«Iiisatz Giele! Iiiisatz!»

Thun

Der FC Thun verliert seinen treusten Fan und die Stadt eine Figur: Miklós Horváth hielt dem Club auch in schlechten Zeiten die Treue. Eine Würdigung.

Treuer FC Thun-Fan und Stadtoriginal: Miklós Horváth ist im Alter von 88 Jahren verstorben.

Treuer FC Thun-Fan und Stadtoriginal: Miklós Horváth ist im Alter von 88 Jahren verstorben.

(Bild: PD/E+B AG Spiez, A. Hemmi)

Der Stadtclub dümpelte in den Niederungen der 2. Liga, während die Quartierclubs Dürrenast und Lerchenfeld in der 1. Liga auftrumpften. In den 70er-Jahren war es schwer für die letzten paar Seelen des FC Thun, wenn sie an einem verregneten Sonntagmorgen im Lachenstadion in Partien gegen Sparta, Minerva, WEF oder sogar Allmendingen ihre Farben unterstützten.

Treu immer dabei: Miklós Horváth. Er war 1956 als junger Mann beim Ungarnaufstand in die Schweiz geflüchtet und hatte als emsiger Dreher bei der Firma Bieri Pumpenbau in Münsingen sofort Arbeit gefunden. 40 Jahre fehlte er am Arbeitsplatz keine Stunde (!), fleissig und pflichtbewusst.

Und vermutlich verpasste er in all den Jahren auch kaum ein Heimspiel des FC Thun, sein «Iiisatz Giele!» ist legendär. Generationen von Junioren ist er bekannt, immer einen flotten Spruch auf den Lippen, immer ein Lächeln im Gesicht, immer mit einem Trost, wenn eine Partie unglücklich verloren ging. Er sah den Aufstieg des 2.-Liga-Clubs in die Champions League – ein Märchen in einem Fanleben.

Er lächelte nachsichtig in sich hinein, wenn plötzlich viele, auch Thuner Politprominenz, den Schal seines Clubs trugen und sich im Erfolg mitsonnten. «Gäu, so isch Läbe, ou, ou, ou...»

Miklós war ein Mensch mit einem grossen Herz. Sein Lachen füllte die Hauptgasse, als diese noch Leben bedeutete und nicht nur Nachtleben. Die Bewohner kannten sich, man führte über die Gasse einen Schwatz mit dem Nachbarn vis à vis, half sich aus, eine grosse Familie – und Miklós Horváth mittendrin.

Galt es einen Marktstand aufzustellen oder rasch ein paar Stühle am Aarequai vom Tau zu trocknen, Miklós packte sofort an. Zeit hatte er: Die Ehe mit «Vreneli», einer lustigen Steffisburgerin mit roten Wangen wie eine Babuschka, blieb leider kinderlos. Seine Familie war die Hauptgasse und der FC Thun. Mächtig war sein Stolz, als er 1988 den Schweizer Pass erhielt. In seinem Herzen nahm aber Ungarn stets einen grossen Platz ein. Nach dem Mauerfall konnte er seine alte Heimat mehrfach bereisen, Györ, an der Donau.

Wo Miklós war, schien die Sonne, aber auch die Grosszügigkeit. Manchem in Not steckte er eine Note zu, kochte ein wunderbares Gulasch und hörte sich die Sorgen an. Seine Verwandten aus Ungarn, die ihn in Thun besuchten, verliessen die Stadt mit Grosspackungen von Schokolade. Er selbst lebte hier äusserst bescheiden, finanzierte aber Nichten in Ungarn Wohneigentum.

Viele kannten ihn aber auch als emsigen Spaziergänger. Tagtäglich marschierte Miklós seine Runden, auch bei Schnee und Regen – mit eisigster Disziplin. Oft gings hinaus zum Lachenstadion, man konnte ihm aber auch auf dem Jakobshübeli begegnen oder im Bonstettenpark oder bei der Uttigenbrücke – Miklós war ein Leben lang jeden Tag flott zu Fuss unterwegs.

Noch bevor uns Wanderpäpste und Walkingexperten erklärten, tägliche Bewegung sei die beste Form von Prävention, lebte er diese und pries sein Rezept auch an. «Gäu muesch bewege, süsch Roscht, gäu, ha, ha, ho, ho», sagte er in seinem ungarisch eingefärbten Deutsch. Bis ins hohe Alter machte er täglich eine halbe Stunde seine Gymnastikübungen.

Miklós Horváth starb nach längerem Unwohlsein im Pflegeheim der Schüpbach-Stiftung im Alter von 88 Jahren. Eine grün-rot-weisse Flagge mit einem Schweizerkreuz ziert sein Grab und das seiner Frau auf dem Stadtfriedhof.

Thun verliert ein Original, Ungarn einen lachenden Botschafter und die Welt einen liebenswürdigen, grosszügigen Menschen voller Humor.

Peter Salvisberg ist ehemaliger Junior des FC Thun

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