Flüchtlinge und Einheimische gehen auf Tuchfühlung

Thun

Ein warmes Bett, sanitäre Anlagen und Mahlzeiten für die Flüchtlinge: Die ersten Asylsuchenden sind am Freitag im ersten Bundesverfahrensasylzentrum des Kantons Bern direkt von der Grenze nun auf dem Waffenplatz in Thun eingetroffen.

  • loading indicator

Auf Perron 1 in Thun wartet um 10.30 Uhr eine Seniorin auf den Zug, ein Jüngling lächelt Tasten drückend in sein Smartphone, und eine junge Mutter tritt mit zwei Kindern aus dem Bahnhofgebäude.

An diesem ruhigen und freundlichen Wintertag mit blauem Himmel und freier Sicht auf die Berge ist auf dem Bahnhofgelände weit und breit kein verloren wirkender Flüchtling auf seiner Reise zum ersten Bundesverfahrensasylzentrum im Kanton Bern zu sehen.

Auch auf der Fahrt zum Waffenplatz, wo das 600-plätzige und temporäre Zentrum um 9 Uhr den Betrieb aufgenommen hat, ist noch keine Flüchtlingsgruppe zu entdecken.

Der Zugang von der General-Wille-Strasse her auf die Panzerpiste und bis zum Zentrum in den beiden Panzerhallen ist mit Zäunen abgesteckt und begrenzt. Auch hier ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Beim Empfang stehen Securitas-Leute, freundlich lächelnd und der Dinge harrend.

In der Wachloge, in der die Zugangskontrolle erfolgt, sind Blätter angeklebt, die in Bildern sprachunabhängig über die Öffnungszeiten und verbotene Gegenstände informieren.

Dann, um 12.45 Uhr, marschieren vier Dunkelhäutige auf dem Gehsteig der Allmendstrasse, die sich mit Passanten unterhalten. Diese drehen sich in Richtung Waffenplatz und zeigen mit dem Arm in dessen Richtung. Die Flüchtlinge sind nur noch wenige Hundert Meter davon entfernt. Sie gehören zu den Ersten, die sich im Zen­trum einrichten werden.

In unregelmässigen Abständen schreiten nun weitere Asylsuchende über die Panzerpiste und ins Zentrum, in der Regel in Gruppen von zwei bis zehn Männern. Nichts Aussergewöhnliches geschieht, und keine Hektik entsteht.

Langsam regt sich Leben auf dem Areal. Die Flüchtlinge treten aus den Hallen und setzen sich auf eine Sitzbank, andere vertreten sich die Beine im Gespräch.

Um 13.30 Uhr werden Stadtpräsident Raphael Lanz (SVP) und Sicherheitsvorsteher Peter Siegenthaler (SP) zusammen mit einem Team der Asylkoordination und der Verwaltung empfangen.

Den Medien wird wie angekündigt kein Zutritt gewährt. Nach einer über zweistündigen Führung kehrt Siegenthaler ins Freie zurück. «Ich bin beeindruckt, wie in den wenigen Tagen seit dem Infoanlass von letzter Woche eine vollständige Infrastruktur für ein Bundesasylzen­trum installiert worden ist.» Die Räumlichkeiten seien klar von­einander abgetrennt und aus leeren Panzerhallen menschenwürdige Zuhause geschaffen worden.

«Bis Ende Jahr werden rund 150 Flüchtlinge eingewiesen, danach sukzessive mehr – bis maximal 600», weiss der Gemeinderat. «Bis dahin werden wir besser wissen, welche Angebote durch die Stadt geleistet werden können.»

Derweil hat sich ausserhalb des Zentrums die Gruppe eingerichtet, die sich Thun4Refugees nennt. Es ist nach 16 Uhr. Bereits kündet der beginnende Sonnenuntergang die Dunkelheit an, der Wintertag meldet sich mit einer kühlen Bise zurück.

Eine der Initiantinnen, Christine Claré, und rund zwanzig Gleichgesinnte warten darauf, an die Flüchtlinge Tee und Kuchen abzugeben. Um 17 Uhr wird der Empfang zum Zentrum geschlossen. «Bis jetzt haben uns zwei Asylsuchende aufgesucht», sagt sie. «Doch am Sonntag werden wir ab 14 Uhr wiederum Tee und Kuchen abgeben.»

Lose Gruppe für ein «solidarisches» Thun

Um den neu ankommenden Flüchtlingen im Bundesverfahrensasylzentrum auf dem Waffenplatz in Thun einen warmen Empfang zu bereiten, haben Christine Claré und ihr Mann Martin Lüthi alias Heinrich Gartentor aus Horrenbach-Buchen zusammen mit Gleichgesinnten die Gruppe Thun4Refugees ins Leben gerufen.

Diese rief auf ihrer Facebook-Gruppenseite Interessierte auf, den Asylsuchenden am Freitag von 15 bis 17 Uhr – und am Samstag ab 14 Uhr – vor dem Eingang zum Zentrum Getränke und Süssigkeiten abzugeben. «Solidarisches Thun, zeige dich!», war etwa zu lesen, oder: «Bringt Tee, Kaffee und Kuchen mit.»

Und: «Lasst uns die Flüchtlinge, die vorübergehend im Bundesasylzentrum in Thun leben werden, herzlich willkommen heissen und ihnen mit einer ersten Kontaktaufnahme signalisieren, dass wir Angebote ausserhalb des Zentrums schaffen werden.»

Die Gruppe schlägt Interessierten zudem vor, mit dem Velo oder zu Fuss durch die Stadt bis zum Waffenplatz zu gehen, vielleicht mit einem «Refugees Welcome»-Pullover bekleidet und mit einem Transparent ausgerüstet. «Es ist aber keine Demo», betont die Gruppe auf der Facebook-Seite.

Es gehe um eine erste Kontaktaufnahme. «Es ist wichtig, her­auszufinden, was die Flüchtlinge brauchen, und entsprechend Angebote zu schaffen», sagt Christine Claré. Auch sind Leute gesucht, die eine Sprache aus den Ländern Syrien, Irak oder Afghanistan sprechen und übersetzen können. Die Kontaktaufnahme erfolgt via Facebook-Seite.

Hintergrund

Bundesasylzentrum entlastet grenznahe Empfangsstellen

Ein Bundesasylzentrum ist keine Asylunterkunft: Da werden Flüchtlinge registriert und Gesuche zwecks Beschleunigung vorgeprüft.

Ein Bundesasylzentrum wie das seit Freitag temporär in Betrieb genommene auf dem Waffenplatz in Thun – das erste im Kanton Bern – ist ein Verfahrenszentrum und keine reine Asylunterkunft für Flüchtlinge.

Es ist eine Art Aussenstation der Empfangsstellen in grenznahen Orten wie Altstätten, Basel, Chiasso, Kreuzlingen, Vallorbe und Zürich. Bundesasylzentren bezwecken, die überfüllten Plätze an den Grenzen freizugeben und die Verfahrensprozesse mit den Asylgesuchen zu beschleunigen.

Auf diese Weise soll verhindert werden, dass Flüchtlinge nicht registriert in die Schweiz einreisen. Zudem sollen damit die Kantone entlastet werden, da ihnen die Asylsuchenden, die rasch wieder gehen müssen, gar nicht mehr zugewiesen werden. Bundesasylzentren gibt es bereits etliche, einige sind in Planung, so unter anderem in Muttenz und im Zieglerspital in Bern.

Die Flüchtlinge werden von den Empfangsstellen an diese Zentren weitergeleitet, wenn die Betten in ebenjenen belegt sind. Die Asylsuchenden erhalten in der Regel ein Zugticket und einen Plan der Örtlichkeit mit der Wegweisung, damit sie den Weg vom Bahnhof zum Zentrum finden.

Dort müssen sie sich an die Hausregeln halten und können mittels eines speziellen Ausweises die Zentren zu den bestehenden Öffnungszeiten frei verlassen. In eine Asylunterkunft dagegen gelangen Flüchtlinge erst über eine Zuweisung an die Kantone beziehungsweise an die Gemeinden.

Laut Léa Wertheimer, Pressesprecherin des zuständigen Staatssekretariates für Migration (SEM), werden in einem Bundesasylzentrum insbesondere die Flüchtlinge registriert, Befragungen durchgeführt und das Gesuch zur weiteren Verarbeitung vorbereitet. Die Behandlungsstrategie für die Gesuche sind festgelegt.

Schwach begründete Gesuche, wie etwa jene aus sogenannten «Safe Countries» oder visumsfreien Staaten oder Dublin-Fälle werden prioritär und somit rasch behandelt. «Dies hält unsere Ressourcen frei für die komplexen Fälle, bei welchen wir davon ausgehen müssen, dass sie in einer Asylgewährung oder einer vorläufigen Aufnahme münden», erklärt Wertheimer.

Diese Strategie ändere jedoch nichts daran, dass die Schweiz jedes Asylgesuch als Einzelfall prüfe und darüber entscheide. «Bei uns erhalten Personen Asyl, die in ihrem Herkunftsland individuell an Leib und Leben bedroht sind, etwa wegen ihrer Rasse, Religion oder der politischen Einstellung», sagt sie.

Dabei gibt es unterschiedliche Verfahrensarten, wie etwa die restriktiven 48-Stunden-Verfahren für Asylsuchende aus Serbien, Mazedonien, Bosnien und Herzegowina und die Dublin-Fälle, in denen mit 32 Staaten klare Regeln bestehen.

Auch gibt es sogenannte Fast-Track-Verfahren für gewisse Asylgesuche von Afrikanern, bei denen die Rückweisung aufwendiger ist, als das bei den 48-Stunden-Verfahren der Fall ist. Die komplexeren Gesuche betreffen vor allem Anträge aus Syrien, Eritrea und Afghanistan.

Ausserdem werden die Flüchtlinge in einem Bundesverfahrensasylzentrum medizinisch untersucht, wo nötig gepflegt und spezifisch betreut und mit den Gepflogenheiten sowie alltäglichen Verhaltensregeln in der neuen Umgebung vertraut gemacht.

Mehr Infos: www.sem.admin.ch und www.ors.ch.

Thuner Tagblatt

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt