Mein Job: Sie arbeitet für das Wohl der Tiere

Manon Guggisberg aus Kaufdorf macht die Ausbildung zur Tiermedizinischen Praxisassistentin. Ein Beruf mit vielen Facetten.

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Raphael Hadorn

Die Besitzer streicheln ihren geliebten Hund, während er die finale Spritze erhält und für immer einschlafen wird. Manon Guggisberg assistiert dabei dem Tierarzt. Die 18-Jährige machtin der Tierklinik Thun eine Ausbildung zur Tiermedizinischen Praxisassistentin (TPA).

«Manchmal muss auch ich die eine oder andere Träne verdrücken», sagt sie ganz offen. Trotz dem Wissen, dass die Euthanasie für das Tier oft eine Erlösung ist. Zu sehr leidet sie mit den Besitzern mit. Es gibt in ihrem Beruf aber auch gegenteilige Emotionen.

Manon Guggisberg erinnert sich an einen Husky, der mit vielen Beckenbrüchen in der Tierklinik Thun gelandet ist. Fünf Monate später sah sie ihn per Zufall auf dem Parkplatz der Tierklink. Er konnte mithilfe eines «Gstältli» wieder laufen. «Tiere können nicht Merci sagen, solche Erlebnisse sind deshalb besonders emotional.»

Unberechenbare Tiere

Mit den Hunden Gassi gehen und die Zwinger der hospitalisierten Tiere putzen. So fängt um 7.30 Uhr der Arbeitstag aller TPA-Lernenden in der Tierklinik Thun an. Danach gehen sie jener Arbeit nach, welcher sie im Dienstplan zugeteilt sind.

«Manchmal muss auch ich die eine oder andere Träne verdrücken»Manon Guggisberg, TPA-Lernende, 3. Lehrjahr

Manon Guggisberg ist eine von sieben Auszubildenden. Die Kaufdorferin befindet sich im dritten und somit letzten Lehrjahr. «Die Arbeit mit den stationären Gästen gefällt mir am besten, weil ich dann in ständigem Kontakt mit den Tieren bin», sagt sie.

Bis zu einem gewissen Punkt könne man lernen, die Tiere zu lesen, «aber in Stresssituationen bleiben sie unberechenbar.» Und ja, sie sei auch schon mal gebissen worden, von einer Katze. «Wie eigentlich alle meine Berufskollegen.»

Hier, im Untergeschoss, verabreicht sie den Patienten auf Anweisung der Ärzte Medikamente, nimmt ihnen Blut oder bereitet sie aufs Röntgen oder eine Operation vor. Zudem müssen die Hygienepläne eingehalten werden. Das heisst, es ist auch immer mal wieder Putzarbeit gefragt.

Lernen bei Operationen

Zwischen 10 und 25 Tiere sind in der Tierklinik Thun im Schnitt hospitalisiert. Mehrheitlich Hunde und Katzen. Aber auch andere Kleintiere wie Kaninchen, Hamster, Meerschweinchen oder Reptilien.

Da kann es schon mal laut werden. Etwa dann, wenn ein Hund den ganzen Tag bellt und im schlechtesten Fall die anderen Tiere damit «ansteckt». «Da kommst du dann nach der Arbeit nach Hause und willst einfach nur noch Ruhe.»

«Sie ist eine schlaue, gewissenhafte, ruhige und gut organisierte Mitarbeiterin.»Gregor Schmid, Leiter Tierklinik Thun

Rund einen Monat im Voraus erfährt Manon Guggisberg jeweils, an welchem Tag sie in welcher Abteilung arbeitet. «Im ersten Lehrjahr wird man oft im Operationssaal eingeteilt. Hier profitiert man zu Beginn am meisten, lernt viel über Anatomie», erinnert sie sich zurück.

Und auch daran, dass sie einige Male fast ihn Ohnmacht gefallen ist. «Ich kann am Morgen nichts essen, bringe zum Frühstück nichts runter, und wenn man dann gleich bei einer Operation assistieren muss, bei der viel Blut fliesst»

Nie allein im Labor

Rund fünfzig Mitarbeitende beschäftigt die grösste Tierklinik im Kanton Bern. Den Kunden stehen neben den allgemeinen tiermedizinischen Dienstleistungen auch Spezialisten in den Gebieten Chirurgie, Orthopädie, innere Medizin, Dermatologie, Kardiologie, Exotenmedizin und Reha (Physiotherapie, Chiropraktik, Akupunktur und Osteopathie) zur Verfügung. Über 15'000 Untersuchungen, 4000 Narkosen und 2000 Operationen werden jährlich durchgeführt.

Am Anfang einer jeder Diagnose steht oft eine Blutentnahme in einem der Praxisräume. Manon Guggisberg hält ein junges Büsi fest, redet ihm gut zu. Es wurde gefunden, in der Tierklinik abgegeben und sucht nun ein neues Daheim. «Die Versuchung, herrenlose Tiere mit nach Hause zu nehmen, ist gross», weiss die Lernende nur zu gut.

Das entnommene Blut kommt schliesslich ins Labor im Untergeschoss. Auch hier arbeitet Manon Guggisberg ab und zu. Immer unter Aufsicht. «Ein Fehler könnte weitreichende Konsequenzen haben», begründet sie.

Wie in einer Telefonzentrale

«Tierklinik Thun, Manon Guggisberg.» Telefondienst gehört ebenfalls zum Jobprofil der Lernenden. Und das Telefon klingelt nonstop. «Wie in einer Telefonzentrale. An einem Montagmorgen habe ich einmal 120 Anrufe entgegengenommen.»

Am Telefon werden Termine vereinbart, aber auch Kunden beraten. «Die Tierbesitzer sind sehr unterschiedlich. Einige rufen wegen des kleinsten Hustens ihres Vierbeiners an, andere warten fast zu lange, bis sie sich bei uns melden.» Genau so wie einige Kunden, die ihr Tier wegen einer Bagatelle einschläfern lassen wollen, während andere ihr letztes Hemd für ihre Lieblinge hergeben würden.

Fast so wichtig wie der Umgang mit Tieren ist für eine TPA deshalb der Umgang mit Menschen. «Ich bin empathisch, kann mich sehr gut in Leute hineinversetzen», antwortet Manon Guggisberg auf die Frage, was denn ihre grösste Stärke sei. Mühe bekundet sie hingegen mit Kunden, die unfreundlich, ungeduldig oder sogar aggressiv werden. Etwa am Empfang, wo sie auch regelmässig eingeteilt ist.

Auf dem Weg zur Tierärztin

Neben der Arbeit in der Klinik besucht Manon Guggisberg an einem Tag pro Woche die Berufsschule. «Röntgen, Labor, Sprechstunde und Tiermedizin sind die wichtigsten Fächer», sagt sie. Zusätzlich macht die Kaufdorferin den Vorkurs für die Berufsmatur. Ihr Fernziel: Tierärztin werden. Sie will deshalb nach der Lehre die Berufsmatur machen, danach die Passerelle, welche zur Aufnahme an der Uni berechtigt.

«Manon ist eine schlaue, gewissenhafte, ruhige und gut organisierte Mitarbeiterin, ich traue ihr diesen Werdegang durchaus zu», lobt Klinikleiter Gregor Schmid die Lernende. Und so ist es gut möglich, dass in ein paar Jahren Manon Guggisberg im Operationssaal nicht mehr assistiert, sondern sich assistieren lässt.

Berner Zeitung

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