Oberländer Bäche wurden teils evakuiert

Im Berner Oberland beobachten die Fischereiaufseher gut, ob die Bäche noch genug Wasser für die Fische führen. Erste Abschnitte wurden evakuiert.

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Als «kritisch, aber nicht dramatisch» bezeichnet das kantonale Fischereiinspektorat nach ungewöhnlich heissen und trockenen Wochen die Situation für die Fische in den Berner Oberländer Gewässern. Wo die Bäche von Gletscherwasser gespeist werden, sind die hohen Temperaturen kein Problem: Je heisser das Wetter, desto mehr Schmelzwasser fliesst.

Doch auch im Berner Oberland gibt es Gräben und Bäche, deren Quellen vom Regen abhängig sind. Bevor sich die Lage mit den Niederschlägen am Wochenende punktuell leicht entspannte, mussten die Fischereiaufseher bereits einige Abschnitte im Grönbach bei Sigriswil abfischen. Beim Grossbach-Sammler in Meiringen wurden 20 Fische gerettet. Im abgetrockneten Chienbach in Gündlischwand konnte der Fischereiaufseher, der sofort nach der Meldung ausgerückt war, nichts mehr tun. Und im Meilsgrundbach (Saanen) rettete der örtliche Fischereiverein 85 Bachforellen.

«Wenn wir unterwegs sind, beobachten wir die Situation genau», sagt Martin Flück, Fischereiaufseher im Oberland Ost. Das gilt auch für den relativ grossen Lombach. «Der Oberlauf ist zwar kein Problem, aber auf dem letzten Kilometer vor der Mündung in den Thunersee kann das Wasser schon mal ausgehen.»

Und weil die Oberländer Fischereiaufseher nie alle Gräben in ihrem weitläufigen Gebiet im Auge behalten können, sind sie auch froh, wenn Passanten ihre Beobachtungen über Wassermangel der Kantonspolizei oder der Fischereiaufsicht melden. «Das gilt dann, wenn in einem Bach nur noch Tümpel übrig sind oder fast kein Wasser mehr fliesst. Und auch, wenn man schon tote Fische sieht», sagt Martin Flück.

Die Fischereiaufseher evakuieren die gefährdeten Fische so sorgfältig wie möglich mit dem Elektrofanggerät und einem feinen Netz mit einer Maschenweite von zwei Millimetern. Trotzdem können nie alle Fische gerettet werden. «Besonders die ganz kleinen und jungen Fische sind oft zu gut zwischen den Steinen versteckt», erklärt Martin Flück.

Wärme, Krankheit, Parasiten

Schon bevor das Wasser ganz verschwindet, machen den Bachforellen die Wärme und der Sauerstoffmangel zu schaffen. Denn gleich wie alle Salmoniden – dazu gehören zum Beispiel auch die Äschen in der Aare oder die Felchen in Thuner- und Brienzersee – sind sie an kaltes, nährstoffarmes und sauerstoffreiches Wasser angepasst.

Auch all die verschiedenen Bakterien, die normalerweise in geringen Mengen in jedem Fischbestand vorhanden sind, können sich bei hohen Temperaturen, welche die Fische sowieso schon stressen, rasant vermehren und die Fische zusätzlich schwächen. «Ein akutes Problem sind die meisten Fischkrankheiten bei uns allerdings ausserhalb von Fischzuchten, wo die Tiere eng beieinander leben, nicht», sagt der auf Fische spezialisierte Tierarzt Matthias Escher.

Sorgen macht ihm aber die Proliferative Nierenkrankheit (PKD). Der für diese tödliche Krankheit verantwortliche Parasit braucht für sein Überleben und seine Vermehrung abwechselnd junge Bachforellen und Moostierchen. Und da sich Moostierchen bei hohen Wassertemperaturen stark vermehren, steigt mit der Wärme auch die Infektionsrate. So rechnet Escher damit, dass diesen Sommer in Bachforellenbeständen im Mittelland bis zu 100 Prozent der Sömmerlinge ausfallen.

Langfristige Veränderungen

«Die Bäche, die aus dem Berner Oberland fliessen, sind heute noch PKD-frei», sagt Escher. «Aber in der Aare bei Thun und im Unterlauf der Zulg kommt die Krankheit schon vor.» Und jede längere Wärmeperiode gibt dem Parasiten Gelegenheit, neue Lebensräume zu erobern. «Bisher liegt die Obergrenze für PKD bei 800 Metern über Meer», sagt Jukka Jokela, Gewässerökologe am Wasserforschungsbereich der ETH (Eawag). Doch weil die Krankheit temperaturabhängig ist, wird vermutet, dass sie mit dem Klimawandel höher steigen könnte – eine Frage, die Jokelas Abteilung in einem laufenden Forschungsprojekt untersucht.

Der Gewässerökologe weist auf einen Teufelskreis hin, der auf unterschiedlichen Wegen von der Wärme angetrieben wird: Hohe Temperaturen stressen Forellen und verwandte Kaltwasserfische und begünstigen zugleich Krankheiten und Parasiten, welche die Fische weiter schwächen. Und in der Wärme können sich auch invasive Arten schneller ausbreiten – etwa die Zebramuschel, die vor kurzem auch im Thunersee angekommen ist und als Futterkonkurrentin wichtiger Felchenarten das ganze Ökosystem verändern könnte (siehe Kasten Zebramuschel).

Sorgen der Schwimmer

Ökologisch unproblematisch sind Entenflöhe. Sie gehören zu einer Parasitenfamilie mit mehreren Arten, die im Laufe ihres Lebenszyklus zwischen Wasserschnecken und den Eingeweiden von Wasservögeln wie Enten oder Möwen pendeln. Auch diese Parasiten vermehren sich bei Wärme gut, aber sie können sich deswegen nicht unbedingt sehr weit ausbreiten.

Denn Wasserschnecken, die stark von solchen Würmern befallen werden, sterben bei zusätzlichem Hitzestress oft daran. «Dadurch wird der Schneckenbestand kleiner, aber gesünder, und kann auch weniger Vögel anstecken», sagt Jukka Jokela. Er bezweifelt aber, dass solche Schwankungen einen grossen Einfluss auf die Wasservogelbestände haben, weil Wasserschnecken ohnehin keine zentrale Rolle für die Vogelernährung spielen.

Ein Problem haben die Menschen, die beim Baden in relativ warmem Wasser von Entenflöhen befallen werden – bekannt sind Buchten um Thun und Spiez, wo häufig Material angetrieben wird. Denn die Parasiten versuchen, sich wie bei den Enten in die Eingeweide durchzubohren; sie bleiben aber in der menschlichen Haut stecken, sterben und verursachen dabei entzündete, extrem juckende Pusteln.

Als wirkungsvolle Prävention empfiehlt der Gewässerökologe, nicht zu lange im Wasser zu bleiben und sich nach dem Schwimmen mit dem Badetuch trockenzurubbeln. «Damit sollte man die meisten Parasitenlarven erwischen, bevor sie sich in die Haut graben.»

Berner Zeitung

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