Meyer Burger will wie Apple in China produzieren lassen

Die Produktion in Thun ist 60 Prozent teurer als in China. Aus diesem Grund hat sich der Thuner Solarzulieferer Meyer Burger entschieden, in Thun 180 Stellen abzubauen.

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Julian Witschi

Vergangenen Dezember haben die Aktionäre von Meyer Burger mit einer Kapitalerhöhung einen Neustart ermöglicht. Schwarze Zahlen schienen dank steigender Aufträge in Griffweite, und der Abbau auf weltweit 1300 Stellen galt als abgeschlossen.

Aber jetzt droht dem Standort Thun eine neue Massenentlassung: Meyer Burger stellt hier die Produktion bis Ende 2018 ein. Bis zu 180 Festangestellte in Produktion, Logistik, Einkauf und Produktionsplanung verlieren ihren Job.Zudem sind 26 Lernende vom Abbau betroffen.

Meyer Burger will ihnen helfen, einen neuen Lehrbetrieb zu finden. Auch müssen die 40 Temporärangestellten einen neuen Verdienst suchen. Total wird der Kahlschlag bis zu 250 Arbeitsplätze kosten.

Eingeholt und zu teuer

Dieses Aus kommt überraschend, positionierte sich Meyer Burger doch als Technologieführer mit Schweizer Know-how. Das Swiss-made-Qualitätssiegel fällt nun aber weg. Die Produktion in der Heimat ist laut Unternehmenschef Hans Brändle zu teuer geworden.

Und das Stammwerk in Thun hat seinen Technologievorsprung eingebüsst respektive: Meyer Burger will hier zukunftsträchtige Bereiche wie etwa die hocheffizienten Heterojunction-Solarzellen nicht fördern.

Hergestellt hat Meyer Burger in Thun Diamantdrahtsägen zum Schneiden von Siliziumscheiben. Diesen Bereich will Brändle nach China verlagern. Er sucht dort möglichst billige Auftragshersteller und folgt damit dem Beispiel von Apple und vielen anderen Konzernen. Keine Zukunft hat die Thuner Solarmodulproduktion. Und die in Gebäudefassaden integrierbaren Fotovoltaikanlagen stehen zum Verkauf.

Als eigene Produktionsstätten verbleiben Meyer Burger Hohenstein-Ernstthal und Zülpich in Deutschland. Dies vor allem für Solarzellenbeschichtungen. Die Diamantdrahtproduktion im US-Werk in Colorado Springs ist ­bereits weitgehend eingestellt. Der Rest steht zum Verkauf. Und am niederländischen Standort Eindhoven mit 75 Stellen bereitet Meyer Burger ebenfalls einen Abbau vor.

Auch Ex-Chef ist schockiert

Für den langjährigen Firmenchef Peter Pauli ist das Aus für die Produktion in Thun ein «gewaltiger Schock». Er habe zwar Verständnis für gewisse Anpassungen, aber nicht für einen solch radikalen Schnitt. Meyer Burger gebe viel Fachwissen aus der Hand.

Kritisch sieht Pauli insbesondere den Teilrückzug aus dem Modulgeschäft, denn dies sei ein Schlüsselgebiet: «Massgebend für Solaranlagen ist, wie viel Energie die Module erzeugen.» Und wenn Meyer Burger die Produktion von Drahtsägen nach China verlagert, «dann ist das ­Geschäft bald weg».

Die chinesischen Angestellten dürften mit dem neuen Fachwissen schnell zu lokalen Konkurrenten wechseln, die von der Regierung gefördert würden, gibt Pauli zu bedenken.

Konzernsitz wird zu gross

In Thun verbleiben bloss rund 150 Arbeitsplätze. Dies in Verkauf, Marketing, Verwaltung ­sowie Forschung und Entwicklung. Am Konzernsitz werden nun 11 000 von 26 000 Quadratmetern frei. Meyer Burger sucht dafür Mieter.

Wenn der Preis stimme, komme aber auch ein Verkauf des ­Gebäudes infrage, sagt Firmensprecher Daniel Eicher. Meyer Burger würde dann einen anderen Standort in Thun suchen.

Ex-Chef Pauli sieht für die restlichen Teile in Thun keine direkte Gefahr durch das Aus der Produktion. Die Forschungsabteilung müsse nicht unbedingt am gleichen Standort sein: «Nur die Entwicklung von Prototypen und Nullserie gehört zusammen.» Pauli sagt aber auch: «Als Manager kann man so entscheiden, als Unternehmer mit Standortaffinität hätte ich versucht, zumindest Teile der Produktion in Thun zu halten.»

Auch die Börse reagierte ne­gativ. Der Aktienkurs von Meyer Burger gab am Donnerstag um 4,9 Prozent nach. Analysten sind zwar mit den Sparmassnahmen und der stärkeren Ausrichtung auf den grössten Absatzmarkt China zufrieden. Sie stört aber, dass dies Abschreiber und Umbaukosten von rund 50 Millionen Franken nach sich zieht. Denn Meyer Burger dürfte das Ziel verfehlen, 2017 die Gewinnzone zu erreichen.

Berner Zeitung

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