«Ich spürte zum ersten Mal so etwas wie ein Stechen im Magen»

Die Zugerin Rabija Efendic kümmert sich über Weihnachten um Flüchtlinge in Serbien – als freiwillige Helferin des Zürcher Vereins Borderfree. In einem Tagebuch hält sie fest, was sie in Preševo erlebt.

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«Fehlt noch etwas? Wie immer muss ich mir diese Frage stellen, wenn ich irgendwo hinfahre. Aber noch nie war ich so aufgeregt! Dieses Mal gab es nur eine Regel beim Packen: Du nimmst nur die Sachen mit, die irgendwie warm aussehen.

In Preševo bin ich mit einer weiteren Freiwilligen angekommen, Andrea, auch aus Zug. Da standen wir nun, vor dem One Stop Center, wo sich alle Flüchtlinge registrieren lassen müssen.

Die Sonne schien so schön, dass ich auf der Hinfahrt im Taxi noch dachte, 50 Paar Socken zu viel eingepackt zu haben. Aber ich merkte schnell, wie recht ich mit meiner Regel hatte. Ohne Bewegung fing ich schnell an zu frieren.

Ich konnte die Aussage der vielen Freiwilligen, die bereits vor mir in Preševo waren, endlich verstehen: Dass die neuankommenden Flüchtlinge so rasch wie möglich weiterziehen möchten. Ich schaute ihnen zu, wie sie zügig eine Art offenes Labyrinth durchschritten, die einen hatten praktisch nichts dabei, die anderen gingen schwer beladen einen Schritt nach dem anderen.

Dann ging es an die Arbeit, beziehungsweise stand ich zum ersten Mal in unserem Essens- und Teezelt mit den anderenVolontären von Borderfree. Grosse Erklärungen waren nicht nötig, ausser dass ich nun weiss, wie das Rezept für die beste Suppe und den besten Tee geht.

Ich habe manche Gesichter zwei oder drei Mal gesehen beim Austeilen, und keiner lief ohne ein grosses Danke oder Kompliment davon. Ja, eigentlich haben sich einem Tag noch nie so viele Menschen bei mir bedankt.

Vanja, die Präsidentin von Borderfree, führte mich danach durch das Registrierungscamp für Flüchtlinge, das ganz anders war als in meinen Vorstellungen. Wir hatten Glück, dass beim Eingang keine grosse Schlange war, und so kamen wir gleich bei der Gepäckkontrolle an, wie man sie auch an jedem Flughafen kennt. Um die Angestellten ein wenig auf den Arm zu nehmen, liessen wir unsere Rucksäcke auch durch den Scanner laufen.

Kaum waren wir bei unserem Zelt zurück, klingelte das Telefon. Die Organisation «Save the children» bat uns zu kommen, da ein minderjähriger Flüchtling allein unterwegs war und kein Geld für ein Zugticket hatte.

Ob seine Eltern noch leben weiss ich nicht, viel wichtiger war es, ihn einer Gruppe zuzuteilen, da er in seinem Alter alleine nicht reisen darf. Ob ich in seinem Alter auch so viel Mut gehabt hätte, einen solchen Weg auf mich zu nehmen? Ich glaube kaum. Am liebsten hätte ich ihn begleitet.

Bald hiess es dann,ein Zug werde in Kürze ankommen, und die Leute sollten nicht auf dem Gleis stehen, da er sonst nicht einfahren könne. Ich spürte zum ersten Mal so etwas wie ein Stechen in meinem Magen, nach all den Fragen der Flüchtlinge: Wie lange sie noch warten müssen oder ob sie mit ihrer ganzen Familie Platz haben, Fragen, die ich leider nicht genau beantworten konnte.

Unterdessen kam es zwischen einigen zu einem Konflikt, der zum Glück durch unser Eingreifen – «Stop, aufhören, und passt auf die Babys auf!» – schnell gelöst werden konnte. Die Anspannung nach stundenlangem Warten konnte ich deutlich spüren.

Als der Zug eindlich ankam und sich alle vor die Türen verteilten, um hineinzustürmen, fiel mir ein ganz bezaubernder kleiner Junge auf. Er hatte sich ganz ängstlich an seinen Vater geklammert. Ich lächelte ihm zu und streckte ihm meine Hand aus. Er nahm sie sofort und strahlte zurück. Manchmal reicht so wenig, um einen Menschen in Not glücklich zu machen.

Berner Zeitung

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