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Hoher Blödsinn, tiefe Momente

«Textur» heisst das neue Stück von «Schertenlaib und Jegerlehner» in der Alten Oele in Thun. Der Gummi-Begriff vereint Wortjonglage und Weltmusik zu einer Show knapp vorbei am Verstand.

«Schertenlaib und Jegerlehner»
«Schertenlaib und Jegerlehner»
Patric Spahni

Im vollgestopften Saal des Kleintheaters Alte Oele verbreitet sich eine Stimmung des innerlichen Händereibens. Das neue Programm von Schertenlaib und Jegerlehner, «Textur», trägt den Zusatz «Sehnsuchtsgroove und Texte ihrer selbst» und beginnt mit einem auf dem Stuhl stehenden Jegerlehner (Gerhard Tschan) im himmelblauen Anzug und einem bodenständigen, nachtblau berockten Schertenlaib (Michel Gsell) – beide bewaffnet mit Melodicas, auf denen sie in schmissiger Weise spielen.

Doch das wird der einzige Moment bleiben, der sich dem Publikum von oben herab präsentiert. Vielmehr schrammen die Träger des Salzburger Stiers und des Prix Cornichon knapp am eigenen Verstand vorbei und leben Gedanken aus, denen man selbst eher den Mund verbietet.

Überhaupt, Gedanken: «Wo göh si häre, zu öpper angerem, wo se dänke?» Schertenlaib regt sich über Redensarten auf. Der Weg ist das Ziel? Weg ist doch Weg, und Ziel ist Ziel. Eulen nach Athen tragen. Wieso tragen? Die können doch fliegen?! Alles für die Katz? Nicht gut – für die Katz. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. «Die angere chöme obenabe?»

Alles ist möglich

Bei einem Musikstück versichert Jegerlehner teils in bestem Mezzosopran, dass alles möglich ist. Angesichts des Liedvortrags, in dem er übermütige Purzelbäume schlägt, glaubt das Publikum jedes Wort.

Die Klangfarben seiner Singstimme wechseln vom Satchmo-Reibeisen zu geschmetterten Passagen und dem Sound einer gestopften Trompete bis zum spitz ausgestossenen «Ah!», das er beim Lied über das Schichten von Geschichten einer Fichte zum Besten gibt. Schertenlaib besticht durch einen samtenen Bariton. Herrlich, wenn er vom Schlagzeugsolo im Stehen plötzlich in eine Art Tai-Chi rutscht oder bei einer folkloresken Akkordeonpassage seines Partners einen taumeltänzerischen Volkstanz aufs Parkett legt.

Träume ausmalen

Eine ersichtliche Struktur besitzt das Programm genauso wenig wie langweilige Momente. Gespickt mit musikalischen Kleinoden von Walzer, Rock’n’Roll, Fönk, Blasmusik, wobei die Blechbläser aufgeblähte Backen der Künstler liefern, bis hin zu Tango und Folklore, schäumt die Show musikalisch über. Jegerlehner hat seine vielen Yoga- und Fitnessabos nicht mehr im Griff. Im Hausgang türmen sich die Säcke und Harassen seiner Gemüseabonnements.

«Wir gehen gerne ins Theater, aber wir gehen nicht.» Wovon er träume, will Schertenlaib von Jegerlehner wissen. Der singt vom grossen Glück und zeigt eine lebhafte Beinarbeit beim Akkordeonspiel. Träume verwirklichen? Das sei Blödsinn, protestiert Jegerlehner. Was mache man dann im Alter, wenn alle Träume wahr geworden seien: «I wott de Träum usmale u nid Mandalas.» Aus der gezückten schwarzen Kladde liest Schertenlaib regelmässig von einem Paar vor, dem unterwegs das Benzin auszugehen droht.

«Wir reden von Benzin, aber wir meinen Liebe», lautet die Schlussbotschaft. Benommen von den prasselnden Eindrücken, sitzt die Schreiberin dieser Zeilen im Zug nach Hause. Zwei Sitze vor ihr verspeist ein Bärtiger mit Wollmütze ein Baguette mit Schinken und beobachtet sich dabei in der Spieglung des Fensters. Ob ihr der Spiegelmampfer ohne die gerade genossene Welt von Schertenlaib und Jegerlehner aufgefallen wäre? Eben.

Tourenplan:www.schertenlaibundjegerlehner.ch.

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