Thun

Ohrenbetörender Dino

ThunFinale der Kleinkunstsaison im KKThun: Stiller Has mit Frontmann Endo Anaconda packt mit Songtexten und Intensität auch nach einem Vierteljahrhundert Bühnendasein.

Schritt Grenzen ab: Endo Anaconda von Stiller Has in Thun.

Schritt Grenzen ab: Endo Anaconda von Stiller Has in Thun. Bild: Patric Spahni

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«Das grösste Übel der heutigen Jugend besteht darin, dass man nicht mehr dazugehört», zitierte Endo Anaconda den Maler Salvator Dalí schon auf seiner letzten CD «Böses Alter».

Mit seinem neuen Programm «Endosaurusrex» ist der 62-Jährige offensichtlich nun unter die Dinos gegangen und beschreibt im gleichnamigen Song seinen Untergang: «’s git kes Rezäpt zum Usstärbe, muesch alles sälber mache. Scho im Toufchleid hani grännet, wöu i im Lychehemd muess gah.»

Zusammen mit seiner neuen Formation wirkt der Sänger aber nicht wie ein Fossil: «Dr Samichlaus isch pädophil, u ds Oschterhasli isch e Pitbull, u dr Pinocchio kokset sich langsam z Tod», lässt er seine Fangemeinde im Lied «Märli» gleich zu Anfang wissen. An die glaube er immer noch – trotz aller Hässlichkeiten dieser Welt.

Schlammfarben schick

Schick hat sich Endo für Thun ­gemacht mit schlammfarbener Weste, passendem Jackett und Einstecktuch. Doch muss er erst warmlaufen, bevor seine Stimmbänder richtig in Schwingung geraten. Er mault zwischen zwei Liedern über die Fototapeten auf den Feldern, die alle von der gleichen Partei sind, und stellt fest: «Wir leben hier auf dem Land . . .»

Der Wechsel zwischen hauchzarten Liebesliedern und schonungslosen Abrechnungen lässt die Konzertgäste in Emotionen baden. Wer sich da oben auf der Bühne die Seele freidröhnt, zieht nicht einfach eine Show durch. Es scheint, als ob Anaconda bar jeder Maske Grenzen abschreitet – stimmlich wie kräftemässig.

Balkaneske Rasanz

Fast hymnenverdächtig schleicht sich beim Liebeslied «Flieder» die Zeile «unheilbar – für immer – nie meh, und immer wieder» ins Ohrwurmgehirnareal. Doch Zeit, sich in seufzende Stimmung zu versenken, bleibt kaum.

Balkaneske Rasanz erfasst die Bühne bei den Nummern «Witwe» und «Julischka». Endo wechselt mit Badebidebu-Passagen in eine Art Scat-Gesang und erinnert stark an den Bären Balou aus dem Disney-«Dschungelbuch».

Musikalisch ist der röhrende Bär bestens auf gehoben in seiner neuen Formation: virtuos der Keyboarder Roman Wyss, Fels in der Brandung Bassist Andreas Wyss, ein Sternekoch in der Schlagzeugküche Andi Pupato. Den Vogel schiesst musikalisch Boris Klecic an der E-Gitarre ab: mit rollenden Läufen, die unter die Haut schlüpfen, um dort weiterzuvibrieren.

Zwei Stunden Stiller Has mit gefühlt mindestens 120 Dezibel haben den ohrenbetörenden Frontmann und sein Publikum erschöpft, das aber noch alle Kraft findet für frenetischen Applaus. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.03.2018, 09:59 Uhr

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