Heisser Politherbst

Der Kommentar von Stefan Geissbühler zur überraschenden Stapi-Kandidatur von Matthias Zellweger.

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Stefan Geissbühler

Der heisse Thuner Politsommer geht in die Verlängerung. Nach der Selbstzerfleischung der BDP im August – ein Mitglied lief nach Richtungskämpfen bekanntlich zur SVP über, zwei zur FDP – wartet der Thuner Architekt Matthias Zellweger mit einer faustdicken Überraschung auf: Der ehemalige Stadtrat kandidiert als Gemeinderat und greift den amtierenden Stadtpräsidenten Raphael Lanz (SVP) an.

Der umtriebige Zellweger tut dies als Parteiloser, will heissen, dass er nicht auf eine starke Wählerbasis zählen kann. Das ist eine schwierige Ausgangslage. Um Stadtpräsident zu werden, muss er in den Gemeinderat gewählt werden.

Ob Zellweger das schaffen wird, hängt davon ab, ob und wie er wird mobilisieren können. Sein unbescheidenes Motto: Mit seiner Kandidatur habe Thun die Chance, die Exe­kutivpolitik neu zu definieren.

Das mit der Parteibasis sieht bei Raphael Lanz anders aus. Tritt er nicht noch in ein Fettnäpfchen – und solche weiss er elegant zu umgehen –, wird es schwierig sein, ihn vom Thron zu stossen.

Sein Parteikollege Roman Gimmel dürfte die Wahl dank der starken SVP-Basis schaffen, in einer ähnlichen ­Situation ist der bisherige SP-Gemeinderat Peter Siegenthaler.Unklar ist, ob die SP ihren zweiten Sitz in der Stadtregierung – jenen der zurücktretenden Marianne Dumermuth – verteidigen kann.

Mit Andrea de Meuron von den Grünen greift eine Politikerin an, die auch im Kantonsparlament auf sich aufmerksam macht. Offen ist, ob SP-Co-Präsidentin Katharina Ali-Oesch oder Pfarrerin Margrit Schwander den Angriff parieren können.

Und ebenfalls offen ist, ob Baudirektor Konrad Hädener (CVP) die Wiederwahl schaffen wird. Er wurde vor vier Jahren unter anderem dank gütiger Unterstützung der nun zerstrittenen BDP gewählt. Mit Blick auf Hädener ist auch an die desolate Baustellensituation in Thun zu denken, deren negative Auswirkungen automatisch dem Baudirektor angelastet werden – egal, ob er nun einen guten oder einen schlechten Job abgeliefert hat.

Und da ist noch ein weiterer Sprengkandidat: Carlos Reinhard (FDP) möchte der Stadtpolitik Impulse geben. Er setzt auf seinen Bonus als ehemaliger Grossratspräsident, die einst staatstragende FDP hat die besten Zeiten jedoch hinter sich. Frischer Wind in der Regierung oder Kontinuität? Die Thunerinnen und Thuner haben die Wahl. Eines ist klar: Das wird ein heisser Politherbst.

Thuner Tagblatt

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