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«Nieder mit den Nassauern!» – ­politische Grabenkämpfe um 1850

1850 widmeten sich die beiden damaligen Oberländer Zeitungen ausführlich den politischen Grabenkämpfen. Wir blicken zurück auf Handgreiflichkeiten und anderes.

Der Ort des Geschehens um 1835: Das Wirtshaus beziehungsweise das Zunfthaus zu Oberherren (am Ende der Brücke auf der rechten Seite), zu sehen auf einer Federzeichnung von David Alois Schmid (1791–1861).
Der Ort des Geschehens um 1835: Das Wirtshaus beziehungsweise das Zunfthaus zu Oberherren (am Ende der Brücke auf der rechten Seite), zu sehen auf einer Federzeichnung von David Alois Schmid (1791–1861).
PD/Stadtarchiv

Ende der 1840er-Jahre herrschte im Kanton politisch eine gereizte Stimmung. Hohe Wellen schlugen im Frühjahr 1850 die kantonalbernischen Wahlen. Die Konservativen verdrängten damals die Radikalen – etwas später Freisinnige genannt – von der Macht.

Im Vorfeld der Wahlen mobilisierten auch Thuner Politiker in Versammlungen ihre Wähler mit feurigen Reden, Thuner Zeitungen droschen auf den jeweiligen politischen Gegner ein – und manch ein Hitzkopf liess sich zu Handgreiflichkeiten hinreissen.

Am Abend des 11. Juni 1850, nach der Einsetzung der neuen konservativen Berner Regierung, kam es beim Wirtshaus zu Oberherren, einem Treffpunkt der Radikalen, zu Tätlichkeiten.

Zwei Zeitungen, radikalund konservativ

Die Berichterstattung der in Thun erscheinenden Zeitungen, des radikalen «Thuner Blatts» und des konservativen «Oberländer Anzeigers», lässt eine Mischung aus übermässigem Alkoholkonsum und politisch motivierter Aggression als Ursache vermuten.

Die beiden Blätter schoben jeweils dem politischen Gegner die Schuld an den Tätlichkeiten in die Schuhe. Gemäss dem «Oberländer» griffen Radikale aus dem Oberherren unbescholtene konservative Parteigänger an, die am Wirtshaus vorbeizogen.

Das «Thuner Blatt» warnte, mit den Konservativen erwache das verhasste Ancien Régime wieder zum Leben.

Das «Thuner Blatt» berichtete hingegen von betrunkenen Arbeitern, die aus der Schadau, dem Ort der konservativen Wahlfeier, zum Oberherren zogen und mit dem Schlachtruf «Nieder mit den Nassauern!» die dortigen Gäste attackierten – die Radikalen wurden damals vom politischen Gegner auch als «Nassauer» tituliert.

Später in der Nacht kam es zu einem erneuten Zwischenfall. Gemäss «Oberländer» ging eine mit Steffisburgern verstärkte «radikale Rotte» aus dem Oberherren mit Knüppeln auf Konservative los.

Das «Thuner Blatt» dagegen verortete die Aggressoren auf konservativer Seite; sie wollten angeblich das «Nassauernest» (den Oberherren) ausheben und demolieren. Dem Spuk ein Ende setzte schliesslich die Intervention eines militärischen Ordnungstrupps.

Der politische Gegner galt als Gefahr für den Frieden

Ein solcher Ausbruch der Gewalt war damals weder einmalig noch überraschend. Der politische Diskurs war nicht erst seit dem Wahlkampf von 1850, sondern auch in den vorangegangenen Jahren von wilden Angriffen auf den politischen Gegner geprägt. Das «Thuner Blatt» und der «Oberländer Anzeiger» verunglimpften die jeweilige Gegenpartei regelmässig als Gefahr für Freiheit und Frieden.

Das «Thuner Blatt» warnte, mit den Konservativen erwache das verhasste Ancien Régime wieder zum Leben. Einmal an der Macht würden die Konservativen ihre «Freiheitsmaske» fallen lassen und das allgemeine Wahlrecht, die Pressefreiheit und das Vereinsrecht wieder abschaffen, wenn nötig mit Gewalt.

Der «Oberländer Anzeiger» richtete nicht weniger plakativ über die Radikalen: Diese wollten, da sie die Ordnung auf der ­Erde und im Himmel als unvollkommen erachteten, das Bestehende mit der Wurzel ausreissen. Der Radikalismus sei brutal und reiner Despotismus, er verfolge Andersdenkende mit «Wort, Presse und That» und würdige freie Bürger zu Sklaven herab.

Vom Feindbild zumpolitischen Partner

Vier Jahre später, als die Konservativen im Kanton ihre Mehrheit verloren hatten und keine Fraktion im Grossen Rat eine tragfähige Regierung zu bilden vermochte, mässigte sich der Tonfall erheblich.

Die Konservativen und die Radikalen arrangierten sich und gingen eine Koalition ein, Fusion genannt. In Thun bildete sich daraufhin ein Verein führender Politiker aus beiden Lagern, um die Fusion zu propagieren. Manch ein Parteigänger dürfte in Erinnerung an die früheren Querelen seine liebe Mühe mit dieser neuen Partnerschaft gehabt haben.

Der Autor gehört zum siebenköpfigen Historikerteam, welches im Auftrag des Vereins Thuner Stadtgeschichte die jüngere Stadtgeschichte aufarbeitet. Das Gesamtwerk feiert im KKThun am 17. Oktober mit einem öffentlichen Anlass ab 19 Uhr Vernissage. Diese Zeitung publiziert in loser Folge als Serie einzelne Themen aus dem Fundus an Recherchen, solche, die im Buch vom Umfang her keinen Platz fanden.

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