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Berner Friedensrichter mitten im Milliardenerbstreit

2016 verstarb der deutsche Grossindustrielle Curt Engelhorn. Er hinterliess eine zerstrittene Familie und Milliarden von Dollars. Jetzt beschäftigt sich die Oberländer Schlichtungsbehörde mit seinem Erbe.

Wenn sich am Dienstag um 14 Uhr die Türen hinter dem Gerichtssaal 5 in Thun schliessen, stehen die Oberländer Friedensrichter vor einer wahren Her­kulesaufgabe. Normalerweise vermitteln sie bei Nachbarstreitereien oder Mieterkonflikten – «laienfreundlich» und «unbürokratisch», wie sie selbst von sich sagen. Dieser Fall hier ist aber ein ganz anderes Kaliber.

Es geht um den Nachlass von Curt Rudolf Glover Engelhorn. Der in seinen letzten Lebensjahren in Gstaad wohnhafte deutsche Grossindustrielle verstarb 2016 im Alter von 90 Jahren. Er hinterliess eine Ehefrau, drei Ex-Ehefrauen, fünf Kinder aus zwei Ehen und einer Affäre, einen Stiefsohn – und ein Vermögen von 6,2 Milliarden Dollar.

Damit belegte Engelhorn in seinem letzten Lebensjahr noch Platz 188 auf der «Forbes»-Liste der reichsten Menschen der Welt. Und um dieses Vermögen streiten sich nun seine Nachkommen. Eine der Töchter aus erster Ehe findet, ihr stehe mehr zu – auf Kosten der immer noch in Gstaad wohnhaften Stiefmutter. Aber dazu später mehr.

Engelhorn rechnet ab

Um diesen Familienstreit unter Multimillionären besser zu verstehen, muss man sich zuerst mit der reichen Familiengeschichte der Engelhorns befassen. Zu seinem 80. Geburtstag feierte Curt Engelhorn ein grosses Fest. Elton John trat auf. Und als Geschenk verteilte er die eigens für dieses Ereignis verfasste Autobiografie mit dem Titel «Hefe im Teig», eine Anspielung darauf, wie er sich selbst innerhalb des Familienclans sieht.

Das 300 Seiten starke Werk war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Weil aber Engelhorn kurz vor seinem Tod auch Journalisten des «Manager-Magazins» einen Einblick ins Buch gewährte, ist heute alles ­bekannt.

In seiner Autobiografie rechnete Engelhorn mit Familie und Weggefährten schonungslos ab – den Kindern, den Eltern, den Frauen und nicht zuletzt mit sich selbst. Und das bis in die intimsten Details, ohne die hier weiter auszubreiten. Engelhorn machte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus dem Pharmaunternehmen Boehringer Mannheim einen Weltkonzern. Diesen verkaufte er 1997 für elf Milliarden Dollar an Roche – die bis dahin grösste Firmenübernahme Europas. Eine sich an­bahnende Intrige innerhalb des Familienclans bewegte ihn schliesslich zum Verkauf seines Lebenswerks. Der Sohn, der Schwiegersohn und der Neffe hatten hinter seinem Rücken an seiner Entmachtung gearbeitet.

«Untereinander spinnefeind, einig nur beim Steuersparen», fasste das «Manager-Magazin» die Familiensituation der Engelhorns zusammen. Hier wird es politisch brisant. Denn der Hang zur Steuervermeidung spielt auch im anstehenden Schlichtungsverfahren in Thun eine entscheidende Rolle.

Steuersparen in der Karibik

In Deutschland wird Curt Engelhorn nicht nur wegen seiner unternehmerischen Leistung in die Wirtschaftsgeschichte eingehen, sondern vor allem auch wegen seiner Vorreiterrolle in Sachen Steueroptimierung. Weil er den Sitz seiner Firma auf die karibischen Bermudainseln verlegte, ging der deutsche Fiskus beim Verkauf seines Unternehmens leer aus. Engelhorn sprach später davon, die «Steuerfalle» erfolgreich umgangen zu haben. Und diesem Vorsatz blieb er Zeit seines Lebens treu.

Sein Vermögen bunkerte er bis zu seinem Tod in dutzenden Trusts in der Karibik. Bei einem Trust überträgt man sein Vermögen einem Treuhänder, der das Geld zugunsten von einem oder mehreren Begünstigten verwaltet. Der grosse Vorteil: Man spart Steuern.

Ein erstes Mal fiel dieses Konstrukt auf, als Engelhorn seinen beiden Töchtern aus dritter Ehe einen Teil seines Vermögens vermachte. Die deutschen Be­hörden bekamen Wind davon und eröffneten 2013 ein Verfahren. Die beiden Töchter wurden verhaftet und mussten schliesslich 145 Millionen Euro nach­zahlen. Aber seit November 2017 muss man vermuten: Sie kamen mit diesem Deal wohl gar nicht mal so schlecht davon.

Die Paradise Papers

So tauchte der Name Engelhorn prominent im Datenleck der Paradise Papers auf. Die «Süddeutsche Zeitung» fand heraus: Im Steuerstrafverfahren gegen die beiden Engelhorn-Töchter wussten die deutschen Behörden nur über 44 Trusts Bescheid. In den Paradise Papers tauchten aber 38 weitere Trusts auf. Das Vermögenskonstrukt der Engelhorns war also noch viel kom­plexer und grösser als bisher angenommen. Und die fast un­mögliche Aufgabe, hinter dieses verschachtelte System zu schauen, hat nun die Oberländer Schlichtungsbehörde gefasst.

Die Tochter aus erster Ehe, die Engelhorns Nachlass anstreitet, klagt auch gegen mindestens drei dieser Trusts. Diese haben ihren Sitz allesamt in Hamilton, Bermuda. Auch sie müssten also zum Erbstreit Stellung nehmen. Aber: Die Schlichtungsbehörde konnte ihnen die Einladung zur Verhandlung nicht «rechtshilfeweise» zustellen.

Die pflichtbewussten Thuner Friedensrichter mussten also tun, was sie in so einer Situation tun müssen: einen Aufruf im «Amtsblatt des Kantons Bern» starten. In einer kurzen Mitteilung bitten sie die drei Trusts, doch bitte «persönlich bzw. rechtsgültig vertreten» am Dienstag um 14 Uhr im Gerichtssaal 5 in Thun zu erscheinen.

Ob und wie sie dies tun werden, wird schwierig herauszufinden sein. Die Verhandlung am Dienstag ist nicht öffentlich. Die Schlichtungsbehörde Oberland konnte zum Verfahren deshalb nicht Stellung nehmen.

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