Thun

Thun4Refugees setzt auf Beschäftigung als Prävention

ThunTee und Kuchen, Spiele und Sport, Laptops und Internetzugang: Die Gruppe Thun4Refugees bietet den Flüchtlingen im Bundesasylzentrum auf dem Thuner Waffenplatz zahlreiche Beschäftigungen.

Martin Lüthi von Thun4Refugees (stehend) im Kirchgemeindehaus: Freitagnachmittags wird den Flüchtlingen aus dem Bundesasylzentrum Tee und Kuchen wie auch die Möglichkeit für Spiele und Gespräche geboten.

Martin Lüthi von Thun4Refugees (stehend) im Kirchgemeindehaus: Freitagnachmittags wird den Flüchtlingen aus dem Bundesasylzentrum Tee und Kuchen wie auch die Möglichkeit für Spiele und Gespräche geboten. Bild: Patric Spahni

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«Sie waren lange auf der Flucht und erlebten Gewalt. Sie haben Angst, und ihre Zukunft ist un­gewiss. Sie sind weit weg von der Familie und leben nun in einem straff organisierten Zentrum inmitten von fremden Menschen anderer Kulturen. Und sie haben 24 Stunden nichts zu tun und warten auf einen Entscheid. Wer sich in einer solchen Lage be­findet, ist verunsichert und kann auch aggressiv werden», sagt Christine Clare von der Gruppe Thun4Refugees. Daher sei für diese Flüchtlinge jedes Angebot, das ihnen Beschäftigung und Gespräche ermögliche, willkommen und für alle Beteiligten eine wichtige Präventionsarbeit.

Bis jetzt hat Thun4Refugees ­einige Aktivitäten auf die Beine gestellt. «Wir bieten den Männern Treffen mit Tee und Kuchen, die Möglichkeit für Gespräche und für den Austausch, sportliche Aktivitäten und den Zugang zu ausgedienten Laptops mit Internet in der Stadtbibliothek.»

Sport und Kleider gefragt

Zudem würden bei den Treffen auch Kleider abgegeben und verteilt. «Ab und zu können wir zu Fussball- oder auch zu Basketballspielen einladen, die Dritte organisieren», ergänzt Martin Lüthi. Einer, der die Sportaktivitäten im Besonderen betreut, ist Lukas Külling. «Ich gebe die Daten und Spielorte jeweils kurzfristig bekannt, und die sportlichen Aktivitäten sind geschätzt.» Die Spiele fänden draussen statt, und der Bedarf an Turnhallen und Sportbällen sei gross. «Wer etwas weiss oder anbieten kann, soll sich doch am Freitagnachmittag jeweils im Kirchgemeindehaus melden.»

Kleidersammlungen werden von Thun4Refugees mit den Freikirchen koordiniert. In der Pfimi (Gemeinde der Schweizerischen Pfingstmission) an der Frutigenstrasse 45 können montags, mittwochs und freitags von 16 bis 18 Uhr warme Männerkleider und -schuhe abgegeben werden.

Einzigartig in der Schweiz

Die Bilanz seit der Eröffnung des Bundesasylzentrums bezeichnet die Gruppe als positiv. «Uns wurde von den Verantwortlichen gesagt, dass unsere Gruppe und die Aktivitäten einzigartig in der Schweiz sind, es gebe nichts Vergleichbares», ergänzt Clare. Die 50-Jährige vertritt Thun4Refugees auch in der offiziellen Begleitgruppe, welche durch das SEM koordiniert wird und sich erstmals mit allen Beteiligten getroffen hat. «Am wichtigsten war auch hier das Thema: Beschäftigung als wichtige Prävention», sagt die in Horrenbach wohnhafte gebürtige Thunerin.

Neu lädt Thun4Refugees jeden Freitag von 13.30 bis 16 Uhr in das Kirchgemeindehaus an der Fru­tigenstrasse. «Hier treffen sich die Flüchtlinge, nehmen Kleider, Duschmittel oder sonstige Gebrauchsgegenstände entgegen, kommunizieren per Facebook oder Mail mit ihrer Familie und Freunden», sagt Martin Lüthi. ­Einige würden Schach spielen, andere den Betreuenden ihre Geschichte erzählen und wiederum andere ein paar Brocken Deutsch lernen wollen. «Die Stimmung ist in der Regel gut, da die Asylsuchenden dankbar und froh für die Abwechslung und die Unterstützung sind», sagt Christine Clare.

Laptops und Internetzugang

Derzeit hat Thun4Refugees bereits zahlreiche ausgediente Laptops erhalten. «Im Bundesasylzentrum müssen die Asylsuchenden ihre Handys abgeben und ­haben keinen Internetzugang», begründet Lüthi. Einige der Stationen werden den Flüchtlingen im Untergeschoss der Stadtbi­bliothek täglich frei zugänglich gemacht (vgl. Text «Stadtbibliothek»), andere werden jeweils an den Treffen temporär installiert.

«Wer noch welche abgeben möchte», wirbt Alice Kropf, welche dieses Angebot massgeblich initiiert und organisiert hat, «kann diese gerne jeweils am Freitagnachmittag ins Kirchgemeindehaus bringen.»

Tee im Kirchgemeindehaus

Dass Thun4Refugees den Flüchtlingen in der kalten Jahreszeit jeweils am Freitag einem warmen Ort ausserhalb des Bundesasylzentrums bieten kann, dafür hat sich der einstige Pfarrer Heinz Leuenberger, Alt-SP-Gemeinderat, eingesetzt. «Ich bin beeindruckt von Christine Clare und Martin Lüthi und all den anderen, wie schnell sie Thun4Refugees ins Leben gerufen haben.» Die Organisation der Aktivitäten per Facebook-Seite sei unkompliziert und die Hilfe niederschwellig. Das sei ein Anfang zur Integration und eine Willkommenskultur im positiven Sinne.

«Die Leute aus der Gruppe bringen Tee und Kuchen selber mit, die Kirchgemeinde der Stadt Thun stellt einzig die Infrastruktur und den Internetempfang zur Verfügung», sagt Leuenberger.

Vertrauen geben und ernten

Bei Thun4Refugees ist auch Roman Bloch. «Als ich vernommen habe, dass ein Bundesasylzen­trum in Thun eingerichtet wird, stellte ich mir die Angst der Leute vor, wenn Flüchtlinge in der Innenstadt und sonst wo auf den Strassen herumlungern, und dachte sofort an eine Anlaufstelle und an Beschäftigungsmöglichkeiten», begründet er seine freiwillige Mithilfe bei der Gruppe. «Flüchtlingswellen und Asylsuchende sind momentan Realität, ob wir nun etwas tun, uns dagegen wehren und ob wir den Menschen helfen oder nicht.»

Bloch gefällt vor allem, dass Thun4Refugees nicht politisch geprägt ist, sondern durch die gemeinsame Solidarität. Bis jetzt habe er mit den Flüchtlingen keine negative Erfahrung gemacht. Manchmal stelle er ihnen sogar sein Handy zum Telefonieren zur Verfügung. «Meine Überzeugung ist», sagt er, «wer Vertrauen gibt, erntet Vertrauen.»

Positives auf den Weg geben

Die Gleichgesinnten bei Thun4­Refugees haben noch viel vor: «Auch wenn die Flüchtlinge im Bundesasylzentrum nur für ein paar wenige Wochen in Thun sind, wir wollen unseren Beitrag zu einem möglichst positiven Verlauf für alle leisten», sagt Christine Clare. Für Martin Lüthi ist es ein dankbares Engagement. «Wir spüren die Freude der Flüchtlinge über den Kontakt zur Bevölkerung und über die Unterstützung.» Ähnlich empfindet es auch Roman Bloch: «Sie nehmen von ihrem kurzen Aufenthalt in Thun eine positive Erfahrung mit auf ihren weiteren Weg – und das wirkt sich bestimmt auf die eine oder andere Weise positiv aus.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.01.2016, 08:43 Uhr

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«Wir hatten etwa ein Dutzend Einsätze»

Einsätze wegen der Flüchtlinge: Die Polizei rückte seit der Eröffnung rund ein Dutzend Mal ins Bundesasylzentrum aus – wegen kleinen Pro­blemen und Streitigkeiten.

«Wir haben bis jetzt rund ein Dutzend Polizeieinsätze gehabt», lautet laut Mediensprecher Christoph Gnägi die Bilanz der Kantonspolizei Bern einen Monat nach der Eröffnung des Bundesasylzentrums auf dem Waffenplatz in Thun. Dabei habe es sich vor allem um Streitereien – wie etwa diejenige beim Frühstück – oder um kleinere Probleme im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln und unanständigem Benehmen gehandelt.

«Die Polizei steht in engem Kontakt mit den Verantwortlichen des Zentrums und ist auch ohne direkten Bezug zu einem Ereignis vor Ort präsent, tauscht sich aus und führt regelmässig Personenkontrollen durch», erklärt er. Im öffentlichen Raum in der Stadt sei es zudem in der letzten und der vorletzten Woche zu drei Meldungen von Frauen gekommen, die sich von Flüchtlingen belästigt gefühlt hätten. «Die Polizei ist den Meldungen nachgegangen, doch es sind keine Anzeigen eingereicht worden», sagt Gnägi.

Erneut Vorfall mit Verletzten

Wie der Redaktion als Information zugespielt wurde, sind am letzten Montag innerhalb des Zentrums in der Zeit von circa 21 bis 22 Uhr verfeindete Gruppen aneinandergeraten. Die Rede war von mindestens fünfzig Personen und von Mobiliar, das herumgeschleudert worden sei, von Leichtverletzten und dass wohl keine Messer vom Besteck zum Einsatz gekommen seien. «Ich kann den Einsatz bestätigen», ergänzte der Mediensprecher. Es seien mehrere Patrouillen ausgerückt, und es hätten leichte Verletzungen behandelt werden müssen. «Doch die Lage hat sich bald beruhigt, und es kam zu keinen strafrechtlichen Massnahmen.»sft

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