Tiefe Blicke ins «Schatzchäschtli»

Thun

Das Wetter hatte sich die Haare glatt gekämmt und ein Krönchen aufgesetzt, als Thun-Thunersee Tourismus am Freitag seine neue Stadtführung vorstellte. Sie widmet sich den Bürgern von Stadt und Region und verspricht vielsagend: «Thuns versteckte Schätze».

Was es mit dem Uhrenturm beim Hotel Freienhof auf sich hat, erfährt man bei der neuen Stadtführung.

Was es mit dem Uhrenturm beim Hotel Freienhof auf sich hat, erfährt man bei der neuen Stadtführung.

(Bild: Christina Burghagen)

Mit seiner Heimatstadt verwurzelt zu sein, fühlt sich kuschelig an. Dort grüsst der Nachbar, da gehts zum Bäcker, und hier steht die Linde, die dort schon seit der Kindheit Schatten spendet.

Allerdings macht sich auch eine Art Betriebsblindheit breit, denn kaum jemand legt mal den Kopf in den Nacken, um Häuserfassaden zu bestaunen, oder schlägt einen Weg ein, den man sonst nie wählt.

Also ging das Team von Thun-Thunersee Tourismus auf Spurensuche, um Einheimischen eine neue Stadtführung mit «Thuns versteckten Schätzen» anzubieten. Die Rundgänge durch die Stadt werden für Touristen üblicherweise zweisprachig in Englisch und Deutsch angeboten.

Nur auf Deutsch

«Allerdings frisst das viel Zeit, sodass wir uns aufs Wesentliche beschränken müssen», sagte Stadtführerin Martina Häusler. Die neue Stadtführung finde hingegen nur in Deutsch statt: «So haben wir Gelegenheit, unseren ortskundigen Gästen tiefgreifende und überraschende Informationen zu liefern.»

Woher etwa der Bälliz seinen Namen habe, sei für auswärtige Urlauber weniger interessant als für hiesige Besucher, war sich Dr. Jon Keller bei der Premiere der Stadtführung sicher – der Historiker brachte spannende wissenschaftliche Erkenntnisse an die frische Luft.

Wer verspeiste den Bären?

Elsbeth Aebersold ist eine aus einer ganzen Gruppe von Stadtführerinnen, welche die neue Führung durch Thun begleiten. Sie erklärte eindrücklich, warum in der Fassade vom Freienhof Armbrustpfeile stecken, und wies auf die Tafel hin, an der man sonst auf dem Weg zur City eher vorbeihastet.

Unweit des Bahnhofs in der Aare wird eine besondere Art der Geburtshilfe praktiziert. Was es damit auf sich hat, berichtete Martina Häusler den Naturinteressierten unter den Gästen. Nur betagte Bürger wissen noch, dass bis zum Jahr 1940 ein Tram von Steffisburg über Thun bis Oberhofen und Beatenbucht zuckelte.

Was sich vorher auf dem Gelände des Bahnhofs abspielte, der anno 1923 gebaut wurde, und welchen Verlust Thun mit dem Abriss eines besonderen Gebäudes hinnehmen musste, erfahren die Teilnehmer der geschichtlichen Schatzsuche ebenfalls. Wer den Bärenbraten auf dem Schloss verspeiste und die Knochen über die Schulter geworfen hat, kann zwar nicht mehr nachvollzogen werden.

Aber die abgenagten Ge­beine, die bei der Sanierung des ehrwürdigen Gemäuers gefunden wurden, geben Aufschluss in die Speisekarte des Mittelalters. Die Leiterin des Museums, Lilian Raselli und ihr Team, halten noch andere Trouvaillen zum Bestaunen bereit. Die Sonderausstellung «Spuren der Vergangenheit – eine Zeitreise im Schloss Thun» blickt auf 5000 Jahre Thuner Geschichte zurück.

Einen Bogen geschlagen

Die neu lancierte Stadtführung für Einheimische überrascht nicht nur durch spannende Geschichten, sondern auch durch ihre Vielfältigkeit. Ja, mehr noch: Es wird nicht nur in der Historie gewatet. Im Kino Rex, dem modernsten Kino der Schweiz, wie Geschäftsführer Alain Marti nicht ohne Stolz bemerkte, wird in einer Audioshow klar, was «Dolby Atmos» ausmacht – nämlich die perfekte Illusion mitten im Geschehen zu erleben.

Die Partymeile auf dem Selve-Areal ist Geschichte. Dafür weht in der Konzepthalle 6, einen Katzensprung vom Stadtkern entfernt, ein grossstädtisches Flair, denn hier treffen Kultur, Design und Gastronomie aufeinander und nutzen auf ungewöhnliche Weise Synergien. Küchenmeister und Fernsehkoch Adrian Tschanz führt mit jedem Teller vor, was der Unterschied zwischen Nahrung und Speise sein kann. Gleichzeitig können sich hier Sushi-Fans austoben.

So schlägt die neue Stadtführung «Thuns versteckte Schätze» einen Bogen von geschichtsträchtigen Überraschungen bis hin zu aktuellen Neuerungen, die einen Besuch wert sind. Vielleicht schüttelt mit ihr auch mancher Thuner die Betriebsblindheit für seine Stadt ab und riskiert künftig neugierige Blicke fernab der alltäglichen Routine.

Termine Stadtführung «Thuns versteckte Schätze»: Donnerstag 26. Mai, 30. Juni, 28. Juli, 25. August und 29. September, jeweils 16 Uhr, Treffpunkt Welcome-Center im Bahnhof Thun, 25 Fr. pro Person oder 220 Franken Gruppenpauschale.

Thuner Tagblatt

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