Wie kreative Frauen die Kleinkunst kräftig aufmischen

Thun

Die Schweizer Künstlerbörse feierte im KKThun zum 60. Mal die Kleinkunst in allen schillernden Facetten. 70 Formationen begeisterten an drei Tagen die Gäste mit ihren Kurzauftritten.

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«Entschuldigung, fährt hier die Linie 1?», fragt eine bebrillte Dame am Thuner Bahnhof etwas aufgekratzt. Der weisse Stock, den sie in der Hand hält, deutet auf ihre schlechte Sehkraft hin. Sie sei für eine Pianistin eingesprungen, um den Sänger Lukas Eichenberg zu begleiten, der an der Chansonade in den Katakomben der Künstlerbörse auftritt.

«Wissen Sie, ein bisschen sehe ich ja schon noch…», und dann: «Nehmen Sie meine Karte, vielleicht treffen wir uns mal wieder», lächelt sie. Im Foyer des KKThun wird sie von einer jungen t.-Mitarbeiterin unter die Fittiche genommen.

Auf der Visitenkarte steht Marianna Polistena, jene Pianistin, die viele Jahre in der Band von Polo Hofer spielte und sang, eine Musikerin mit Rock und Blues in den Adern, die noch verriet: «Eichenberger singt sehr süsse, berührende Lieder, aber es stimmt für ihn.» Dass sie hinzufügt: «Ich mag es härter», ist angesichts ihrer reichen Musikvita nachvollziehbar.

«Was ist ein veganes, alkoholfreies Fondue? Ein Knoblibrot.»Remo Zumstein Der Poetry-Slam-Schweizer-Meister von 2016 und Michael Kuster, der ihn auf der Gitarre begleitete, sorgten mit ihren Pointen für manchen Lacher im KKThun.

Welke Blumen und lebendige Erinnerungen

Eindrucksvoll beweist das Maria Augusta Balla in ihrem Ein-Frau-Stück «Dice che viene a piovere» (Er sagt, es wird regnen). Mit einer fantastischen Bühnenpräsenz stellt die Schauspielerin eine alte Frau dar, die jeden Tag ihren Mann bei jedem Wetter auf dem Friedhof besucht.

Im fesselnden Monolog schimpft sie über welke Blumen auf den Gräbern und erinnert sich an die Vergangenheit mit vorsichtigem Blick auf die Zukunft, wenn sie hier auch liegen wird.

Cucurrucucu in den höchsten Tönen

Mit einer Zeltbühne schenkt die Künstlerbörse neu den Musikformationen einen Präsentierteller auf dem Freigelände. Banan’N Jug (sprich Banan’n’Dschag), eine reine Frauenband aus Frankreich, ist als zweiter Liveact im Auftrittsblock angekündigt. Die pure Weiblichkeit ruft sozusagen auf den Plan.

Doch zuvor hat sich Verso Suelto angesagt, die sich den lateinamerikanischen Klassikern verschrieben hat. Flankiert von vier Musikern aus vier Ländern, betritt die hochgewachsene Sängerin Raissa Avilés die Bühne. Dass die Tessinerin vier Oktaven auslotet, ist schon eine Sensation an sich.

«Warum ist nie besetzt, wenn man die falsche Nummer wählt?»Alexander Götz Der SRF1-Moderator plauderte mit Bänz Friedli, der am Freitagabend durch die Liveübertragung führte, über Sinn und Unsinn der Kommunikation.

Auf English teilt sie dem Publikum mit, dass sie besonders traurige Liebeslieder vergöttere. Spätestens beim oft gespielten «Cucurrucucu» hebt auch die letzte Taube auf dem Dach des KKThun aufmerksam den Kopf. Nur vom Bassisten begleitet, intoniert Raissa Avilés den Klassiker in einer Intensität, Stimmgewalt und Modulationskunst, dass ein paar Gäste aus dem Publikum begeistert aufspringen.

Staubiger Ursprung – erfrischender Sound

Banan’N Jug mit Laure Colson, Caroline Sentis, Marine Fourest und Barbara Hammadi sprühen vor Temperament und Musizierlust. Bei ihren Liedern mit Banjosound, Waschbrett, Bass und Perkussionsintrumenten taucht vor dem inneren Auge das staubige Amerika der 1920er-Jahre auf, in dem die Waltons mit ihrem Kleintransporter durch die Gegend gurkten und diese röchelnde Hupe drückten. Doch statt «Gute Nacht John-Boy» wird der Zuhörende mit aufweckender, erfrischender Wirkung beschenkt.

«Zwischen mir und meinem Sohn liegen Generationen – von Smartphones.»Uta Köbernick Die deutsche Kabarett-Poetin legte den Finger auf gesellschaftskritische Themen.

Oder war es umgekehrt?

Von Ost-Berlin nach Zürich hat es Uta Köbernick vor einigen Jahren schon verschlagen, die ihr neues Programm «Ich bin noch nicht fertig» vorstellt. Das antwortet sie beispielsweise auf die Frage, ob sie endlich Schweizerdeutsch versteht.

«Die 75-jährigen Omas sind die grössten Punks.»Berni Wagner Der junge österreichische Kabarettist gilt als spannender Newcomer und erzeugte mit seinen Beschreibungen von Grossmüttern so manche Lachträne.

Filigrane Wortspiele wie: «Wir waren frei und der Himmel so blau, oder war es umgekehrt?» oder «Das Kabarett ist tot, es lebe Georg Kreisler, oder war es umgekehrt?» beschäftigen die Gehirnzellen vollauf. Ein gemächliches Tempo und klar gesetzte Worte der Kabarettistin geben dem Publikum Zeit, Aussagen zu verdauen, die noch eine Weile nachwirken.

Götterfunken in der Warteschleife

Hinter dem Namen Woman’s Move steht die Schweizer Tänzerin Elsa Couvreur, die mit ihrem Programm «Sensemaker» das Publikum in seiner Geduld auf die Probe stellt. Denn die junge Frau steckt in einer Telefonwarteschleife fest. Die Hinhaltemusik am Telefon ätzt mit Beethovens «Freude schöner Götterfunken», die sie aber zu einer hinreissenden Tanzperformance auffordert, mit der sie sich aus der Schleife entfesselt.

«Sogar das hässliche Kakerlakenkind ist schön für seine Mama.»Ferruccio Cainero In seinem Programm «Tic Tac» gibt der Erzähler Auszüge der griechischen Mythologie zum Besten.

Eine Frau tanzt ihren Mann

Die Joshua Monten Dance Company ist für ihr dynamisches Tanztheater bekannt. Die Kurzversion des Programms «Romeo, Romeo, Romeo» birgt eine Überraschung, denn unter den vier Tanzenden befindet sich die Tänzerin Noa van Tichel, die unter ihren Kollegen Konstantinos Kranidiotis, Max Makowski und Jack Wignall die gleichen männlichen Bewegungsabläufe zeigt.

«Lass mich jetzt auch mal zu Wort kommen, mein Lieber.»Maria Augusta Balla Als Lia spricht die Künstlerin zu ihrem verstorbenen Mann auf dem Friedhof und involviert dabei auch diejenigen, die in den Nachbargräbern bestattet sind.

Später erzählt sie, es sei für sie eine harte Arbeit gewesen, die kopulierenden, mit Muskeln balzenden Figuren einzustudieren. Doch die Tänzerin ist jetzt sicher: «Wie sich Frauen und Männer bewegen, ob auf die Brust trommelnd oder stöckelnd: Nichts ist angeboren, es ist alles erlernt!»

Der Kater

Die Compagnia Bluff zeigte eine Kurzform ihres Programms «Maestro e Margherita», wobei der Kater nicht mit frechen Bemerkungen geizte. Heike Mühlen, David Labanca und Fabrizio Pestilli verkörperten in ihrer modernen Form der Commedia dell’arte zwölf Rollen im fliegenden Wechsel.

Thuner Tagblatt

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