Wahlkampf zwischen Thuner Bier und madigen Äpfeln

Thun

Zu einem bierernsten Gespräch luden Raphael Lanz (SVP) und Hans Stöckli (SP) in die ehemalige Brauerei Thun AG ein. Die rhetorische Rasanz von Kabarettist Bänz Friedli als Moderator liess keine Schnarchmomente aufkommen.

Raphael Lanz (l.) und Hans Stöckli (r.) debattierten mit Moderator Bänz Friedli über Politik, Äpfel und Bier.

Raphael Lanz (l.) und Hans Stöckli (r.) debattierten mit Moderator Bänz Friedli über Politik, Äpfel und Bier.

(Bild: Patric Spahni)

Auf die Frage «Wie viel Humor verträgt die Politik?» reagierten Raphael Lanz und Hans Stöckli mit wachem Blick und gebügelten Worten. Der Stadt-Thun-präsidiale Nationalratskandidat von der SVP einerseits und SP-Ständerat «Hans wieder ins Stöckli» andererseits.

Der muntere Wahlanlass im neuen Gastrobetrieb The Food-Story, zu dem sich120 Politikinteressierte eingefunden hatten, liess den Wunsch aufkeimen, Politiker nie mehr ohne kabarettistische Vollpflege auf die Menschheit loszulassen. Ob im Lokal am Schweizerweg von den Kontrahenten ein Schweizer Weg gefunden wurde, blieb beim Schmunzeln offen.

«Gringe» auf Plakaten

Der Brite mit der Frisur (Boris Johnson), plauderte Friedli, habe seinen potenziellen Wählern versprochen, dass ihre Frauen grössere Brüste und sie selber eventuell einen BMW bekämen, wenn sie ihn wählen würden. Als Motivation für vollmundige Politikerversprechen taugte diese strubbelige Mär allerdings nicht.

Das Thunbier, das selten allein käme, sei verantwortlich für diese Veranstaltung gewesen, verriet Friedli, der mit Zürischnore versicherte, er habe sich sein Berndeutsch erhalten. Nach der x-ten Gerstenkaltschale habe man beschlossen, eine andere Art von Wahlanlass aus der Taufe zu heben. «Ich wähle beide nicht», so der Wahlzürcher Friedli, «wir haben andere Bürden wie Köppel zu tragen.»

Wahlen seien eh nicht so sein Ding. All diese «Gringe» auf den Plakaten, und: Seit er eine neue Brille habe, könne er leider auch die Slogans lesen, was ihm gar nicht bekomme. Seine Sympathie aber gelte beiden, Raphael Lanz und Hans Stöckli, denn sie seien flotte Cheibe mit vielen Parallelen. «Ist das dein Ernst mit dem Nationalrat?», fragte der SP-Mann den SVP-Stapi. «Ja, unbedingt!», versicherte dieser mit Nachdruck.

«Ihr mögt euch offensichtlich», stellte Friedli fest, «ist das überhaupt erlaubt?» Er habe viel von Stöckli gelernt, erinnerte sich Lanz. Zum Beispiel wisse er, dass er zu spät an eine Sitzung komme, wenn Stöckli schon da sei. Kichern im Publikum. «Würdet ihr einander wählen?», bohrte der Moderator nach. Ausser beidseitigem Lachen blieben die Nationalratskandidaten eine Antwort schuldig. Wie sie denn zu ihren Parteien gekommen seien? Stöckli: «Ich bin nicht als SPler geboren, aber ich werde als solcher sterben.» Lanz: «Ich bin in der Thuner Altstadt aufgewachsen. Meine Eltern hatten dort eine Drogerie.» So habe es für ihn nahegelegen, in die ehemalige BGB (Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei) einzutreten. Sein Vater sei ein politisch wacher Geist gewesen.

Stapis unter sich

Stöckli, einst in Biel im gleichen Amt wie Lanz, bezeichnete den Beruf Stadtpräsident als den schönsten der Welt, was der Herr Kollege nur bestätigen konnte. Trotz Kritik hin und wieder blieben die Menschen immer anständig. Wie die Kinder denn politisch stünden, wollte Friedli wissen. Lanz begnügte sich damit, zu erklären, dass es wichtig sei, sich politisch zu engagieren, und das täten seine Kinder. Stöckli erinnerte sich an die Zeit, als er als Stapi oft durch die Bieler Innenstadt ging mit seinen Kindern im Schlepptau. «Sie haben dann für mich ausge­kundschaftet, was die Leute hinter meinem Rücken über mich sagten», erzählte er augenzwinkernd.

Schnellsprecher Friedli entfachte nun ein Ja-oder-Nein-Kreuzfeuer: Moser in den Bundesrat? Zweimal Nein. Rahmenabkommen neu verhandeln? Zweimal Ja. Stimm- und Wahlrecht für Ausländer in den Gemeinden? Lanz: Nein. Stöckli: Ja. SRF-Studio Bern muss bleiben und darf nicht nach Zürich? Beide Ja. Bier, Wein, Whisky? Stöckli: Alles. Lanz: Thunbier.

Wie gefährlich Ironie ist, was der eine am anderen schätzt oder wie hoch die Parkhausdichte in Thun sei, darüber wurde vortrefflich schwadroniert, bis das Thema «Apfel» angebissen wurde. Stöckli sei untröstlich, dass sein Schweizer Lieblingsobst so gruusig dargestellt werde wie auf den SVP-Plakaten. Und schon wieder waren sich die beiden einig: «Wahlplakate sollten eine positive Botschaft haben», meinte Lanz diplomatisch.

Friedli streute ein, dass diese madige Kampagne ja aus Züri komme, allerdings sei der Wahlkampfleiter aus Sigriswil ... Lanz erklärte mit Nachdruck seine Haltung: «Ich setze niemanden herab, nur weil er in einer anderen Partei ist. Das mache ich einfach nicht.» Stöckli: «Dieser Plakatstil gehört nicht zu unserer Kultur, das gehört nach Deutschland in die 1930er-Jahre!» Der bekennende YB-Anhänger Bänz Friedli zog seinen Fanschal an und machte noch munter Werbung in eigener Sache: Er sei nominiert für den Swiss Comedy Award, wer ihn auf der Website wähle, bekomme ein Bier. «Gewinnt YB heute?», fragte der Kabarettist am Mittwochabend. Nicht nur die beiden Politiker riefen «Ja», sondern auch das gut gelaunte Publikum.

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