton erzählten, dachte die kleine sowjetische Pionierin Zainap: «Das kann unmöglich die Rote Armee gewesen sein, das waren sicher die deutschen Nazis.»

Das heutige Russland als Nachfolgerin der Sowjetunion hat sich nicht einmal entschuldigt für die stalinistische Deportation, bei der über ein Drittel des tschetschenischen Volkes ums Leben kam. Der 23.Februar wird in Russland als «Tag der Armee» gefeiert. Zum «Tschetschenischen Archiv» in Bern gehören auch Zeugenaussagen über dieses kollektive Trauma, um diese für die Nachwelt zu erhalten.

Die Zeit drängt, die letzten Überlebenden sterben, die Mitarbeiterinnen von Zainap Gaschajewa gehen mit Videokameras von Dorf zu Dorf. Dank Parteichef Nikita Chruschtschow, der die Entstalinisierung einleitete, durften die Tschetschenen ab 1957 nach dreizehn Jahren Verbannung in den Kaukasus zurückkehren. Als die Gaschajews 1968 heimkehrten, begegnete die fünfzehnjährige Zainap endlich ihrem Volk. Es wurde ihre grösste Liebe. Diese sollte später der Ernüchterung weichen.

«Echo des Kriegs»

Die Chronistin der Kriegsverbrechen, die Hunderte Male ihr Leben riskiert hat und weiterhin riskiert, schockiert manche Landsleute. Warum mischt sich eine Frau in die Politik ein? Was nützt das schon? Sie antwortet entschieden darauf: «Würden sich viele meiner Landsleute unseren Anliegen anschliessen, hätten wir mehr erreicht.»

Überall dort, wo Gaschajewas Frauenorganisation «Echo des Krieges» fünfzehn Jahre lang Mehl- und Reissäcke, Öl und Brot gebracht hat, wird sie verehrt. Sie brachte den Kriegsinvaliden Beinprothesen, den Waisenkindern Hefte und Bleistifte. Sie half den verschwundenen Sohn zu suchen, die verletzte Mutter ins Spital zu fahren, die Medikamente zu bezahlen. Und sie gründete selbst ein Waisenhaus. Sie schmuggelte russische Deserteure in Frauenkleidung aus Tschetschenien heraus und übergab sie den russischen Soldatenmüttern, damit diese sie versteckten und vor Gericht verteidigten.

Diese humanitäre Hilfe hat sie ermüdet. Die Kriegsopfer, apathisch oder aggressiv geworden, hatten sich allzu sehr an die ausgestreckte Hand gewöhnt. Unter dem Motto «Im Frieden mit sich selbst und mit anderen» gründete Gaschajewa zusammen mit der russischen Psychologin Ljudmila Pawlitschenko Seminare für Lehrkräfte und Schüler, wo seit Jahren versucht wird, die Kriegsfolgen auf die Psyche zu mildern.

Enorme Tatkraft

Schon als Jugendliche wollte Zainap Gaschajewa den kleinen Lebenskreis einer Tschetschenin, die mit der Teekanne um den Tisch kreist, an dem die Verwandten sitzen, verlassen. Ihr Vorbild war die erste tschetschenische Pilotin Ljalja Nasuchanowa, die in den 60er-Jahren in den sowjetischen Himmel stieg. Heimlich sprang Zainap mit dem Fallschirm über Tschetscheniens Hauptstadt Grosny ab. Später schaffte sie die schwierige Balance zwischen Tradition und selbstbestimmtem Leben.

Als ihr Mann wie damals viele Kaukasier in der Weite des Sowjetreiches eine Arbeit suchte, zog sie mit den gemeinsamen Kleinkindern in eine darniederliegende russische Kolchose nach und half, daraus ein blühendes Dorf mit einer grossen Schafherde zu machen. Nach der Auflösung der Sowjetunion erprobte sie den freien Markt, scheiterte mehrmals, gab aber nicht auf. Bald belieferten ihre Lastwagen Moskauer Metzgereien mit gefrorenem Hühnerfleisch.

Als sie den Vertrag mit einem Supermarkt in Moskau abschliessen sollte, haben im Dezember 1994 die ersten Bomben auf Grosny für sie eine Entscheidung gefällt. «Die Werte in der Geschäftswelt sind ganz anders als in den Menschenrechtskreisen. Mir bedeutet das Materielle nichts mehr, ich sah Besitztümer im Rauch aufgehen», erzählt Zainap Gaschajewa in ihrer Berner Wohnung. «Der Krieg zerreisst Familien, trennt Lebende von Toten, aber mir brachte dieser Zerstörer auch wertvolle Freundschaften. Darauf baue ich. Das ist mein solides Haus.»

Leben im Widerspruch

Ein internationales Netz aus Tschetschenien-Aktivisten, meist Frauen, entstand dank Gaschajewas unermüdlicher Aufklärungsarbeit in Europa. Sie war keine geschulte Rednerin, doch das Leid, das ihr die Bäuerinnen in den Trümmern aufgeladen hatten, hat ihr die richtigen Worte und den sanften Tonfall zugeflüstert. Sie lebte bald in einem zerreissenden Widerspruch: Im Krieg sah sie die dunkle Seite des Menschen, an Konferenzen im Westen flogen ihr die Herzen zu: «Wir wollen euch beistehen», versprach ihr das erschütterte Publikum. Mit dieser Botschaft und der Hoffnung, der Mensch sei gut, fuhr sie zurück zu den Folteropfern, den von Minen und Granaten Verletzten, den frierenden Flüchtlingen in Kuhställen und Zelten.

Hüterin der Information

Als ich ihr im Frühling 1996 im zerbombten Dorf Sernowodsk begegnete, fiel sie mir gleich auf. Während die Bäuerinnen weinten, filmte sie verkohlte Leichen in der niedergebrannten Moschee. Ich fragte sie, was ich für sie tun könnte, und sie bat mich, ihr eine professionelle Videokamera zu besorgen. Das Zürcher Heks-Büro hat dieser Bitte gleich mit zwei Kameras entsprochen und dadurch das grösste tschetschenische Videoarchiv des Krieges ermöglicht.

Zainap Gaschajewa stellte das Material im Krieg bereitwillig russischen und ausländischen Presseleuten zur Verfügung und führte diese zu den Opfern der Kriegsverbrechen. So begleitete sie auch die russische Journalistin Anna Politkowskaja und hielt ihr die Fälle zu, für deren Veröffentlichung Politkowskaja 2006 ermordet wurde.

Der Schweizer Filmer Eric Bergkraut drehte über Zainap Gaschajewas gefährliche Arbeit den aufwühlenden Dokumentarfilm «Koka – Taube aus Tschetschenien». Auf der Berlinale 2007 nahm sie für ihre Filmrolle den «International Human Rights Film Award» entgegen. Zahlreiche weitere Auszeichnungen für ihre Friedensarbeit kamen aus der Schweiz, Deutschland oder Italien hinzu. Sie betonte stets, dass diese Würdigung all den Freundinnen gelte, die sie in Tschetschenien und im Westen unterstützt haben. Und Freundschaft heisst in diesen Kreisen Zusammenarbeit.

Somazzi-Preis aus Bern

Die frühere Berner Nationalrätin Ruth-Gaby Vermot hat 2005 in ihrem Projekt «1000 Frauen für den Nobelpreis» Zainap Gaschajewa als eine der Nominierten gewählt. Heute überreicht ihr Vermot in Bern den Dr.-Ida-Somazzi-Preis, der seit 1976 «für herausragende Leistungen in der Frauenförderung» verliehen wird. In Bern fing für die rastlose Aktivistin vor einem Jahr ein neuer und äusserlich ruhiger Lebensabschnitt an: die langwierige Bearbeitung des Archivs. Es braucht Kraft, immer wieder in die Massengräber zu blicken, die sie gefilmt hat. In die Gesichter der russischen Söldner, die junge Bauern in «Filtrationslager» verschleppt und dort gefoltert haben. Und immer wieder die Schreie der Mütter zu hören. Weiterhin ist sie im Krieg, obwohl sie an der Aare lebt.

In heutigen Tschetschenien von Ramsan Kadyrow ist Gaschajewas Wühlen in der jüngsten Geschichte unerwünscht. Der tschetschenische Präsident hat Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtler öffentlich zu Volksfeinden erklärt. Vom eigenen, bei einem Attentat getöteten Vater Achmad Kadyrow nicht geachtet, erkor er sich einen Vaterersatz: Wladimir Putin ist sein Gebieter, derselbe, der sein Land zuvor mit Krieg in eine Steinwüste verwandelt hatte.

Kadyrow spaltet sein Volk

Zar Putin gibt dem 34-jährigen Ex-Hobbyboxer Kadyrow Macht und Geld für den Wiederaufbau. Und Kadyrow zwingt dem Volk die Anbetung von Putin auf, aus Dankbarkeit zu seinem persönlichen Erhöher. Im Krieg lauerten Scharfschützen und Minen. In der Nachkriegszeit kontrolliert nun der russische Geheimdienst FSB zusammen mit dem ihm unterstellten tschetschenischen FSB die kleine Schar von Aktivisten, legt ihnen nahe, sich zu fügen, Arbeitsrapporte samt Geld abzuliefern, sich von ihrer Arbeit loszusagen oder ins Exil zu gehen. Bestialische Morde an Menschenrechtlerinnen sind eine deutliche Warnung.

«Die brutale russische Kolonialpolitik hat ihr Ziel erreicht – die Spaltung des Volks. Sie geht heute sogar durch Familien. Früher, wenn ich irgendwo meine Landsleute traf, freuten wir uns, halfen uns gegenseitig. Heute sind die Tschetschenen eingeschüchtert und misstrauisch zueinander, auch im Exil», bedauert Zainap Gaschajewa.

Wenn sie durch Bern spaziert, schaut sie sich gerne in Kleiderläden um, gerät schnell in Begeisterung über einen Rock und wechselt fliessend zum Völkermord. Im Safe einer Bank am Bundesplatz sind die Originalkassetten ihres explosiven Gedächtnisses sicher gelagert. Eines Tages soll das Zeugenmaterial über Kriegsverbrechen mithelfen, die Täter zu demaskieren und zur Rechenschaft zu ziehen.

Dann, wenn in Den Haag vielleicht einmal russische Generäle in Haft sitzen werden, verantwortlich für Mord und Folter, für Plünderungen und den Einsatz von verbotenen Waffen wie Streu- und Vakuumbomben. Heute sind sie hochdekorierte Helden in Russland, für «Vaterlandsverdienste» erhielt mancher von ihnen einen Gouverneursposten.

Dick Marty hielt Wort

Im letzten Jahr traf Zainap Gaschajewa im Berner Bundeshaus Ständerat Dick Marty, den Vorsitzenden der Tschetschenien-Kommission beim Europarat. Er versprach ihr: «Wenn wir uns nicht für die Freiheit anderer einsetzen, sind wir selbst nicht frei». Er hielt Wort. In seinem Tschetschenien-Bericht vom Sommer 2010, für den ihm Gaschajewa Material und Kontakte vermittelte, kritisiert er die Straflosigkeit der Täter scharf.

Zainap Gaschajewa hatte Dick Marty ihre Videoaufnahme vom Gemetzel mit über 300 Toten durch den Angriff mit Boden-Boden-Raketen auf den Markt von Grosny am 21.Oktober 1999 überreicht. Diese Präzisionswaffen dürfen nur auf Befehl des Präsidenten der Russischen Föderation abgefeuert werden – das war damals Wladimir Putin.

Es bleibt viel zu tun, um die Mosaiksteinchen zu einem grossen politischen Bild der Verbrechen in Tschetschenien zusammenzufügen. Zainap Gaschajewa ist nur eine von den emsigen Sammlerinnen. Aber eine wichtige.

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