Zwischen Naturkraft und Kunstform

«Die Kräfte hinter den Formen»: Unter diesem Titel startet am Donnerstag die Ausstellung im Kunstmuseum Thun. Zu sehen sind Arbeiten von zwölf Künstlerinnen und Künstlern.

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Wie eine Tänzerin windet sich ein Baumast in die Höhe. Dort versinnbildlicht eine Formation aus Schlacke und Elektroschrott den Raubbau. Hinter einer Vitrine wecken in Eis gefangene Blumen das klirrende Gefühl, als ob sich beim Betrachten die Kälte aus der Antarktis in alle Fasern des Körpers einnistet.

Dort verbinden sich Steinbrocken auf dem polierten Holzparkett zu einem einzigartigen Relief.In der neusten Ausstellung im Kunstmuseum Thun ist die Natur Modell, Muse und Künstlerin sowie Forschungsobjekt in einem. In «Die Kräfte hinter den Formen – Erdgeschichte, Materie, Prozess in der zeitgenössischen Kunst» finden Augen, Nase und Geist die Nahrung, die sie suchen.

Die Arbeit mit der Natur

Die Ausstellung wurde von drei Institutionen gemeinsam konzipiert: durch die Kunstmuseen Krefeld, welche die Idee zum Projekt lanciert haben, die Museen Haus Lange, Haus Esters und das Kunstmuseum Thun. «Wir sind die letzte Station und haben die Ausstellung mit Werken aus unserer Sammlung ergänzt sowie mit Arbeiten von den Schweizern George Steinmann, Julian Charrière und Reto Steiner», sagte Museums­direktorin Helen Hirsch am Donnerstag an der Medienkonferenz.

«Sie alle arbeiten mit der Natur, der Erdgeschichte und thematisieren Umweltprobleme.» Weiter sind Werke von Jonathan Bragdon, Nina Canell, Olafur Eliasson, Ilana Halperin, Roger Hiorns, Paul Klee, Lutz/Guggisberg, Per Kirkeby, Katie Paterson, Giuseppe Penone, Jens Risch und Gäste sowie von Hans Schabus ausgestellt.

George Steinmann, der in Bern wohnt, gebürtiger Thuner und auch Bluesmusiker ist, ist derzeit gerade an mehreren Orten präsent: so etwa in Bern in «Saitensprünge – wenn Musiker malen», bald in Nairs im Engadin mit einer Ausstellung und am 1. September, wenn in der Konzepthalle 6 der von ihm initiierte «Prix Thun für Kunst und Ethik» erstmals verliehen wird.

Auf Skizzen und als Lava

Im Museum ist die Auseinandersetzung mit der Natur in vielfältiger Weise zu entdecken: verwildert und schwarzweiss auf Fotografien, bunt in Skizzen und rot auf Radierungen, stürmisch in Videofilmen, poetisch und wissenschaftlich in Texten, in Marmor und Nickel, als Fossil und in Gips.

Ein Beispiel ist die Arbeit von Ilana Halperin. In «The Mineral Body» (2013) zeigt die New Yorkerin Kalksteinablagerungen, die an Finger oder Korallen erinnern. Sie entstanden in der Auvergne in einem Höhlensystem mit vulkanischen, thermomineralischen Quellen.

«Die Kristallisierung vollzieht sich dort rasant», erklärt die Künstlerin. Prozesse, die anderswo auf der Welt Millionen von Jahren benötigten, würden sich in diesem Höhlensystem blitzschnell ereignen. «Die Kalkablagerung wächst einen Zentimeter pro Jahr statt in hundert Jahren.»

Inspirierend verheissungsvoll

So wirkt in Thun ab morgen die Naturkraft als Kunst, als Wunder der Natur, die in eine künstlerische Form umgewandelt wurde oder kopiert in anderen Materialien wiedergegeben wird. Die Natur formt Kunst, inspiriert und verdeutlicht, welche Kraft sie in sich trägt und aus ihr entstehen kann.

Die Natur formt Kunst, inspiriert und verdeutlicht, welche Kraft sie in sich trägt.

So, wie der Aufenthalt in der Natur die Sinne berührt, bewegt und anregt, so wirkt auch die aktuelle Ausstellung. Deshalb ist sie eine verheissungsvolle Ein­ladung.

Mit jedem weiteren Museumsraum und seinen Exponaten auf dem Rundgang breitet sich das Gefühl für die Dimension des unergründlichen Universums der Natur aus. «Die Kräfte hinter den Formen – Erdgeschichte, Materie, Prozess in der zeitgenössischen Kunst» bietet sich an, die eigenen Sinne auf Entdeckungsreise zu schicken.

Ob Kunst aus der Natur entstanden oder von Hand wiedergegeben, modelliert, nachgeahmt, skizziert oder eingefangen ist: Wie kleine Mosaiksteinchen lassen sich ansatzweise die Urkräfte der ­Natur in ihrer geheimnisvollen Schönheit und Kraft spüren.

Vernissage: Freitag ab 18.30 Uhr; Einführung: 19 Uhr; Vernissage für Kinder ab 5 Jahren: 18.45 bis 19.45 Uhr, www.kunstmuseumthun.ch

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