Wenn in Thun die «gute alte Zeit» unheimlich wird

Thun

Auf einer neuen Führung von Thun-Thunersee Tourismus heften sich die Teilnehmer auf die Fersen ein es Nachtwächters. Dabei erfahren sie gruselige Realitäten aus dem Thun des Mittelalters.

Die drei Nachtwächter in «Unheimliches Thun» (v. l.): Urs P. Geiser (Ursus), Dölf Keller (Jakob) und Jon Keller (Lienhard) entführen das Publikum in der neuen Stadtführung von Thun-Thunersee Tourismus in die «gute alte Zeit».

Die drei Nachtwächter in «Unheimliches Thun» (v. l.): Urs P. Geiser (Ursus), Dölf Keller (Jakob) und Jon Keller (Lienhard) entführen das Publikum in der neuen Stadtführung von Thun-Thunersee Tourismus in die «gute alte Zeit».

(Bild: PD/Carolina Piasecki)

Sechs lange, durchdringende ­Töne aus dem Horn des Nachtwächters lassen nichts Gutes ­erahnen. Das Hotel Freienhof in Thun brennt lichterloh. Später wird Maria Magdalena als Brandstifterin verurteilt, bis auf die Knochen ausgepeitscht und für 101 Jahre verbannt.

Nachtwächter Jakob weiss mit Grabesstimme, finsterer Miene und schauspielerischem Talent allerlei zu erzählen, war er doch meist des Nachts erster Zeuge von misslichen Begebenheiten im Stadtgebiet Thun.

Thun-Thunersee Tourismus lanciert für Herbst und Winter eine Stadtführung mit dem Titel «Unheimliches Thun», was man angesichts der erzählten adergefrierenden Ausführungen getrost auch als «Unheimliches Tun» bezeichnen könnte.

Verstümmelungsstrafen ­waren damals üblich

So wurden etwa kleinere Diebstähle mit der Amputation von Fingergliedern geahndet. Weitere Verstümmelungsstrafen waren das Abschneiden der Füsse oder häufig das Abschneiden von Nase, Ohren oder Zunge sowie die Brandmarkung.

Als eine der schlimmsten Strafen galt die Blendung der Augen. Die drei Nachtwächter Dölf Keller (Jakob), Jon Keller (Lienhard) und Urs P. Geiser (Ursus), stilecht gekleidet, wissen so manche historisch belegte Thuner Geschichte darüber zu erzählen.

Sein Amt habe einen unehrenhaften Ruf, ähnlich wie der des Wächters, des Abdeckers, Henkers oder Totengräbers, erzählt Jakob. Die einzige Lichtquelle liefert ihm seine Laterne, ansonsten ist es zappenduster.

Mit schwingendem schwarzem Umhang und ebenso dunklem Hut und Hellebarde schreitet der Nachtwächter die sieben Tore ab. Kräftig schleift er seine Hellebarde über die Steintreppen: Das laute Kratzgeräusch soll zur Vorsicht mit Feuerstellen mahnen. Denn die Holzhäuser stehen dicht gedrängt nebeneinander. Vergisst Jakob, ein Tor zu schliessen, gibt es Ärger mit dem Schultheiss.

Die Torschlusspanik in ­früheren Zeiten

Am Burgitor fragt Nachtwächter Lienhard Gebinger in die Runde, woher wohl der Begriff Torschlusspanik stamme. Ein Ehepaar habe nach Einbruch der Dunkelheit hier am Stadttor um Einlass gefleht.

Der Mann erklärte, seine Frau Anna habe sich auf dem Felde verschwatzt, deshalb ihre Verspätung. Daraufhin habe er sie belehrt: «Der Priester hat gesagt, das Eheweib müsse dem Manne Untertan sein», und sie eingelassen.

Die Torschlusspanik befiel alle Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner, die es nicht rechtzeitig durchs Tor schafften – ihnen drohte eine Übernachtung vor der Stadtmauer, ohne jeglichen Schutz.

Lumpen für Leprawunden, Männer für Zwangsarbeit

Mit Lumpen auf dem Gesicht, um die Leprawunden zu bedecken, wurden die Aussätzigen auf einem Wagen aus der Stadt ins Siechenhaus verbannt. Die Nachtwächter mussten die Todkranken von der Stadt fernhalten, die hinein schlichen und nach ihren Familien sehen wollten. In Carl Friedrich Ludwig Lohners Thuner Chronik hat Nachtwächter Ursus pikante Details entdeckt.

So bemäkelten die hohen Herren von Bern im Jahr 1585 «schleichende Hurerei, gonorrhoisches Leben und Müssiggang» in Thun. Die Nachtwächter mussten Beizen räumen und die Männer zur Zwangsarbeit abkommandieren.

Nachttopfinhalte als Fäkal­duschen waren nicht selten

Die «gute» alte Zeit, von den drei Nachtwächtern bei der Führung «Unheimliches Thun» heraufbeschworen, ist mit spannenden, zuweilen komischen Details gespickt. Nachtwächter landauf, landab beklagten die Angewohnheit der Bevölkerung, ihre Nachttopfinhalte nachts aus dem Fenster zu kippen, was nicht selten zur Fäkaldusche führte.

Doch schon im 13. Jahrhundert erwirkte Elisabeth von Kyburg per Handfeste (Urkunde) ein Gesetz, welches das Abfleischen von Fellen und das Leeren von Nachttöpfen aus dem Fenster verbot.

Die Stadtführung geht über den ganzen Schlossberg und dauert knapp zwei Stunden. Termine: Freitag, 5. und 26. Oktober, 30. November 2018, 19 Uhr. Mittwoch, 16. Januar, 6. und 27. Februar 2019, 18 Uhr, Start: Hotel Freienhof, vor dem Hoteleingang. Anmeldungen bis zwei Tage vorher unter thun@thunersee.ch, Telefon 033 225 90 00.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt