Saanen

Ironie und Tiefe als Schmiermittel

SaanenEs gab viel zu schmunzeln an der Eröffnung des Menuhin Festival – bei Rossini und Haydn jedenfalls. Schliesslich heisst das Motto «Ironie&Musique». Bei Ravel gesellte sich die klangliche Orgiastik hinzu. Mit Pianosolist Jean-Yves Thibaudet, der beseelt in die Tiefe tauchte.

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Humorlose Menschen seien zu meiden. Das meinte jüngst pointiert der grosse Pianist András Schiff in einem «Bund»-Interview. Er war auf das Motto des Menuhin Festival Gstaad angesprochen worden («Ironie&Musique») und plädierte dafür, doch auch gerne an den klassischen Konzerten zu lachen – zumindest dort, wo es angebracht ist.

Auch Verwaltungsratspräsident Leonz Blunschi gab sich beim Apéro zur Eröffnung des Festivals am frühen Donnerstag gewohnt launisch und (selbst-)ironisch (siehe People dazu unten). Er begrüsste es ebenso, das der Klassik anhaftende E nicht über Mass zu strapazieren. Im Gegenteil: Ironie und Humor seien beste Türöffner, damit junge Interessierte oder solche aus anderen Sparten angelockt werden können.

Geschmeidig und witzig

Lockend-locker ging es auch am ersten Konzert in der vollen (und sogar von Bundesrat Johann Schneider-Ammann besuchten) Kirche Saanen zu und her – zumindest bei den Herren Gioacchino Rossini und Joseph Haydn, die beim geschmeidig, in allen Registern sehr lebendig aufspielenden Kammerorchester Basel bestens aufgehoben waren.

Es kitzelte den witzig-wachen Geist der Rossini-Ouvertüre «Il Signor Bruschino» spritzig-hell heraus – angespornt von Dirigent Umberto Benedetti Michelangeli, der einen dynamischen, bis ins witzige Schulterzucken hinein körperintensiven Dirigierstil pflegt.

In Haydns Sinfonie Nr. 94 mit dem bekannten Surprise-Effekt des Paukenschlags – einem fortissimo gespielten Akkord, der angeblich «die Damen wecken» sollte – kannte die Spiellust zwischen zaghaft barocken Anklängen bis hin zu ausladender Opernhaftigkeit keine Grenzen mehr.

Der Basler Klangkörper und Michelangeli übten sich bei stets hoher Intensität augenzwinkernd in Tempoverzögerungen und -beschleunigungen. Die Respighi-Zugabe («Antiche danze ed arie») animierte den schier ungebremst Energie verströmenden Dirigenten erst recht zum virtuosen Herumreichen betörender Klangwolken.

Kühnheit und Magie

Die Ironie war aber nicht das einzige erfolgversprechende Schmiermittel des Abends. Bei Maurice Ravel und seinem Klavierkonzert in G-Dur zeigte der smarte Jean-Yves Thibaudet (53), dass er mit kühnen Anschlägen und hoher Phrasierungskunst zu den führenden Pianisten der Zeit zählt. Und sehr gerne in der Tiefe badet – klanglich, wohlverstanden.

Das Adagio assai ist der Kontrapunkt zur bewegt-verspielten Klangorgiastik der Sätze 1 und 3: Stille, Magie und Anmut zulassen, ihnen Seele einhauchen, sie formen, füllen und genussvoll auskosten, das kann der Artist-in-Residence, der sich zum Schwelgen gerne in Rückenlage begibt und gezielt das Pedal einsetzt.

Berückend auch das prägnante Zusammenspiel mit Harfe, Englischhorn und Oboe. Poetische Linien voller romantischer Innigkeit zeichnete Thibaudet auch in der gewährten Zugabe von Brahms, dem Intermezzo op. 118 Nr. 2. Die Begeisterung war gross. Auch, weil es hier nichts zum Schmunzeln gab.

Weitere Auftritte von Jean-Yves Thibaudet: am Samstag mit Cellistin Sol Gabetta in der Kirche Saanen (19.30 Uhr), am Sonntag mit dem Bennewitz Quartet im Temple de Château d’Œex (17.30 Uhr). (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 18.07.2015, 15:17 Uhr

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