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Wellen haben rechtlich keine Bedeutung

Vertreter von Verkehrsverbänden sind skeptisch, ob die blauen Wellen auch in der Freienhofgasse aufgemalt werden sollen. Laut dem Astra haben die Wellen rein rechtlich gesehen «keinerlei Bedeutung».

Die blauen Wellen in der Thuner Marktgasse sollen die Verkehrsteilnehmer zu gegenseitiger Rücksichtnahme animieren.
Die blauen Wellen in der Thuner Marktgasse sollen die Verkehrsteilnehmer zu gegenseitiger Rücksichtnahme animieren.
Patric Spahni

Lange Zeit schlug das Thema keine hohen Wellen mehr. Das hat sich jüngst aber wieder geändert. Die Rede ist von den blauen Wellen, die zwischen dem Guisankreisel und der Marktgasse in der Thuner Innenstadt auf der Strasse aufgemalt sind (vgl. Infobox).

Im Juli informierte Gemeinderat und Bauvorsteher Konrad Hädener (CVP), dass die Stadt die Freienhofgasse, auf dem Abschnitt zwischen Maulbeerkreisel und Bälliz, ähnlich gestalten wolle – eine Idee, deren Umsetzung bereits vor Jahren erstmals in Aussicht gestellt worden war. An der Stadtratssitzung Ende August wurde der dafür nötige Kredit für die Sanierung des Strassenraums jedoch knapp zurückgewiesen.

Das Projekt konnte das Parlament nicht restlos überzeugen. Zuletzt tauchte das Thema auch wieder in den Leserbriefspalten dieser Zeitung auf. So schrieb etwa der Thuner Markus Däppen, dass die Wellen «einer längerfristigen Lösung in der sensiblen Altstadt nicht würdig» seien. Erwin Baur aus Gunten meinte: «Ortsfremde müssten doch an jeder Einfahrtsstrasse orientiert werden, was das Gekripsel am Boden zu bedeuten hat.»

Wellen sind ohne Bedeutung

Es stellt sich insbesondere die Frage, ob diese Gestaltung des Strassenraums, die die Stadt seit nunmehr acht Jahren aufrechterhält, dem Gesetz überhaupt standhält. Die Frage geht ans Bundesamt für Strassen (Astra). Laut Mediensprecher Thomas Rohrbach handelt es sich bei den Thuner Wellenlinien rechtlich gesehen «nicht um eine Markierung, sondern um eine farbige Gestaltung der Strassenoberfläche» und somit um eine baurechtliche Massnahme. Die Linien dürfen als sogenannter Mehrzweckstreifen, wie er auch andernorts existiert, auf der Strasse angeordnet werden.

«Die Behörden haben einen gewissen Spielraum.»

Thomas Rohrbach, Mediensprecher Bundesamt für Strassen, zur Ausgestaltung des Verkehrsraums

Auf die Frage, ob die aktuelle Gestaltung für Auswärtige und Touristen nicht verwirrend sei, hält Rohrbach lediglich fest, dass die Wellen «keinerlei verkehrsrechtliche Bedeutung» hätten. Wie der Verkehrsraum optimal aufgeteilt werde, müsse die jeweils zuständige kantonale Behörde «aufgrund der konkreten Umstände des Einzelfalls beurteilen». Thomas Rohrbach hält fest: «Die Behörden haben dabei einen gewissen Spielraum.»

Kaum Unfälle auf Abschnitt

Wegen der eigenwilligen Symbolik hatte die Stadt 2011 in der Anfangsphase entsprechende Infotafeln aufgestellt. Dennoch wurde befürchtet, dass es zu vielen Unfällen kommt. Nach einem Jahr gab die Polizei vorerst Entwarnung; es wurden keine Zusammenstösse registriert. Bis heute sind Unfälle selten: Gemäss dem Geo-Statistikportal des Bundes haben sich auf dem Abschnitt seit 2011 insgesamt fünf Unfälle ereignet. In zwei Fällen verletzten sich Velofahrer leicht; in zwei weiteren zogen sich Fussgänger leichte Verletzungen zu. Inwiefern ein Zusammenhang mit den blauen Wellen besteht, ist nicht erfasst.

Die Polizei wiederum führt keine eigene Unfallstatistik, die spezifisch nur diesen Strassenabschnitt Thuns erfasst, wie Dino Dal Farra, Mediensprecher, der Kantonspolizei Bern, auf Anfrage erklärt.

Überforderung für Kinder?

Und was halten Vertreter von Thuner Verkehrsverbänden von der Massnahme? Suzanne Albrecht, Geschäftsleiterin der VCS-Regionalgruppe Thun-Oberland, zieht eine differenzierte Bilanz der vergangenen acht Jahre: «Die Leute haben sich an die blauen Wellen gewöhnt. Der grosse Vorteil ist das flächige Queren.»

«Die Kinder lernen im Verkehrsunterricht, dass sie eine Strasse auf dem Zebrastreifen überqueren sollen – was hier natürlich zum Problem wird.»

Suzanne Albrecht, Geschäftsleiterin VCS-Regionalgruppe Thun-Oberland

Albrecht findet aber – und dies habe sie bereits 2011 gesagt –, dass auf dem Abschnitt Tempo 30 gelten sollte. Die ehemalige Stadträtin der Grünen weist zudem auf einen Umstand hin, der seit je Fragen ausgelöst hat. «Die Kinder lernen im Verkehrsunterricht, dass sie eine Strasse auf dem Zebrastreifen überqueren sollen – was hier natürlich zum Problem wird. Ich habe diese Rückmeldung bereits von mehreren Müttern erhalten.»

So äussert sich Albrecht zurückhaltend, was die Einführung der blauen Wellen zwischen Maulbeerkreisel und Bälliz betrifft. Denkbar wäre für sie auch dort eine Begegnungszone – und Tempo 30. Nach dem jüngsten Nein des Stadtrats fordert sie ausserdem: «Es sind Sofortmassnahmen nötig. Die jetzige Situation mit den Absperrlatten auf den Trottoirs geht gar nicht.» Zur Not müssten die früheren Fussgängerstreifen wieder aufgemalt ­werden.

Vorteile auch für Autofahrer

Differenziert beurteilt werden die blauen Wellen auch von Hans-Peter Zürcher. «Anfänglich waren wir skeptisch. Wir liessen uns aber davon überzeugen, dass es ein gutes System ist», sagt der Präsident des Landesteils Berner Oberland des TCS. Aus heutiger Sicht finde er die Wellen «grundsätzlich gut».

Sie hätten auch Vorteile für den motorisierten Individualverkehr. Dennoch ist Zürcher mit dem Status quo nicht restlos glücklich. Der Strassenraum präsentiere sich nach acht Jahren eigentlich immer noch als Provisorium. Im Gegensatz zu Albrecht findet er zudem: «Wichtig ist, dass keine Tempolimiten eingeführt wurden. Das ist nicht nötig, denn schon heute werden tiefe Geschwindigkeiten gefahren.»

«Ich habe schon von Leuten gehört, die meinten, dies markieren den Weg zur Badi.»

Hans-Peter Zürcher, Präsident Landesteil Berner Oberland des TCS

Laut Zürcher lässt sich über den Sinn der Wellenlinien streiten: «Ich habe schon von Leuten gehört, die meinten, dies markiere den Weg zur Badi.» Deshalb hält der Präsident fest, dass der TCS zwar mit der Einführung des flächigen Querens in der Freienhofgasse grundsätzlich einverstanden sei, «aber über die Gestaltung müssen wir sicher noch reden».

Angeregt wird Tempo 30

Ähnlich tönt es bei Adrian Christen. Der Präsident von Pro Velo Region Thun findet, dass die Signalisierung auf dem Abschnitt Maulbeerkreisel–Bälliz dereinst nicht zwingend gleich aussehen muss wie jene in der Marktgasse. Die dortigen blauen Wellen erachtet er aber «auch für Velofahrer als Gewinn». Denn der Verkehr bewege sich ebenfalls für die Velofahrer flüssiger. Dafür nimmt Pro Velo in Kauf, dass wegen der breiten Mittelzone am Strassenrand etwas weniger Platz für Fahrräder bleibt. Gleich wie der VCS regt jedoch auch Christen eine Reduktion auf Tempo 30 an.

Offen ist derzeit, ob und wie es in der Freienhofgasse mit den blauen Wellen weitergeht. An der letzten Stadtratssitzung sagte Bauvorsteher Konrad Hädener: «Auf absehbare Zeit bleibt die Situation so, wie sie ist.» Somit ist das Thuner Verkehrsunikum vorerst exklusiv am unteren Ende des Bälliz anzutreffen.

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