Sollen Taxis im Gegenverkehr durch die Freienhofgasse fahren dürfen?

Thun

Das 2018 eingeführte Einbahnregime auf dem Abschnitt Freienhof-/Obere Hauptgasse polarisiert nach wie vor. Ab Juli gilt eine neue Ausnahme – für Taxis. Dies ist heute Thema eines Postulats im Stadtrat.

Das weisse Auto fährt in die verkehrte Richtung und somit illegal durch den Einbahnabschnitt in der Freienhofgasse in Thun. Gemäss dem jüngsten Entscheid der Stadt soll es Taxis ab Juli erlaubt sein, auf dieser Achse im Gegenverkehr unterwegs zu sein. Foto: Marc Imboden

Das weisse Auto fährt in die verkehrte Richtung und somit illegal durch den Einbahnabschnitt in der Freienhofgasse in Thun. Gemäss dem jüngsten Entscheid der Stadt soll es Taxis ab Juli erlaubt sein, auf dieser Achse im Gegenverkehr unterwegs zu sein. Foto: Marc Imboden

(Bild: Getty Images)

Ja

Ist das Einbahnregime in der Thuner Innenstadt sinnvoll? Eine abschliessende Antwort auf diese Frage wird es erst geben, wenn endlich einmal der Normalbetrieb läuft – sprich: ohne diverse Grossbaustellen in der Innenstadt. Ist es eine gute Idee, dass der Gemeinderat ankündigt, ab Juli trotz Einbahnregime nebst Velos und Bussen auch Taxis vom Lauitor durch die Freienhofgasse Richtung Bahnhof fahren zu lassen? Ja, ist es.

Denn: Taxis befördern wie der ÖV Fahrgäste; oftmals gerade solche, die schlecht zu Fuss und beispielsweise auf dem Weg zu einer Arztpraxis sind. Hinzu kommen etwa Touristen, die oft viel Gepäck mit sich führen, und andere Ortsunkundige. Die Preise von Taxifahrten werden nach Fahrzeit und Distanz berechnet. Entsprechend kostspielig wird der Umweg vom rechten Seeufer via Burgstrasse zum Bahnhof – deutlich kostspieliger als für «normale» Autonutzer. Das Argument «Wenn Taxis dürfen, dann will ich als normaler Autofahrer auch» sticht nicht: Im Moment stellt sich die Frage schlicht nicht, ob der Einbahnverkehr für alle aufgehoben werden soll. Zudem werden in Thun Taxis und Busse auch anderweitig gleich behandelt: So dürfen Taxifahrer etwa Busspuren nutzen. Im anderen Teil des Einbahnregimes auf der Allmendbrücke dürfen Taxis bereits heute in beide Richtungen verkehren. Hinzu kommt, dass die Taxiausnahme den Verkehr nicht massiv belasten wird. Gemäss den Stadtratsunterlagen zeigt die langjährige Erfahrung der Taxihalter, dass pro Stunde fünf bis zehn Taxis die Strecke nutzen.

Das Vorgehen der Stadt ist richtig: Die neue Regelung ist nicht in Stein gemeisselt. Der Gemeinderat verspricht, dass er über die Bücher geht, wenn es Schwierigkeiten gibt. Das ist absolut zwingend. Und in dem Sinne haben es die Taxifahrerinnen und Taxifahrer weitgehend selbst in der Hand: Verhalten sie sich diszipliniert, ergeben sich auch keine massiven Sicherheitsprobleme. Fahren sie ohne die nötige Rück- und Vorsicht, müssen sie sich nicht wundern, wenn das Privileg umgehend – und in diesem Fall völlig zu Recht – wieder abgeschafft wird.

Nein

Dass Taxifahrer und ihre Kunden ab Mitte Juli wieder in beide Richtungen durch die Freienhofgasse verkehren dürfen, wäre an sich eine erfreuliche Neuigkeit. Ein Taxiunternehmer hatte in dieser Zeitung bereits vor einem Jahr vorgerechnet, dass wegen des Umwegs durch die ganze Innenstadt für eine kurze Fahrt – im konkreten Fall von Hünibach bis an den Bahnhof Thun – rund 50 Prozent mehr hingeblättert werden muss.

Kunden und Taxifahrer als Gewinner, unwesentlich mehr Verkehr auf der Freienhofgasse – alles in Butter also? Nein, und dies aus zwei Gründen: Zum einen ist da die Sicherheit. Fährt ein Bus der STI vom Lauitor Richtung Bahnhof, wird der Verkehr Richtung rechtes Seeufer mittels Ampelanlage angehalten. Das war zwar schon früher so, denn die besonders langen Busse der STI-Flotte benötigen die ganze Fahrbahnbreite, um die 90-Grad-Kurve an der Ecke Freienhof-/Obere Hauptgasse zu kriegen; im Gegensatz zu damals suggeriert ein ausbleibendes Rotlicht heute jedoch freie Fahrt.

Brenzlige Situationen mit entgegenkommenden Taxis, für die keine Ampel eingeschaltet wird, sind künftig vorprogrammiert – gerade in der erwähnten unübersichtlichen Ecke.

Zum anderen gilt es die Rechtsgleichheit zu achten. Der eigentliche Sinn einer Einbahn muss niemandem erklärt werden. Dass die Stadt Velos und Bussen die Durchfahrt in «falscher» Richtung gewährt, geht mit Blick auf die angestrebte Förderung des Langsam- und des öffentlichen Verkehrs noch in Ordnung. Die Ausnahme gilt indes auch für Kommunalfahrzeuge der Stadt – und künftig also für Taxis. Fast scheint es, als brauche es lediglich beharrliches Lobbying oder die Nähe zur städtischen Verwaltung, um in den Genuss dieses Vorteils zu gelangen.

Dass die Ungleichbehandlung insbesondere den Anwohnern des rechten Seeufers sauer aufstösst, ist mehr als verständlich. Fair wäre, den Abschnitt entweder wieder für alle zu öffnen – oder die Ausnahmen nicht mit der Giesskanne zu verteilen.

Thuner Tagblatt

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