Möwe vom Thunersee erobert Kasachstan

Uetendorf

Bei der Gestaltung einer Banknote hat sich die kasachische Nationalbank offenbar eines Fotos aus dem Internet «bedient» – von einem Uetendorfer Hobbyfotografen.

  • loading indicator
Martin Bürki@tinubuerki27

Die Fotografie ist seine Leidenschaft, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Was Marcel Burkhard Ende letzter Woche erfahren hat, hätte er sich daher nie erträumen lassen: Eines seiner Sujets, eine Lachmöwe, aufgenommen am 10. Oktober 2005 am Thunersee, ziert eine Banknote – in Kasachstan.

Ein Unbekannter habe ihn per Mail kontaktiert und gefragt, «ob das Bild von mir sei, ansonsten hätte ich davon nie etwas mitgekriegt», erzählt der Hobbyfotograf aus Uetendorf.

Und genau da liegt die Möwe begraben: Burkhard hätte von der Verwendung seines Fotos nie etwas mitgekriegt. «Natürlich ist das eine Copyright-Verletzung», sagt auch der 42-Jährige deutlich. «Hätte mich der Grafiker nach dem Bild gefragt, hätte ich es ihm wohl gratis gegeben. So eine Ehre wird einem sonst nie im Leben zuteil.»

1:1-Nachahmung

Fotos von Möwen gibt es wie Sand am Meer, das führt offenbar auch die kasachische Nationalbank als Gegenargument auf. Doch Marcel Burkhard ist überzeugt, dass es sich um «seine» Lachmöwe handelt: «Ich habe sie im Photoshop über die Banknote gelegt, und es stimmt einfach alles: Federnlänge, Schwanzfedern, Schnabel, Flügel- und Beinhaltung, Schattierungen, ja sogar der schwarze Fleck am Kopf stimmt 1:1 überein.»

Burkhards Bild ist für jedermann im Internet ersichtlich – auf Wikipedia. Sein Name wird als Urheber genannt, bei entsprechender Quellenangabe darf das Werk beliebig kopiert und sogar angepasst werden. Doch nichts davon ist passiert. «Jemand hat mit meiner Arbeit Geld verdient, indem er sie als die seine ausgegeben hat. Das finde ich nicht in Ordnung.»

«Entschuldigung wäre nett»

In Kasachstan scheint sich die Geschichte zur Staatsaffäre zu entwickeln: «An einem Tag haben mich drei Fernsehstationen und zehn weitere Journalisten aus Kasachstan kontaktiert», sagt Burkhard hörbar genervt. «Anfangs fand ich das alles noch witzig. Wenn ich aber gewusst hätte, wie hohe Wellen das schlägt, hätte ich wohl nie etwas darüber auf Facebook (siehe Bildstrecke) gepostet.»

Sogar kasachische Anwälte hätten sich gemeldet, die ihn kostenlos vertreten möchten, um eine Entschädigung von der Nationalbank einzufordern. «Mir geht es doch gar nicht um Geld», entgegnet der Wacker-Thun-Fan. «Ich wünschte mir nur, dass die Bank öffentlich zu dem Vorfall steht und ihn nicht noch leugnet.»

Ausserdem habe ihm jemand ein Exemplar einer Note angeboten. 500 Tenge, wie die Währung in Kasachstan heisst, sind aufgerundet etwa 1.50 Franken. «Ich hätte lieber ein Zertifikat mit der Note, das bezeugt, dass sie mein Bild verwendet haben. Das würde ich mir dann irgenwo an die Wand hängen.»

Noch hat sich die Nationalbank Kasachstans nicht entschuldigt, man stehe aber in schriftlichem Kontakt. Marcel Burkhard nimmts gelassen: «Mit der Zeitverschiebung ist das halt so eine Sache: Sie schreiben immer relativ früh und ich antworte relativ spät...»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt