Psychiatrie wird zum Polit-Thema

Thun

Die geplante Übernahme der Psychiatrischen Dienste Thun durch das Psychiatriezentrum Münsingen ruft die Politik auf den Plan.

Psychiatrische Dienste wohin? Ein Wegweiser beim Spital Thun. Foto: Michael Gurtner

Psychiatrische Dienste wohin? Ein Wegweiser beim Spital Thun. Foto: Michael Gurtner

Ein überregionales Psychiatrienetzwerk von Thun bis Biel: Das planen die Verwaltungsräte des Psychiatriezentrums Münsingen (PZM), der Spital STS (Simmental-Thun-Saanenland) AG und der Spitalzentrum Biel AG, wie im Januar publik wurde. Ziel sei es, die Patientenpfade zu optimieren und der ökonomisch angespannten Lage zu begegnen. Das Psychiatriezentrum Münsingen soll dafür sämtliche psychiatrischen Angebote der Spital STS AG übernehmen.

Die Spitalgruppe bietet heute ambulante Beratungen und Behandlungen in Thun, Steffisburg, Zweisimmen und Münsingen an. Die Beteiligten betonen, dass sich am Angebot durch die Übernahme nichts Grundlegendes ändern werde. Zudem ist die Zusammenarbeit noch nicht definitiv beschlossen: Zuerst wird ein Projekt ausgearbeitet und den Verwaltungsräten vorgelegt.

Trotzdem sorgen die Pläne in Thun für einige Aufregung. Angestellte in Thun und Zweisimmen bangen um ihre Stellen; Walter Gekle, stellvertretender Chefarzt Psychiatrie im Spital Thun, verfasste in seiner Funktion als Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie, Sektion Deutschschweiz, eine Protestnote zum geplanten Vorgehen.

Nun erreichen die Psychiatriepläne auch das politische Parkett in Thun. Die Fraktion der Grünen reichte im Stadtrat eine Interpellation ein. Angesichts der möglichen Umsetzung des Projekts bereits in einem Jahr schreiben die Grünen von einem «horrend hohen» Tempo – und sie stellen dem Gemeinderat im Vorstoss, der an der heutigen Parlamentssitzung traktandiert ist, diverse Fragen. Die Regierung hält in ihrer Antwort fest, dass sie in diesem Geschäft keine direkte Zuständigkeit habe. «Angesichts der Bedeutung der psychiatrischen Versorgung» für die Region nehme sie trotzdem Stellung.

Regierung ist zuversichtlich

Dem Gemeinderat sei es ein zentrales Anliegen, dass die Grundversorgung in der Region und die breite Vernetzung nach der Übernahme bestehen bleiben. Diverse Gespräche, die Peter Siegenthaler (SP) als Vorsteher der Direktion Sicherheit und Soziales geführt habe, hätten deutlich gemacht: Die Psychiatrischen Dienste Thun seien heute gut integriert in der Versorgungsregion Thun. Die Zusammenarbeit funktioniere. Mit der Übernahme wollten die beiden Institutionen «offenbar einen Weg einschlagen in Richtung einer angesagten und neuzeitlichen Psychiatrie». Siegenthaler sei versichert worden, dass die Überführung «ein Projekt ist und dass nicht um jeden Preis integriert wird».

«Für den Gemeinderat ist es wichtig, dass das Angebot so bleibt oder weiter ausgebaut wird.»Aus der Gemeinderatsantwort auf die Interpellation der Grünen

Der Gemeinderat weist darauf hin, dass nach Angaben der beteiligten Unternehmen die bestehenden Angebote vor Ort mit dem heutigen Personal weitergeführt würden. Die Informationen stimmen die Stadtregierung zuversichtlich, dass die bewährte ambulante Psychiatrie der Thuner Bevölkerung weiter zur Verfügung stehen wird. Dies sei wichtig, betonte der Gemeinderat in einem Schreiben an die Verantwortlichen der Spital STS AG und der PZM AG. Darin wurde auch eine konkrete Erwartung formuliert: Partner der Psychiatrischen Dienste Thun, die auf deren Leistungen angewiesen sind, sollen in den Umsetzungsprozess miteinbezogen werden – und so auch die Optik der Betroffenen und Angehörigen einbringen können.

Früherer Chefarzt kritisiert

Ein Gespräch geführt hat die Stadt auch mit Werner Saameli, der von 1982 bis 2002 Chefarzt der Psychiatrischen Dienste Thun war. Saameli gab eine Stellungnahme ab, die dieser Zeitung vorliegt. Er weist darauf hin, dass sich der Kanton Bern vor rund 40 Jahren «in schweizweit pionierhafter Weise anschickte, die psychiatrische Versorgung zu dezentralisieren und bevölkerungsnah in die allgemeine medizinische Vesorgung zu integrieren».

Saameli schreibt deshalb angesichts des Übernahmeprojekts von einem «Rückfall» und sieht keine nachvollziehbaren und zwingenden Gründe, an der bisherigen Organisation etwas zu ändern. Zudem weist er darauf hin, dass der Versuch, die psychiatrischen Dienste in Biel organisatorisch in die Klinik im Berner Jura zu integrieren, nicht gelungen sei. Burgdorf, Interlaken und Langenthal würden ihre autonomen psychiatrischen Dienste an den Akutspitälern beibehalten.

Gegenüber den konkurrierenden Spitälern wie Interlaken würde laut Saameli mit der Übernahme eine strategische Erfolgsposition aufgegeben. Der ehemalige Chefarzt sieht das Allgemeinspital zudem bei der Rekrutierung von Fachkräften gegenüber dem PZM im Vorteil – er sei deshalb bezüglich der Aufrechterhaltung der Qualität nach einer Umsetzung des Projekts «weniger zuversichtlich als der Gemeinderat».

Thuner Tagblatt

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