Haute Couture aus dem Selve-Areal

thun In der Region entworfen, in der Region hergestellt: Sabine Portenier schaut bei ihren Haute-Couture-Kreationen nicht nur auf Ästhetik und Tragkomfort, sondern auch auf grösstmögliche Nachhaltigkeit.

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Transparente Stoffe, die an Insektenflügel erinnern. Textilien, die glänzen wie der Panzer eines Käfers. T-Shirts, von der Illustratorin Sarah Haug mit Krabbeltieren handbemalt. «Julia in the Bug Wonderland» (Julia im Käfer-Wunderland) heisst die aktuelle Kollektion der Thuner Designerin Sabine Portenier (45). Wer ist die Frau hinter den extravaganten Kreationen? Wer ist die Frau, die zweimal den Eidgenössischen Preis für Design gewonnen hat und vom Architekturmagazin «Hochparterre» mit dem Goldenen Hasen ausgezeichnet wurde? Die mit dem Atelierstipendium der Stadt Thun ein halbes Jahr in Berlin verbrachte, bei Hugo Boss im Tessin arbeitete und bei Didier & Angelo in Paris?

Kein extravaganter Paradiesvogel empfängt den Journalisten an der Scheibenstrasse 6 im Thuner Selve-Areal, sondern eine geerdete Frau: weisses T-Shirt mit dem Aufdruck «Protect me from what I want» («Hat mir mein Mann aus New York gebracht»), schwere Halskette, Jupe aus der eigenen Kollektion und silberne Sandalen. Hier, am westlichen Ende der Konzepthalle 6, schlägt das Herz von Porteniers Suburban Collective GmbH. Kleider und Gürtel aus eigener Produktion sowie Schmuck und Keramik von anderen Kunstschaffenden stehen zum Verkauf.

Fashion aus der Region

Aber da ist noch mehr: Sechs Nähmaschinen, die bereits mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel haben, warten darauf, dass auf ihnen die Herbstkollektion genäht wird, die sich zurzeit noch im Entwurf befindet. «Für ein kleines Label lohnt es sich nicht, günstig im Ausland produzieren zu lassen. Das rechnet sich erst ab grossen Stückmengen», sagt Sabine Portenier. «Zudem verliert man als Designerin die Kontrolle über die Kollektion, wenn sie auf der anderen Seite der Welt produziert wird.» Das ist aber nicht der Hauptgrund dafür, dass sie ­ihre Kleider in der eigenen Produktion in Thun, in einer Trachtenschneiderei in Grosshöch­stetten und in der textilen Fachschule IDM herstellen lässt und Stoffe europäischer Herkunft verwendet.

«Die künftige Trägerin des  Kleidungsstückes ist für mich zentral. Sie soll sich wohlfühlen.»Sabine Portenier

«Es geht mir vor allem um Nachhaltigkeit», betont sie. «Transportwege von mehreren Tausend Kilometern, Ausbeutung und Kinderarbeit, die Behandlung der Stoffe mit gesundheitsschädlichen Chemikalien – das alles ist für mich unakzeptabel.»

Dass Swiss made die Preise in die Höhe treibt, versteht sich von selbst. «Aber dafür stimmt die Qualität, womit ein Kleidungsstück langlebiger ist als ein Billigprodukt, das nach ein paarmal Tragen weggeworfen wird. Hinzu kommt: Meine Kleider sind zeitlos, sie haben kein Verfalldatum.» Bezeichnend sei, dass es in ihrem Lokal an der Scheibenstrasse mit den Kundinnen keine Diskus­sionen über die Preise gebe. «Sie sehen, was wir machen, und verstehen.»

Zwischen zwei Polen

Bei ihren Kollektionen bewegt sich die Thuner Designerin zwischen zwei Polen. «Nur mit extravaganten Kreationen kann man sich einen Namen machen. Das reicht aber nicht, um davon leben zu können», sagt sie und deutet auf eine Büste mit einem langen Kleid. «Sehr wahrscheinlich werde ich davon nicht ein Stück verkaufen», mutmasst sie. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, muss sie alltagstauglichere Kleider an die Frau bringen – wie etwa jene T-Shirts, die sich durch Schnitt und Verarbeitung von der 08/15-Mode abheben.

Wenn Sabine Portenier eine neue Kollektion in Angriff nimmt, wird sie zu einer Jägerin und Sammlerin: «Filme, Bilder, Situationen, Farben, Materialien, Gerüche, Länder, Gebäude, Epochen, Handwerkstraditionen . . . ich sammle alles, was mich interessiert», beschreibt sie ihr Vorgehen. «Dann mache ich eine Auslegeordnung und ziehe eine Texterin bei, die aus meinen ­Gedanken und Vorstellungen das Kollektionskonzept niederschreibt.» Dieses sei zwar nicht in Stein gemeisselt, bilde aber den Fixpunkt der weiteren Arbeitsschritte. «Ich stelle grosse Boards auf und platziere auf ihnen jene Elemente aus der Sammelphase, die ich weiter verwenden will.» Viele Designer kreieren ihre Kleider auf dem Reissbrett. Sabine Portenier hingegen arbeitet so bald als möglich an der Büste. «Die künftige Trägerin des Kleidungsstückes ist für mich zentral. Sie soll sich wohlfühlen. Die Büste ist für mich ein wichtiges Arbeitsmittel, um dieses Ziel zu erreichen.»

Design im Vordergrund

Dass Sabine Portenier den von ihr gewählten Weg einschlagen würde, hatte sich bereits früh abgezeichnet. Dass sie es von klein an liebte, sich zu verkleiden, ist noch kein eindeutiges Indiz. Das tun mehr oder weniger alle Kinder. Portenier begann aber bereits mit vier Jahren, Erfahrungen mit der elektrischen Nähmaschine zu sammeln. «Nähen war das Hobby meiner Mutter; sie brachte mir die Grundlagen bei, und ich versorgte von da an ­meine Familie und Freunde mit meinen Eigenkreationen.» Nach der Schule machte Portenier aber keine Schneiderinnenlehre, sondern besuchte den Semer. «Schon damals interessierte mich das Designen mehr als das Arbeiten nach Kundenwünschen», begründet sie diesen Schritt.

Als sie das Lehrerinnendiplom in der Tasche hatte, holte sie die Schneiderinnenlehre in verkürzter Form nach, unterrichtete an der damaligen Schlossbergschule in Thun und studierte danach in Basel vier Jahre Design. Es folgten die eingangs geschilderten Lehr- und Wanderjahre, die Heirat und das erste Kind. «Die Modebranche ist nicht kinderfreundlich. Man hat einen ständigen Termindruck und ist dauernd unterwegs.» Als das zweite Kind unterwegs war, machte sie sich mit ihrer Berufskollegin Evelyne Roth selbstständig; zusammen gründeten sie das Label Portenier Roth. 2015 trennte sich das erfolgreiche Duo, und Portenier hob mit ihrem Mann die Firma Suburban Collective GmbH aus der Taufe.

Zurzeit stehen die Nähmaschinen an der Scheibenstrasse 6 still – Sabine Porteniers Hauptbeschäftigung ist das Bewerben ihrer «Julia»-Kollektion. Sie nutzt ihre Kontakte zu Medien und Stylisten und versucht Letztere davon zu überzeugen, ihre Kleider bei den Shootings zu verwenden. Parallel dazu wird die Winterkollektion produziert und die Sommerkollektion 2018 entwickelt.
Sabine PorteniersKollektionen sind erhältlich bei: Suburban Collective GmbH, Scheibenstrasse 6, Thun (Öffnungszeiten: Mi–Fr 13–17.30 Uhr, Samstag 10–16 Uhr. Rytz, Textile Kompositionen, Brunngasse 54, Bern (Öffnungszeiten: Mi–Fr 10.30–18.30 Uhr, Sa 10–16 Uhr. www.portenier.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.08.2017, 17:28 Uhr

Sommerserie

Bedeutende Töchter und Söhne des Berner Oberlandes

Das Oberland wird gerne als Randregion bezeichnet. Und dies, obwohl es immer wieder Menschen hervorbringt, die wichtige Rollen in Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft oder Sport einnehmen. Das «Thuner Tagblatt» und der «Berner Oberländer» porträtieren in ihrer Sommerserie bedeutende Töchter und Söhne des Oberlandes. Es sind Personen, die teilweise der breiten Öffentlichkeit nicht so bekannt sind. Sie sind hier aufgewachsen oder haben lange hier gelebt und sind damit in besonderem Masse mit der Region verbunden.

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