Zum Hauptinhalt springen

Nach Kanu-Unfall: «Ich kann die Schreie nicht vergessen»

Bei einem Kanu-Unfall verlor ein Mann sein Leben. Seine beiden Töchter konnten gerettet werden. Eine Anwohnerin, die als Erste am Unfallort war und beherzt ins Wasser sprang, erzählt, wie sie die tragischen Stunden erlebt hat.

Gemäss aktueller Kenntnisse kenterte das Kanu rund 15 Meter vom Ufer entfernt.
Gemäss aktueller Kenntnisse kenterte das Kanu rund 15 Meter vom Ufer entfernt.
Barbara Schluchter-Donski
Zum Unfall war es in Merligen gekommen, ungefähr auf der Höhe des Gasthofs Traube.
Zum Unfall war es in Merligen gekommen, ungefähr auf der Höhe des Gasthofs Traube.
Barbara Schluchter-Donski
Während der Vater im Spital verstarb, konnten seine beiden Töchter gerettet werden.
Während der Vater im Spital verstarb, konnten seine beiden Töchter gerettet werden.
Barbara Schluchter-Donski
1 / 3

Y.* ringt am Montagnachmittag immer wieder mit den Tränen. «Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen», sagt die Frau. «Ich kann die Schreie der Mädchen nicht vergessen. Und ich mache mir selber grosse Vorwürfe, dass ich nicht eher reagiert habe.»

Am frühen Sonntagabend wars: Y., die in der Nähe des Restaurants Traube in Merligen wohnt, richtet ihre Wohnung ein, in welche sie erst vor kurzem gezogen ist. «Als ich dabei kurz auf den Balkon getreten bin, habe ich plötzlich Schreie vom See her gehört», erzählt die Frau, die als Pflegehelferin in einem Altersheim arbeitet. Sie habe aber nicht weiter darauf geachtet, weil sie davon ausgegangen sei, dass Kinder am Spielen seien. «Doch irgendwie liessen mich die Schreie nicht in Ruhe», sagt sie. Sie sei nochmals auf den Balkon zurückgekehrt und habe Richtung See geschaut.

Rund 15 Meter vom Ufer entfernt sieht Y. schliesslich einen Mann und zwei Kinder neben einem orangen Kanu im Wasser treiben: «Ich habe nicht viel überlegt und bin losgerannt», sagt Y. Sie sei über einen Zaun geklettert, habe ihre Hose ausgezogen und sei ins Wasser gesprungen.

Laut Y. hätten sich die beiden ­5- und 7-jährigen Mädchen an etwas festgehalten, während der Vater daneben auf- und abtauchte. Das Kanu sei in der Zwischenzeit von der starken Strömung fortgetrieben worden. «Ich glaube», sagt Y., «der Vater versuchte die ganze Zeit, die Mädchen zu beruhigen, während er gleichzeitig um sein Leben kämpfte.»

«Kälte raubte mir den Atem»

Y. ist bereits rund 10 Meter geschwommen, als sie bemerkt, wie eisig kalt das Wasser ist– lediglich 12 Grad sind es zu diesem Zeitpunkt. Gleichzeitig geht ein starker Wind, welcher zu einem Wellengang mit Schaumkronen führt. «Die Kälte blockierte mich und schnürte mir beinahe die Kehle zu», schildert Y. die Minuten im Wasser. Sie sei weitergeschwommen, obwohl ihre Kräfte zunehmend schwanden.

«Doch irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich den Menschen so nicht helfen kann und Unterstützung holen muss», sagt Y. «Deshalb kehrte ich um.» Das Schlimmste seien dabei die Schreie der Kinder in ihren Ohren gewesen.

Am Ufer bat Y. schliesslich einen deutschen Touristen darum, die Polizei zu alarmieren. Den Vater, sagt Y., habe sie zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr gesehen.

Gleichzeitig seien weitere Personen am Unfallort erschienen. Gemäss «Blick online» handelte es sich dabei unter anderem um Peter Mennig, bis vor kurzem Direktor des Hotels Beatus in Merligen, welcher die Geschehnisse von seinem Haus aus verfolgt hatte: «Meine Frau hat das Boot ­gesehen. Die Mädchen trugen keine Schwimmwesten», berichtete Mennig dem «Blick». Er habe sich noch gedacht: «Komisch, dass jemand bei blinkender Sturmwarnung auf den See fährt.»

Sein 16-jähriger Sohn, ein Kollege und er seien deshalb sofort ans Ufer hinuntergerannt, hätten Schwimmwesten aus einem Ruderboot gepackt und seien ins Wasser gesprungen. Den dreien gelang es schliesslich, die beiden Mädchen zu retten. «Das kleinere», sagt Mennig, «konnte gar nicht schwimmen.»

«Ich habe gebetet»

Die Männer legten die völlig unterkühlten Mädchen auf eine Rasenfläche am Ufer und deckten sie mit Jacken zu. «Ich habe mich zu ihnen gelegt, um ihnen zusätzlich warm zu geben», schildert Y. Während das ältere der beiden Mädchen ansprechbar gewesen sei und nach seinem Vater gefragt habe, habe das Kleinere zwischendurch wohl das Bewusstsein verloren.

In der Zwischenzeit war es der Seerettung gelungen, den Vater aus dem Wasser zu bergen. Alle drei wurden schliesslich mit Helikoptern der Rega und der Air-Glaciers ins Spital geflogen.

«Ich bin vor Erschöpfung zusammengebrochen», sagt Y., die den ganzen Abend gebetet hat, dass der Familienvater überlebt. Umsonst: Trotz der durch ein Ambulanzteam am Unfallort eingeleiteten Rettungsmassnahmen starb der Mann am Montag in den frühen Morgenstunden im Spital. Seine beiden Töchter haben das Unglück wohl ohne grössere Verletzungen überlebt. Nicht zuletzt dank dem beherzten Eingreifen der Retter.

Y. tröstet das aber kaum: «Ich finde keine Ruhe», sagt sie.

* Name der Redaktion bekannt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch