Mit Herzblut in den Schwanensee tauchen

Thun

Wegen einer verlorenen Wette müssen die Vorstandsmitglieder des Vereins «Härzbluet für üse FC Thun» am Sonntag in der Stockhorn-Arena eine Szene aus «Schwanensee» tanzen. Wir waren beim Training dabei.

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Ballett – das ist Grazie, Anmut, Eleganz, komplette Körperbeherrschung. Eigentlich. Aber an diesem Oktoberabend in der Plié-Ballettschule Thun ist vieles ein bisschen anders. Nebst drei geschmeidigen Tänzerinnen haben sich vier nicht mehr ganz junge und nicht ganz so geschmeidige Herren eingefunden, denen grundsätzlich das Planschbecken näher sein dürfte als der Schwanensee, das Stadion näher als der Ballettsaal, das Fussballtrikot näher als das Tutu. Sie halten sich an den Händen, recken das Kinn in die Höhe, tänzeln ein paar Schritte vorwärts, springen in die Luft, gehen nach dem Landen in die Knie, tänzeln wieder zurück. «Gut so!», lobt Ballettlehrerin Kathrin Barbara Schneider. Sie gibt Anweisungen – «Plié! Sprung! Strecken!» – und Tipps – «Das A und O ist euer Blick. Schaut hoch! Fixiert etwas, dann ist es einfacher.» Das Ganze nochmals von vorne, diesmal mit Musik. Tschaikowskys weltberühmter «Schwanensee». Und nein: Hässliche Entlein sind die vier ungewöhnlichen Balletttänzer natürlich nicht. Aber elegante Schwäne? Nun ja.

Kurze Pause. Durchatmen. Schweiss abtrocknen. Ganz freiwillig sind Luki Frieden, Guido Feller, Lukas Klingler und Ruedi Balmer nicht hier. Sie alle gehören dem Vorstand des Unterstützervereins «Härzbluet für üse FC Thun» an. Und sie haben eine Wette verloren. Wenn sie innerhalb weniger Monate 175'000 Franken an Spenden für den finanziell arg angeschlagenen Fussballclub generieren können, tanzen sie bei einem Heimspiel im Stadion «Schwanensee», verkündeten die «Härzblüetler» vor einem Jahr. Am Ende waren es 300'000 Franken. Jetzt heisst es: trainieren, trainieren, trainieren. Am Sonntag vor dem Anpfiff des Spiels gegen den FC Zürich steigt die einmalige Ballettvorstellung. «Wir haben es unterschätzt», gibt Lukas Klingler freimütig zu. Und: «Mein Respekt vor dem Ballett ist massiv gestiegen!» Luki Frieden seufzt und schüttelt den Kopf: «Diese Wechsel, diese Übergänge...» Derweil erzählt Ruedi Balmer schmunzelnd, wie er sogar in den Ferien in Kanada vor dem Camper geübt hat.

Das Training geht weiter. Wer meint, hier werde ein bisschen rumgeblödelt, der täuscht sich gewaltig. Die Bewegungen mö­gen mitunter etwas ungelenk wirken, und dass die Anzahl Schritte laut mitgezählt wird, erlebt man bei einer Aufführung des russischen Staatsballetts wohl eher nicht. Aber die «Härzbluet»-Vorstandsmitglieder sind hochkonzentriert und einsatzfreudig bei der Sache. «Als die Anfrage kam, habe ich mich schon gefragt: Wie ernst ist es ihnen? Dass das Ballett ins Lächerliche gezogen wird, ginge für mich nicht», sagt Kathrin Schneider. Die 31-Jährige hat vor gut zwei Jahrzehnten in der Dance Academy Silva mit dem Ballett angefangen – heute führt sie den Betrieb unter dem Namen Plié-Ballettschule Thun selber, nachdem sie jahrelang als Profitänzerin gearbeitet hat. Dass die Herren motiviert bei der Sache seien, habe sie dann aber sofort gemerkt. Und nach dreieinhalb Trainingsabenden ist sie des Lobes voll: «Sie machen es wirklich gut – Hut ab! Denn einfach ist es definitiv nicht.» Auch wenn für die Tanzlehrerin klar ist: «Jeder kann Ballett tanzen.» Wer es professionell betreiben wolle, brauche gewisse körperliche Voraussetzungen. Aber: «Wer es versuchen will, soll das unbedingt tun. Wir haben hier auch 60-Jährige, die mit Ballett anfangen.»

Kathrin Schneider wird in der Stockhorn-Arena entspannt im Publikum sitzen können. Ganz auf sich gestellt sind Balmer, Klingler, Feller und Frieden trotzdem nicht: Flankiert werden sie von Salomé Wolf und Jana Stucki, zwei jungen Tanzschülerinnen von Kathrin Schneider. Die beiden finden ganz offensichtlich Spass am Unterfangen. Salomé Wolf fragt dann aber doch noch bange: «Ist es das Fernsehspiel? Hoffentlich nicht!» Die «Härzblüetler» können sie beruhigen. Dafür ist am Sonntag im Stadion «Kids Day». «Wahrscheinlich sind die Kinder nach unserem Auftritt traumatisiert», befürchtet Luki Frieden und grinst. Dann müssen noch einige Details besprochen werden. Zum Beispiel, wer wann welche Garderoben benutzt. «Nicht dass wir noch die Dresses vertauschen – und Dennis Hediger im Röckli aufläuft!», flachst Lukas Klingler.

Ein letztes Mal für heute läuft die «Schwanensee»-Musik. Ein letztes Mal gehen die grazilen Tänzerinnen und die etwas weniger grazilen Tänzer die Choreografie durch. Ein letztes Mal halten sie sich an den Händen, tänzeln vor, springen, gehen in die Knie, tänzeln zurück. Ballett – das ist Schweiss, Ausdauer, kompletter Körpereinsatz. Und ja: jede Menge «Härzbluet»!

Thuner Tagblatt

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