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Roths heiliger Trinker zum Niederknien

Mit einer ergreifenden Inszenierung fesselte «Die ­Legende vom heiligen Trinker» von Joseph Roth rund 400 Gäste im KKThun.

Lisa Wildmann, Wolfgang Seidenberg und Ernst Konarek (v.l.) spielen teils abwechselnd, teils gemeinsam den Trinker Andreas.
Lisa Wildmann, Wolfgang Seidenberg und Ernst Konarek (v.l.) spielen teils abwechselnd, teils gemeinsam den Trinker Andreas.
PD/Melanie Fürst

Einst erschlug Andreas den Gatten seiner Geliebten in Notwehr, was ihn für zwei Jahre hinter ­Gitter brachte. Seit seiner Entlassung ernährt er sich hochprozentig und schläft unter den Brücken von Paris. Eines Tages gibt ihm ein feiner Herr 200 Francs mit dem Auftrag, das Geld an die kleine heilige Therese in die Kirche Sainte-Marie de Batignolles zurückzuzahlen.

Der Clochard strengt nun Versuche an, sein Leben in den Griff zu bekommen, doch Pernod und Puff stören neue Lebensentwürfe. Das finanzielle Wunder, das ihm geschehen ist, wiederholt sich viele Male, doch nie gelingt es Andreas, seine Schulden bei der kleinen Therese zu begleichen – «wie das bei Trinkern eben so ist».

Raffiniertes Wechselspiel

Die Tür nach unten steht jedem offen: Da wohl niemand dagegen gefeit ist, ins Elend abzurutschen, schlüpfen in Silvia Armbrusters Inszenierung zum Niederknien Lisa Wildmann, Ernst Konarek und Wolfgang Seidenberg abwechselnd oder gemeinsam in die Rolle des labilen, herzensguten Mannes. Durch dieses raffinierte Wechselspiel hat das Publikum nicht die Chance, eine Bühnenperson als den gescheiterten Trinker auszumachen.

Für Notschlafstelle gespendet

Alle drei Schauspieler durchleben besoffene Fantasien, klare Momente und Sehnsucht nach Nähe. Ihr leidenschaftliches Spiel bei minimaler Ausstattung von Stefan Morgenstern fesselt mit einer Intensität, die einem auf den Schoss zu kriechen scheint. Ein weisses Tuch über einen torartigen Rahmen geworfen reicht, um als Paravent, Bordell, Bett, Boudoir, Filmleinwand oder für Schattenspiele zu fungieren.

Das Trio verkörpert verschiedenste Personen, die Andreas begegnen, und schafft damit die Illusion, es mit einem zehnköpfigen Ensemble zu tun zu haben. Das nachdenkliche Stück in einer Produktion der Kasseler Musiktage in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Kassel, dem Theaterhaus Stuttgart, der israelischen Religionsgemeinschaft Württembergs und dem Theater Wahlverwandte Berlin ist gespickt mit melancholischer Livemusik und Prosasequenzen.

Komödiantische Momente versüssen die tragische Novelle von Joseph Roth. Etwa, wenn Seidenberg im Tupfenkleid als Verkäuferin daherstöckelt, Konarek als amerikanische Lady mit Schnurrbart und Pelzmantel auftritt oder Wildmann als stibitzende Bettgenossin brilliert. Andreas versackt in einer Kneipe – und stirbt.

«Gott, gebe uns allen, uns Trinkern einen so schönen, so leisen Tod», heisst das Schlussgebet eines aussergewöhnlichen Theaterabend bei der Kunstgesellschaft Thun. Wolfgang Seidenberg wendete sich nach langem Applaus ans Publikum: «Wir haben vor der Vorstellung hier 245.30 Franken gesammelt. Die Spende geht an die Notschlafstelle Thun.»

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