Klassik in luftiger Höhe

Oberhofen

Das Gaia-Musikfestival fand seinen krönenden Abschluss mit zwei Urauf­führungen, einem originellen Programm und einer Wohnzimmeratmosphäre zum Zurücklehnen.

Der Pantomime Clemens Lüthard griff am Abschlusskonzert des Gaia-Festivals nach einem entflohenen Ballon.

Der Pantomime Clemens Lüthard griff am Abschlusskonzert des Gaia-Festivals nach einem entflohenen Ballon.

(Bild: Raffael Thielmann)

Im finnisch angehauchten Englisch beplaudert Klarinettist Christoffer Sundqvist sein Publikum: «This ist the transcription of the transcription of the Spanish Dance . . .» Zu Deutsch: «Das ist die Umschreibung der Umschreibung des Spanischen Tanzes aus der Oper ‹La vida breve› von Manuel de Falla.»

Der Komponist Fritz Kreisler schrieb das Opernwerk für Klavier und Geige um. Sundqvist wiederum ersetzt den Violinpart durch «seine kleine Klarinette», wie er bescheiden erklärt. Durch seine Virtuosität meistert das Duo die schwierigen Läufe mit Fulminanz und wippender Stirnlocke.

Märsche zum Tanzen

Zuvor brillieren Shirinyan und Cédric Pescia am Flügel vierhändig mit drei Militärmärschen op. 51 von Franz Schubert. Mit Militärmärschen wird oft ein zackiger Zweivierteltakt assoziiert. Schubert jedoch marschiert anders. Zweivierteltakt ja, aber hier scheinen Soldaten eher zu tanzen, als sich in Reih und Glied fortzubewegen.

Dazu übersetzt Cédric Pescia sein Spiel mimisch – bei ernsteren Passagen bilden sich Steilfalten auf der Stirn, während er bei melodiösen Stellen frech-fröhlich dreinblickt. Nicht nur der Schweizer Pianist erfreut rund 200 Gäste im Saal des Klösterli mit verzücktem oder hoch konzentriertem Minenspiel.

Den Musikerinnen und Musikern auf kurze Entfernung ins Gesicht schauen zu können, macht das Gaia-Festival zu einem Musikerlebnis fernab von Fracksteife oder Distanz haltendem E-Musik-Vortrag. Hier steht das «E» für echt und enthusiastisch! Unter die Haut gehen auch die «Ungarisch-jüdischen Melodien» von Raymond Dean in einer Erstaufführung, die von Gwendolyn Masin (Violine), Lars Anders Tomter (Viola), Dóra Kokas (Cello) und Christoffer Sundqvist (Klarinette) präsentiert werden. Volksweisen Hand in Hand mit bezaubernden Klezmerklängen bezirzen bittersüss, melancholisch bis romantisch.

Uraufführung trifft Akrobatik

Erwartungsfrohes Gemurmel macht sich kurz vor der Uraufführung der Stücke «Bourlesque» und «Andante für einen Oberhofner Purzelbaum» breit, die extra von Thomas Fortmann fürs Gaia-Festival komponiert wurden. Jeweils mit Grossaufgebot konzertieren Gina McGuiness, Pil Kyun Paul Kim, Lars Anders Tomter, Vladimir Mendessohn, Dóra Kokas und Natalie Clein als Streichsextett, Christoffer Sundqvist an der Klarinette sowie Cédric ­Pescia am Flügel.

Das rasante Zwölftonwerk «Bourlesque», das tonale Flashs aufblitzen lässt, erfährt clowneske Unterstützung durch den Pantomimen Clemens Lüthard. Wenn ein Koffer Eigenleben entwickelt und einen Menschen mit auf die Reise nimmt, führt das zuweilen auf eine Leiter. Mit beachtlicher Körperbeherrschung balanciert Lüthard in schwindelerregender Höhe und angelt nach einem entfleuchten Luftballon.

«Es ist schlecht, wenn ein Komponist bei einer Uraufführung  überrascht ist.»Thomas Fortmann

Den Oberhofner Purzelbaum absolviert der Pantomime dann in einen Plastikbecher, während die Musikerinnen und Musiker das jazzig zwinkernde Musikstück intonieren. Bravorufe und donnernder Applaus erfreuen nicht nur die Künstler, sondern auch den anwesenden Komponisten, der sich zu einem spontanen Talk mit Direktorin Jacqueline Keller auf der Bühne einlässt.

Denn da der Flügel lahmt und erst repariert werden muss, entsteht eine Pause. Ob er überrascht sei, will Keller wissen: «Es ist schlecht, wenn ein Komponist bei einer Uraufführung überrascht ist», pariert Fortmann. Der Flügel kann wieder musikalisch abheben. Marianna Shirinyan, Gwendolyn Masin und Natalie Clein lassen das Klaviertrio a-Moll op. 50 von Peter Iljitsch Tschaikowsky erklingen.

Mit stehenden Ovationen feiert das Publikum ein fulminantes Abschlusskonzert. Als Zugabe spielt dieselbe Formation den «Tango pathétique» von Peter Kiesewetter, eine Persiflage auf Tschaikowskys Sinfonie «Pathétique» im Zweivierteltakt, und entlässt die Konzertgäste mit einem Schmunzeln.

Thuner Tagblatt

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