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«Im Oberwallis hat es ein grosses Fanpotenzial für den FC Thun»

Der langjährige Fifa-Präsident Sepp Blatter sprach am Rande der Generalversammlung des FC Thun über seine grosse Leidenschaft: den Fussball. Er liess durchblicken, dass ihn der Abgang beim Weltfussballverband nach wie vor schmerzt.

Der ehemalige Fifa-Präsident Sepp Blatter im Interview.

Stade de France in Paris, Seoul-World-Cup-Stadium, Allianz-Arena in München, Soccer-City-Stadium in Johannesburg, Arena de São Paulo und jetzt Stockhorn-Arena: Das klingt irgendwie nach Abstieg.Sepp Blatter: Das sehe ich nicht so. Ich bin vom Fussball fasziniert und rede gerne darüber. Wo ich das mache, ist mir nicht wichtig. Entscheidend ist, dass die Leute zuhören. Und das war in Thun der Fall. Ganz nebenbei ist die Stockhorn-Arena eine schöne Begegnungsstätte. Sie muss einfach möglichst oft mit Leben gefüllt werden, damit sie dies auch bleibt.

Als Fifa-Präsident waren Sie sich jahrzehntelang Glamour gewohnt. Der FC Thun steht eher für Schlichtheit und Bodenständigkeit. Wieso haben Sie sich entschieden, ausgerechnet hier als Referent in Erscheinung zu treten?Als die Anfrage von Thun kam, habe ich keine Sekunde gezögert. Ich liebe den Fussball und teile meine Leidenschaft gerne mit anderen. Kommt hinzu, dass ich mit Thun viele Erinnerungen verbinde. Ich spielte in jungen Jahren beim FC Visp. Damals trugen wir zwei Freundschaftsspiele gegen Thun aus. Sie sind mir sehr präsent. Sie waren voller schöner Emotionen. Übrigens, Thun ist dank dem Lötschberg-Basistunnel dem Wallis nahe gerückt. Ich bin überzeugt, dass das Oberwallis auch über ein Fanpotenzial für den FC Thun verfügt.

Aber als Walliser kann doch das Herz nur für den FC Sion schlagen.Nein, das muss nicht sein. Ich beispielsweise bin selber überhaupt kein Fan des FC Sion. Dort spielen ja keine Oberwalliser mehr. Mein Herz schlägt nur für den FC Visp. Und vielleicht noch etwas für Real Madrid.

Als bekannt wurde, dass die FCT-Führungsriege Ihnen an der Generalversammlung eine Plattform gibt, gab es bei den Fans ­böses Blut. Haben Sie dies mitbekommen?Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann. Das haben schon grosse Dichter gesagt. Fussball soll Menschen zusammenbringen, auch wenn sie nicht immer einig miteinander sind. Aber zumindest anhören sollte man alle Menschen. Aus diesem Grund bedanke ich mich beim FC-Thun-Präsidenten Markus Lüthi, der den Mut hatte, mich einzuladen. Und bei den Aktionären, die den Mut hatten, mich anzuhören.

Der ehemalige Fifa-Präsident spricht bei der Generalversammlung des FC Thun über die Macht des Fussballs und die Verantwortung der Fifa. Video: Martin Bürki

Die Fifa und Sie kommen nicht aus den negativen Schlagzeilen heraus. Jüngst hat die Fifa-Ethikkommission ein Verfahren gegen Sie eröffnet. Macht Sie das ­wütend?Nein, eher traurig. Aber als schlimm habe ich die Eröffnung der neuen Untersuchung nicht empfunden. Wir werden entsprechend reagieren. Getroffen hat mich, dass ich ohne ein Merci oder Adieu von der Fifa verabschiedet wurde. Aber das ist vorbei. Ich schaue nach vorne. Mich stellen Anlässe wie die Generalversammlung des FC Thun auf. Hier kann ich darüber reden, was wir alles gemacht haben. Und ich kann Dinge klarstellen. Und wenn ich merke, dass ich respektiert werde, dann tut mir dies natürlich gut.

Als Sie vor über 40 Jahren bei der Fifa angefangen haben, war der Fussball einfach ein Spiel. Mit dem vielen Geld, das nach und nach in den Fussball geflossen ist, konnten Entwicklungsprojekte realisiert werden. Es gab aber auch Schattenseiten. Korruption, Bestechung, Interessenkonflikte. Haben Sie ein Monster geschaffen?Mein Vorgänger João Havelange hat mir dies einmal genau so gesagt. Aber ich bin nach wie vor überzeugt, dass die Fifa grundsätzlich kontrollierbar ist. Auch wenn es vereinzelt Gangstern gelungen ist, Positionen zu besetzen. Was diese Leute gemacht haben, hat aber nichts mit den Tätigkeiten der Fifa zu tun. Es ist unfair, ja schlicht falsch, wenn die Amerikaner behaupten, die Fifa sei eine mafiöse Organisation. Was immer wieder vergessen geht: Mit dem Geld haben wir viele Entwicklungsprojekte in aller Welt realisiert. Die Fifa hat Frieden gestiftet, wir haben immer wieder Diplomatie auf höchster Ebene initiiert. Wenn die Fifa nicht die wirtschaftliche Macht geworden wäre, die sie jetzt ist, wäre dies nie möglich gewesen. Auf der ganzen Welt sind 1,6 Milliarden Menschen auf irgendeine Weise mit dem Fussball verbunden. Dass ein Sepp Blatter die Verantwortung für alle übernehmen kann, ist etwas viel verlangt.

«Dass ein Sepp Blatter die Verantwortung für alle übernehmen kann, ist etwas viel verlangt.»

Aber Sie haben doch auch Fehler ­gemacht, oder?Ich habe mich mein ganzes Leben für den Fussball eingesetzt. Das Spiel stand immer im Zentrum meines Handelns. Ich habe mich dabei jederzeit an zwei Grundsätze gehalten, die mir mein Vater mitgegeben hat: Nimm nie Geld an, dass du nicht verdient hast. Und: Zahl immer deine Schulden. Mich verletzt, wenn Menschen über mich ur­teilen, ohne mich angehört zu ­haben.

Vor etwas mehr als einem Jahr endete Ihre Zeit als Fifa-Präsident. Damit hatten Sie auf einen Schlag viel Freizeit. Ist Ihnen langweilig?Nein,überhaupt nicht. Ich werde regelmässig für Referate angefragt. Am Donnerstag spreche ich beispielsweise an der Universität Bern. Daneben macht es mir Freude, meine Fanpost zu beantworten. Weiter arbeite ich an einem Buch mit dem Thema: «Hat der Fussball einen Einfluss auf die Gesellschaft oder die Gesellschaft auf den Fussball?». Ich analysiere dabei, wie sich der Fussball in den letzten hundert Jahren entwickelt hat. Das ist sehr spannend. Am Anfang war es nur ein Spiel, und zwar das schönste auf der Welt. Heute ist es ein soziokulturelles Ereignis. Fussball ist ein wichtiger Wirtschaftszweig mit grossem Einfluss auf die Politik.

Sie haben sich an der GV als heimlicher Sympathisant des FC Thun zu erkennen gegeben. Was trauen sie der Mannschaft heuer noch zu?Was die Verantwortlichen beim FC Thun machen, ist aussergewöhnlich. Das ist auch mir nicht verborgen geblieben. Ganz nebenbei finde ich es schade, dass die Stadt den Wert des FCT noch nicht erkannt hat. Sie müsste sich doch deutlich mehr engagieren. Die Mannschaft ist zwar schlecht gestartet, aber ich war am Sonntag im Tourbillon. Die Art und Weise, wie das Team gespielt hat, war beeindruckend. Mit dieser Leidenschaft und dem Einsatz muss es einfach bergauf gehen. Der nächste Match ist gegen St. Gallen. Da müssen drei Punkte her. Ich habe keine Zweifel, dass dies den Thunern gelingt.

Schauen wir noch in die Zukunft: Hat ein Sepp Blatter mit 80 Jahren noch Träume?Reisen muss ich nicht mehr, aber ich habe nun die einmalige Gelegenheit, zusammenzufassen, was der Fussball der Gesellschaft gegeben hat. Das ist jetzt mein Lebenswerk.

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