Thun

Sie beseitigen unseren Dreck

ThunSie rechen in Thun Laub zusammen, sammeln weggeworfenen Unrat ein, befreien das Seeufer von Schwemmholz und können sich damit ihr Sackgeld aufbessern: Asylbewerber, die sich besonders gut betragen.

Mit Besen und Kübeln:?Die acht Asylbewerber, die auf dem Schlossberg im Einsatz waren (unten rechts ihr Betreuer Cyrill Jenni).

Mit Besen und Kübeln:?Die acht Asylbewerber, die auf dem Schlossberg im Einsatz waren (unten rechts ihr Betreuer Cyrill Jenni). Bild: Marc Imboden

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Namatullah (20) ist Afghane. In seiner Heimatprovinz Ghazni hätten die Taliban das Sagen, berichtet er. «Wer in der afghanischen Armee gedient hat, wird von ihnen umgebracht.» Auch andere Bevölkerungskreise leiden unter dem Diktat der islamistischen Terrormiliz. «Ich und viele Gleichaltrige konnten nicht einmal unseren Abschluss machen, weil die Taliban die Schulen geschlossen haben.»

Namatullah verliess das Land am Hindukusch, floh über Pakistan, den Iran und die Türkei nach Europa. Seit zwei Monaten ist er in der Schweiz, zurzeit lebt er im Bundesasylzentrum (BAZ) in Thun, zusammen mit 136 weiteren Asylbewerbern. Er möchte in der Schweiz bleiben, seine Schulbildung nachholen und Mechaniker werden. Ein weiterer Zukunftswunsch von Natullah: Er möchte mithelfen, Afghanistan von den Taliban zu befreien. «Denn sie machen unser Land kaputt.»

«Stolz, etwas geleistet zu haben»

An diesem Montagmorgen in Thun steht aber weder theoretischer, noch praktischer Unterricht auf dem Programm. Nama­tullah und sieben weitere junge Männer, die meisten ebenfalls ­Afghanen, dürften am GEP teilnehmen. «Im Rahmen des ­gemeinnützigen Einsatzprogramms (GEP) haben die Asylbewerber Gelegenheit, sich ein kleines Sackgeld zu verdienen», sagt BAZ-Leiter Damian Buchs vom Staatssekretariat für Migration. «Die Nachfrage ist gross. Aber wir setzen nur jene Flüchtlinge ein, die sich im Zentrum gut betragen und dort auch freiwillig mithelfen.»

Eine Arbeit zu übernehmen und dabei etwas zu verdienen zu können, tue ihnen gut. «Wenn sie von ihren Einsätzen zurückkehren, strahlen sie meistens und sind stolz, etwas geleistet zu haben.» Die Einsätze dauern sechs Stunden, wofür die Asylbewerber dreissig Franken erhalten. Das ist mehr als nur ein Zustupf, da das tägliche Taschengeld, das alle Asylbewerber erhalten, gerade mal drei Franken beträgt.

Die GEP-Männer übernehmen die unterschiedlichsten Arbeiten. Namatullah beispielsweise wurde beim ersten Mal im «Jungle» eingesetzt, wie er berichtet. Am Jakobshübeli musste er mit seinen Kameraden den Zugang von heruntergefallenen Ästen reinigen. Die Beseitigung von achtlos weggeschmissenen Getränkedosen und anderem Unrat entlang der Hauptverkehrsachsen oder das Einsammeln von Schwemmholz am Seeufer sind weitere Betätigungsfelder für die Asylsuchenden.

Namatullah hatte die Arbeit so gut gefallen, dass er sich für einen weiteren Einsatz meldete. An diesem Montagmorgen also besteigt er mit seinen Kollegen beim BAZ einen VW-Bus. Am Steuer sitzt ihr Betreuer Cyrill Jenni von der Firma ORS, die das BAZ in Thun betreut. «Wir sind enorm froh, dass die Stadt Thun uns meldet, wo die Asylbewerber eingesetzt werden können. Die Zusammenarbeit, auch mit dem Tiefbauamt, klappt bestens.»

Nach wenigen Minuten ist das Team am Ziel angelangt: Heute ist es der Schlossberg, der gesäubert wird. «Wir beseitigen nicht nur Litteringspuren, sondern kehren auch Laub zusammen, damit beim nächsten Regen die Abflüsse der offenen Kanäle nicht verstopft werden», umreisst Jenni den Einsatz. Die jungen Männer fassen Besen, Rechen und Eimer, und bevor Jenni irgendetwas sagt, haben die ersten schon mit der Arbeit begonnen. «Eigentlich habe ich den Ablauf anders geplant», sagt der Flüchtlingsbetreuer. «Aber ich will ihre hohe Motivation nicht dämpfen, sondern ändere lieber meine Pläne.»

Bisher keine negativen Reaktionen

Die acht Männer erledigen ihre Arbeit ruhig und gewissenhaft. Doch allzu viel zu tun haben sie nicht. Die Wochenendnachtschwärmer haben zwar ihre Spuren hinterlassen: hauptsächlich Zigarettenkippen, aber auch zerbrochene Flaschen und gebrauchte Papiertaschentücher liegen herum. Aber die Temperaturen waren noch nicht so lauschig, als dass man sich die Nacht auf einem Parkbänkli mit Bier und Joints um die Ohren schlagen konnte.

Bei den Einsätzen kommen die Asylbewerber immer wieder in Kontakt mit Einheimischen. «Anwohner sagten zum Beispiel, auf dem Schlossberg sei es noch nie so sauber gewesen», berichtet Cyrill Jenni. «Einmal erhielten wir von einem dankbaren Bürger sogar Schoggistängeli. Dieses Zeichen der Anerkennung tat den Asylbewerbern richtig gut.» Negative Reaktionen habe er bisher noch nie erlebt.

Manchmal schiessen die jungen Männer mit ihrer Motivation auch ein wenig übers Ziel hinaus. «Sie können nicht immer zwischen öffentlichem und privatem Grund unterscheiden. Einmal haben sie zum Beispiel in einem Privatgarten Laub zusammengerecht», erzählt Cyrill Jenni. «Der Besitzer war über die unerwartete Hilfe sehr erfreut!» (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 16.03.2016, 20:53 Uhr

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