Der Fulehung: Mal grosszügig, mal gnadenlos

Thun

Bereits in den frühen Morgenstunden drehte der Fulehung seine Runden auf dem Rathausplatz. Bis auf einen kleinen Fehler lief am Ausschiesset-Montag alles glatt.

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Wenn Thuner Jugendliche freiwillig um halb fünf Uhr morgens aufstehen, es Süssigkeiten regnet und ein Maskenmann ungestraft Jagd auf Kinder macht, dann herrscht in Thun der Ausnahmezustand namens Fulehung.

Um fünf Uhr in der Früh versammelten sich am Montag Hunderte Thunerinnen und Thuner, um sich dem mit Söiblaatere und Schyt bewaffneten Fulehung zu stellen. Doch einige wenige waren noch früher unterwegs. Bereits um halb fünf machten sich die ersten Kadetten auf dem Schlossberg auf die Suche nach dem Maskenmann.

Die Suche auf dem Schlossberg

«Heit dir ne scho gseh?», fragte ein junger Kadett seine Gspändli, welche enttäuscht verneinten. Das Grüppchen gab aber nicht auf und zog weiter durch die verwinkelten Gassen rund um das Schloss. Als sie am Ende eines Weges ein leises Bimmeln vernahmen, wurde ihre Schritte schneller.

Sie wussten: «Wir haben ihn gefunden!» Auf einem kleinen Platz fanden sie den bereits in sein hellbraunes Kostüm gekleideten Christian Mani, welcher noch mit den letzten Dehn- und Aufwärmübungen beschäftigt war. Mit grossen Augen bestaunten die ehrfürchtigen Kadetten ihren Fund, wurden aber umgehend von der Entourage des Fulehung höflich zum Gehen und zum Warten auf dem Rathausplatz animiert.

Dort wuchs die Menge von erst kürzlich erwachten und lange wach gebliebenen von Minute zu Minute an. Als das Licht erlosch, wussten alle Bescheid: Der grosse Moment war gekommen, bald würde der Fulehung auf den Rathausplatz stürmen und sich mit Söiblaatere und Schyt seinen Weg durch die Massen bahnen.

Der Kampf durch die Menge

«Fulehung-hung, Fulehuuuung», hallte es über den ganzen Platz, bis der lange herbeigesehnte Maskenmann endlich die ersten Hiebe mit den Söiblaatere austeilte. So schnell Jung und Alt versuchte, sich in seinen Schlagradius zu bringen, so schnell flohen sie auch wieder. So, als hätten sie es sich kurzum anders überlegt.

Einmal rund um den Brunnen, unter der Galerie des Rathauses durch und quer über den Platz. Fast überall erschien die gehörnte Maske. Und überall dort, wo man über den Köpfen der Schaulustigen die Söiblaatere wirbeln sah, dort vernahm man die bekannten Lockrufe «Fuuuuulehung-hung», begleitet vom dumpfen Knall der Söiblaatere und den kurzen Schreien jener, welche mit dem Schyt aus dem Weg getrieben wurden.

Scheinbar unermüdlich bahnte sich der Fulehung seinen Weg durch die Massen, verfolgt von seinen freiwilligen Bodyguards und einer kleinen Schar an Kindern, welche offenbar noch keinen Hieb mit den Söiblaatere erhalten hatten.

Der gutmütige Fulehung

Doch der Fulehung teilte nicht nur Schläge aus. Immer wieder hielt er mitten in der Masse kurz inne, um für ein Familienbild zu posieren und kleine Kinder auf den Schultern ihrer Eltern zu ermuntern, keine Angst zu haben, um ihnen anschliessend wohlwollend mit den Söiblaatere über den Kopf zu streicheln.

Doch wer sich von diesem scheinbar gutmütigen Fulehung zu einer unüberlegten Handlung hinreissen liess, der bekam immer sofort und ungehemmt das Schyt zu spüren. Als sich nach einer Stunde die Kadetten zum Morgenstreich formierten, lichteten sich die Massen auf dem Rathausplatz langsam, und das Geschehen verlagerte sich in die obere Hauptgasse.

Umzug durch die Stadt

Während Organisatoren und Polizisten mit Gesten und Worten versuchten, den sich zum Morgenstreich formierenden Kadetten Platz zu verschaffen, erledigte der Fulehung dies zielstrebig mit Schlägen von Söiblaatere und Schyt. So wichen die Zuschauer langsam, und die Musik begann um 6.03 Uhr mit dem traditionellen Morgenstreich.

Auf der Höhe der Schmiedstube, des Waisenhausplatzes und der Postbrücke hielten die Kadetten kurz an, um ihre Konzerte vor mehreren Hundert Zuhörern zu spielen. Dies in stetiger Begleitung des nimmermüden Fulehung. Um halb acht schliesslich fanden sich Kadetten und Schaulustige wieder auf dem Rathausplatz ein. Dort fand die offizielle Fahnenübergabe statt. Im Anschluss marschierte das gesamte Kadettenkorps in Richtung Viehmarktplatz.

Verspäteter Kanonenschuss

Der traditionelle Schuss aus der Zweipfünder-Kanone aus dem Jahre 1862 nötigte den Schaulustigen etwas Geduld ab. Nachdem der Feuerbefehl erteilt wurde und sich Kadetten wie Zuschauer voller Erwartungen die Ohren zuhielten, passierte schlichtweg nichts. Langsam, aber sicher wagten die ersten Mutigen, den Ohrenschutz zu lösen und nach dem Problem zu fragen.

Nach einer kurzen Wartezeit wurde eine zweite Lunte entzündet, welche dann schliesslich den gewünschten Effekt brachte. Zuerst ein Funke, dann etwas Rauch, gefolgt von einem grossen Knall. Die Anwesenden zeigten sich begeistert und dankten es den stolzen Kanonieren mit einem grossen Applaus. Die Kadetten waren ab diesem Punkt entlassen, und auch der Fulehung war lange nicht mehr gesehen. Die Menschenmasse aus Kadetten, Frühaufstehern und Nimmermüden bewegte sich wieder zurück in die untere Hauptgasse, wo man den Fulehung über der Bäckerei Schönholzer erwartete.

Es regnete Süssigkeiten

Als die charakteristische Maske des Fulehung ein erstes Mal hinter einem Fenster im ersten Stock des Altstadtgebäudes auftauchte, begannen die Massen darunter wiederum nach dem Fulehung zu rufen und ihm so einige Süssigkeiten zu entlocken. Dieser Wunsch wurde erfüllt, und der Fulehung warf Schokolade, Riegel und Konfekt aus seinem weissen Leinensack. Die Thunerinnen und Thuner dankten es ihm mit Applaus und weiteren Zurufen.

Auffallend war, dass sich unter den Fängern nicht nur Kadettinnen und Kadetten befanden, sondern auch viele Erwachsene einen Platz suchten. Lautstark riefen auch sie dem Fulehung zu, um ihm etwas aus seinem Süssigkeitensack zu entlocken. Es schien beinahe so, als wirke der Fulehung für viele wie eine Art Jungbrunnen und ein Fenster in vergangene, frohe und unbeschwerte Kinderjahre.

Thuner Tagblatt

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