Gezänk und Hosenlupf – ganz ohne Moralin

Es fliegen die Fetzen. Es geifern die Weiber. Es keimt und siegt – die Liebe. Gotthelfs Roman «Ueli der Knecht» am Landschaftstheater Ballenberg wirkt zugriffig und berührend zugleich.

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Feindselig stellen sich ihm die Bediensteten des Glunggenhofs in den Weg. Denn das mögen sie nicht: Knecht Ueli – eben vom Bodenbauer (Rolf Zumbrunn) mit dessen Empfehlung und Einwilligung für den «Transfer» freigegeben – soll hier für mehr Ordnung und neuen Schwung sorgen.

Wen wundert’s , dass er auf offene Ablehnung stösst, wo bis jetzt alle tun und lassen konnten, wie es ihnen grad passte. Ueli – doch auch gar schmächtig – wird gerempelt, auf den Miststock geschubst, zum Hosenlupf herausgefordert. Den er erst noch gegen robustere und grossmäuligere Kaliber gewinnt. Was die Sache für Ueli nicht einfacher macht.

Klar ist schon sehr schnell: Hier auf dem Hof gibt Glunggenbauer Joggeli (Paul Eggenschwiler) die beredt-grännige und entscheidungsschwache Figur ab. Seine Frau (Brigitte Keller) ist es immerhin, die den Realitätsbezug hat. Vreneli (Aline Beetschen) agiert als lebensweise, aber auch sperrige, mit schwerer Kindheit belastete Lichtgestalt, die erst nach langen Umwegen den Herzenszugang zu Ueli findet –und umgekehrt.

400 Seiten in 95 Minuten

Keine Umwege geht die Stückfassung von Tim Krohn. Er hat den über 400 Seiten starken Entwicklungsroman von Jeremias Gotthelf (1797-1854) mit dem Pseudonym Albert Bitzius geschickt auf eine Spieldauer von 95 Minuten komprimiert – und auf einen Handlungsort, den Glunggenhof, konzentriert. Auf dem Ballenberg ist dies das Bauernhaus von Madiswil.

Hier wird die Vorgeschichte in Rückblenden vor dem gleichen Gebäude gezeigt: Es ist Ueli, der trinkfreudig-verluderte, im Umgang mit Geld überforderte Knecht, der von seinem Meister Johannes abgemahnt wird, von diesem aber auch eine neue Chance erhält. Und sie nutzt. Was ihm mehr Einkommen und die Aussicht auf den Wechsel an den Glunggenhof ermöglicht.

Krohn lässt den Prediger und Moralisten Gotthelf aussen vor. Er verzichtet auch auf die eine oder Gewalteskalation: so wird der dünkelhaft-protzige Baumwollhändler aus Basel (Urs Althaus), der sich das hochnäsige Elisi (Pia Ablpanalp) vom Glunggenhof schnappt und dem Vreneli nachstellt, von Letzterer nicht mit einem Scheit mitten ins Gesicht beworfen.

Dafür fokussiert Krohn auf den Entwicklungsweg des verführbaren Ueli, der gerade in Liebesdingen kurvenreich verläuft, in beruflicher Kompetenz aber zunehmend an Profil gewinnt. Bernhard Schneider, der einzige Profidarsteller, kriegt diesen Wankelmut und Wandel mit allen Wellenfahrten und Abstürzen bis hin zum wahren Durchglühen der Liebe mit aufgekratzter Verschlagenheit und Mutterwitz überzeugend hin.

Handfestes und Erstarrtes

Das Regieduo Renate Adam und Regina Wurster arbeitet die Schnittstellen und Rückblenden, die Ueli als Traumsequenzen erlebt, mit Stimmen aus dem Off, Nebelschwaden und musikalischen Verfremdungen oder Mystifizierungen (Ben Jeger) raffiniert heraus. Handfestes Gemenge mit Raufereien, zänkischen Weibern und Zeter-Mordio-Gerufe von aufgebrachten Männern auf Pferdefuhrwerken prägen ebenso den Inszenierungsstil wie eingefrorene Standszenen.

Dazu gehört auch der Schluss mit dem sich küssenden Liebespaar Ueli und Vreneli, das zwischen Tauf- und Beerdigungsgesellschaft erstarrt. Wie der Eheweg des Paares verlaufen wird – darauf kann man sich dann nächsten Sommer in der Aufführung von «Ueli der Pächter» freuen.

Standing ovation an Premiere

Dass der Schalk und die Komik so lebensnah rüberkommmen und auch viel Anrührendes spürbar wird, ist einmal mehr den 36 mitwirkenden Laiendarstellern zu verdanken, die das Gelände weiträumig bespielen – indessen ohne den Garten von der Glungge, dessen Buchs an Pilzbefall leidet und daher geschont wird. Die Jungen wie die älteren Semester präsentieren sich in spielfreudiger Laune und gehen nicht selten handfest zur Sache, wenn die Konflikte zu eskalieren drohen. Dem Premierenpublikum gefiel der kurzweilige Abend – und dankte dies mit Standing Ovations.

Berner Zeitung

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