«Kirche ist mehr als ein Gottesdienstraum»

Oberland

Rund 30 Kirchen in der Region Thun-Berner Oberland öffnen ihre Türen. Die «Lange Nacht der Kirchen» soll ein anderes, offeneres Bild der Gottes­häuser vermitteln.

Eine offene Bibel und ein Buch, in das man eigene Gedanken eintragen kann, gehören zum Standardangebot in den offenen Kirchen wie hier in Steffisburg – und natürlich Kerzen. «Sie werden am meisten gebraucht», weiss Mitinitiant Thomas Schweizer.

Eine offene Bibel und ein Buch, in das man eigene Gedanken eintragen kann, gehören zum Standardangebot in den offenen Kirchen wie hier in Steffisburg – und natürlich Kerzen. «Sie werden am meisten gebraucht», weiss Mitinitiant Thomas Schweizer.

(Bild: Claudius Jezella)

Eine handvoll Konfirmanden sitzt gerade in der ersten Stuhlreihe zum Gespräch. Später wird der Organist für eine Probe zur Orgel hinaufsteigen. Viel los ist aber nicht an diesem Nachmittag in der Dorfkirche Steffisburg. Das wird am Freitagabend sicher anders sein: Verschiedene Kreistänze stehen ebenso auf dem Programm wie südamerikanische Melodien, Gedichtvorträge, ein Blind Date und ein gemeinsames Agape-Mahl.

Anlässlich der «Langen Nacht der Kirchen» öffnet auch die Dorfkirche ihre Türen von 18 bis 24 Uhr – wie fast 120 weitere reformierte, aber auch katholische Kirchen in den Kantonen Bern, Jura und Solothurn, davon rund 30 allein in der Region Thun-Berner Oberland (siehe Kasten).

«Spiritueller Mittagsschlaf»

Mitinitiant dieses dezentralen Kirchenfestes ist der Steffisburger Thomas Schweizer, der bereits das Projekt «Gastfreundliche Kirchen» zusammen mit anderen initiiert hat. «Circa 90 Prozent der reformierten Kirchen in Bern, Jura und Solothurn sind täglich geöffnet», berichtet Schweizer. «Sie stehen jedem Menschen offen, der Ruhe und Besinnung sucht.»

Innehalten, in der Bibel lesen, einige Gedanken aufschreiben, eine Kerze ent­zünden und für sich oder andere beten. Mit dem Fest am Freitagabend soll dieses Angebot in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden. «Denn früher waren die Kirchen normalerweise zu, und das ist den Köpfen vieler Leute auch heute noch so», weiss Schweizer. Dabei sei das Bedürfnis nach einem Rückzugsort in der hektischen Alltagswelt nach wie vor gross. «Manchmal sind Geschäftsleute zu beobachten, die die Kirchen für einen spirituellen Mittagsschlaf nutzen.»

«Zeigen, was sonst da ist»

Doch Kirchen seien mehr als ein Gottesdienstraum und nicht nur an Frömmigkeit geknüpft. Die «Nacht der Kirchen», die im Aargau, in Österreich und in Süddeutschland schon seit ein paar Jahren durchgeführt wird, soll mit einer Fülle verschiedenster Veranstaltungen einen Eindruck davon vermitteln, «was sonst noch da ist», sagt Thomas Schweizer. «Kirche als Kreativraum», in dem getanzt, gesungen, musiziert, gespielt, gemeinsam gegessen und getrunken werde, nennt er das. «Wir wollen zeigen, was es heisst, gastfreundlich zu sein.» ­Gastfreundschaft und Offenheit seien schliesslich Grundthemen der Bibel und grundlegend für eine Friedens­gesellschaft.

«Die Kirche ist ein Identitätsgebäude für eine Gemeinde. Es ist den Leuten wichtig, dass sie da ist.»Thomas Schweizer, Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn

Dass das Fest in der Nacht stattfindet, ist ebenfalls kein Zufall. Viele wichtige Er­eignisse in der Bibel wie die Geburt Jesu oder das letzte Abendmahl spielten sich in der Nacht ab. «Zudem strahlen Kirchen in der Nacht nicht zuletzt durch das lebendige Licht der Kerzen eine ganz besondere Atmosphäre aus», so Schweizer.

Und so könnten die Veran­staltungen rund um die «Lange Nacht der Kirchen» einen Fingerzeig liefern, wofür Kirchen auch in Zeiten rückläufiger Mitgliederzahlen und Gottesdienstbesucher sonst noch stehen könnten, glaubt der Mitinitiant. Schweizer nennt das Beispiel der Dorfkirche in Steffisburg. «Es kommen 80 bis 90 Leute in den Gottesdienst, die sozusagen den Teil ausmachen, der die Vereinskultur aktiv pflegt. Wir haben aber allein 450 freiwillige Mitarbeiter.» Und der Teil, der die Kirche für Beerdigungen, kirchlichen Unterricht, Konzerte oder Ähnliches innerhalb von zwei Jahren mindestens einmal be­trete, liege bei circa 60 Prozent der Bevölkerung und damit deutlich höher, als man denke.

Kirchen verkaufen?

Komme hinzu, dass die Kirche ein Identitätsgebäude für eine Gemeinde sei. «Es ist den Leuten wichtig, dass sie da ist, auch wenn sie sonst nicht viel mit der Kirche zu tun haben», meint Schweizer und verweist auf die jüngsten, sehr lebhaften Diskussionen um die mögliche Schliessung der Johanneskirche in Thun.

Dabei spielten auch die bis zu 1,50 Meter dicken Kirchenmauern eine Rolle, die Verlässlichkeit symbolisierten. Und so glaubt Thomas Schweizer, dass die Kirchen nicht so schnell verschwinden werden aus dem Bild der Dörfer und Städte, trotz rückläufiger Einnahmen durch die Kirchensteuer bei gleich bleibend hohen Kosten für den Unterhalt. Und wenn die eine oder andere Quartierkirche tatsächlich mal vermietet oder verkauft werden sollte, käme ohnehin zuerst eine Umnutzung in­frage, die auf Gastfreundschaft und Nächstenliebe beruhe. «Vom Verkauf von Kirchen sind wir zum Glück in Steffisburg noch weit entfernt.»

Thuner Tagblatt

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