Ob der Bergführer Christian Almer eine Vorahnung hatte

Grindelwald

Am Dienstag jährt sich die Erstbesteigung des Matterhorns zum hundertfünfzigsten Mal. Wenig hatte gefehlt, und mit Christian Almer wäre auch ein Grindelwalder Bergführer mit von der Partie gewesen.

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Im Sommer 1864 begegneten sich Edward Whymper,einer der späteren Erstbesteiger des Matterhorns, und Christian Almer zum ersten Mal. Der Grindelwalder Bergführer stand in den Diensten der beiden bekannten englischen Bergpionieren A.W. Moore und Horace Walker. Edward Whymper hatte Michel Croz aus dem Tal von Chamonix verpflichtet. Den beide Partien gelangen einige Erstbesteigungen in den französischen Dauphiné-Alpen unter anderem der Barre des Écrins, des südlichsten und westlichsten Viertausenders des ganzen Alpenbogens. Bei dieser Gelegenheit lernten sich auch die beiden Bergführer Almer und Croz kennen und schätzen. Leider dauerte die Freundschaft der beiden nur ein gutes Jahr – Michel Croz gehörte bekanntlich zu den Opfern bei der Matterhorn Erstbesteigung.

Edward Whymper muss von Christian Almers Fähigkeiten überzeugt gewesen sein, denn er engagierte ihn im darauf folgenden Sommer 1865 gleich für mehrere Wochen. In seinem Buch «Scrambles amongst the Alps» hielt Whymper fest, dass es nicht möglich sei, zwei Bergführer zu finden, welche besser zusammen harmonierten als Almer und Croz. Als dritter Bergführer kam noch der Zermatter Franz Biner dazu. Am 16.Juni 1865 – einen knappen Monat vor der Erstbesteigung des Matterhorns also – gelang Whymper zusammen mit seinen Bergführern die Erstbesteigung des Grand Cornier, des nördlichen Nachbars der fast 400 Meter höheren Dent Blanche. Am 19.Juni traf die schlagkäftige Mannschaft in Zermatt ein, und am 21.Juni startete sie zum siebten Versuch Whympers, das Matterhorn zu besteigen. Es blieb beim Versuch, was Christian Almer veranlasste, dem englischen Draufgänger die Frage zu stellen, warum er nicht einen Berg erklettern wolle, der besteigbar sei.

Schon am 24. Juni bestieg das illustre Quartett die Grandes Jorasses zum ersten Mal, wobei der höchste der sechs Gipfel, die Pointe Walker, nicht betreten wurde. Und am 29.Juni doppelte Whymper mit der Erstbesteigung der Aiguille Verte, eines der schwierigsten Viertausenders der Alpen, nach. Zum Leidwesen der Einheimischen war Michel Croz nicht dabei, sondern «nur» die beiden Schweizer Almer und Biner.

Nun zog es Whymper wieder Richtung Matterhorn. Am 3.Juli überquerte er auf dem Weg nach Courmayeur mit Almer und Biner als Erste den Col de Talèfre und am 6.Juli bestieg die gleiche Gruppe zum ersten Mal die über 3800 Meter hohe La Ruinette südwestlich von Arolla. Gerne hätte Whymper auf die Fähigkeiten von Christian Almer für einen weiteren Versuch am Matterhorn gezählt. Auf die entsprechende Anfrage soll Almer geantwortet haben: «Alles, nur nicht das Matterhorn, verehrter Herr – nur nicht das Matterhorn!»

Mit grossem Bedauern entliess Whymper Almer und Biner, denn nie hätten ihm zwei Männer mit grösserer Treue und Aufopferung gedient, hielt er fest. Die achtzehntägige Tour mit dreissigtausend überwundenen Höhenmetern ging als «Tour de force» in die Geschichte des Alpinismus ein.

Christian Almer nahm am 8.Juli die Rückreise nach Grindelwald unter die Füsse und unternahm zwischen dem 11. und 18.Juli Touren in den Berner Alpen. Ob er am 15.Juli im Hotel Jungfrau am Eggishorn schon von der Erstbesteigung des Matterhorns erfuhr, ist fraglich. Spätestens bei seiner Rückkehr nach Grindelwald dürfte er aber vom tragischen Ausgang der Matterhorn-Erstbesteigung erfahren haben.

Bei der neunten Besteigung des Matterhorns 1868 waren die ersten OberländerBergführer mit von der Partie. Die Grindelwalder Hans Baumann und Peter Bernet konnten sich dabei auf die Routenkenntnisse von Peter Knubel aus St.Niklaus verlassen. Knubel hatte das Matterhorn schon vorher besteigen und entwickelte sich in der Folge zu einem der ersten typischen Matterhornführer. Auch Christian Almer bestieg später das Matterhorn doch noch mindestens zweimal.

Jahrzehnte später schrieb noch einmal ein Grindelwalder Bergführer Matterhorngeschichte. 1935 gelang Hermann Steuri als Bergführer mit seinem Gast die dritte Begehung der Matterhorn-Nordwand, erstmals ohne Biwak in gut dreizehn Stunden von der Hörnlihütte bis zum Gipfel.

Berner Oberländer

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